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Statt Salami Zukunft als Familienpferd

Gesundes Fohlen vor Schlachthaus gerettet Statt Salami Zukunft als Familienpferd

Wer sich ohnehin ein Pferd anschaffen möchte, der sollte überlegen, ob er nicht ein Schlachtfohlen freikaufen möchte. Jetzt ist die Zeit dazu, die Auktionen laufen, sagt Pferdebesitzerin Anja Fröhlich.

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Leander (von links), Vivien, Anja und Leonie Fröhlich sind glücklich mit ihrem Haflinger Amadeus.

Quelle: Manfred Schubert

Rauischholzhausen. Vor einem Jahr hat sich Anja Fröhlich den Haflinger Amadeus gekauft und ist mehr als zufrieden. Amadeus wäre sonst Salami-Wurst geworden. Neugierig und ohne Scheu kommt der junge Haflinger mit der blonden Mähne und der unregelmäßigen weißen Zeichnung auf der braunen Stirn heran, schnuppert an dem unbekannten Besucher, auch die Kamera interessiert ihn.

Er hat Glück gehabt. Tausende seiner Altersgenossen haben nicht einmal ihr erstes Lebensjahr vollenden können, sondern landeten im Schlachthaus. Nicht, weil sie krank sind, sondern weil insbesondere Haflinger, aber auch Noriker weit über den Bedarf hinaus gezüchtet werden. Nur wenige, die dem aktuellen Modeideal entsprechen, erzielen hohe Verkaufspreise oder werden für die Zucht weiterverwendet.

Bis zu 90 Prozent davon, jährlich etwa 3000 Tiere in Süddeutschland und Österreich, werden nach dem Sommer, in dem sie noch die Urlaubsgäste mit ihrem niedlichen Anblick erfreuen durften, zu einer der vielen Versteigerungen gekarrt. Dort erzielen sie einen Preis von etwa 1,80 Euro pro Kilogramm Gewicht.

Solche Zahlen sind auf Internetseiten von Tierschutzorganisationen, zum Beispiel www.animal-spirit.at, veröffentlicht. Dort sind auch die häufig qualvollen Umstände der zumeist nach Italien führenden Transporte und bei den dort im Akkord durchgeführten Schlachtungen beschrieben. Aus den Fohlen werden letztlich „Delikatessen“.

"Ihr seid ja verrückt" sagten viele Bekannte

Vor einem Jahr haben sich die Bauerbacherin Anja Fröhlich und ihre Tochter Vivien Fröhlich dafür entschieden, eines dieser Fohlen freizukaufen. Der im Februar 2013 geborene „Amadeus“ war damals siebeneinhalb Monate alt. „Viele Bekannte sagten, ihr seid ja verrückt, ein Schlachtfohlen, also die ‚Katze im Sack‘ zu kaufen. Andere meinten, wir würden damit die Züchtung von Schlachtfohlen unterstützen“, erzählte Anja Fröhlich, während sie Amadeus, der auf einem Hof in Rauischholzhausen untergebracht ist, das Halfter anlegte.

Ihr sei klar geworden, dass die meisten Menschen nicht wissen, was da wirklich passiere. „Sie denken, es handle sich um kranke Tiere oder solche ohne richtige Abstammung und Papiere. Dabei sind es Tiere mit einem super Stammbaum, denn es könnte ja eine Zuchtstute oder ein Hengstkandidat werden, und sie wachsen optimal auf, zumindest das erste halbe Jahr lang,“ berichtete Fröhlich.

Kürzlich sei sie wieder einmal am Stall von Leuten angesprochen worden, die meinten, sie hätten hier zum ersten Mal etwas davon gehört. Ein Paar möchte jetzt sogar ein Fohlen aufnehmen, freute sie sich. Und dachte sich, ein Zeitungsbericht könnte jetzt, da die Versteigerungen in vollem Gange sind, noch mehr Menschen erreichen. Und, falls sich jemand ohnehin ein Pferd anschaffen möchte, dazu anregen, vielleicht auch ein Schlachtfohlen freizukaufen.

Dass so ein Fohlen erst einmal mehr Arbeit macht, als ein „reitfertiges“ Tier zu erwerben, möchte Anja Fröhlich nicht verschweigen. „Zum Glück konnten wir Amadeus zunächst Milch von einer Stute geben, das hat ihm sofort Vertrauen zu uns gegeben. Mit Möhren zum Beispiel konnte er noch nichts anfangen“, erinnerte sie sich.

Bis zu jenem Tag , als er hier ankam kannte er nur die Berge, auf denen er sich frei bewegen durfte. Reiten kann man auch noch nicht auf ihm. Aber es hat auch enorme Vorteile, dass man von Anfang an eine sehr enge Beziehung aufbauen kann,“ ist sie überzeugt. Sie habe „durchweg positive Erfahrungen“ gemacht.

Tierschützer zahlen nie mehr als der Metzger

Amadeus kommt auf der Weide herbei, wenn man ihn ruft. Er gibt die Hufe auf Befehl, so dass man sie kontrollieren kann, kann rückwärts gehen, gibt „Küsschen“. „Und er ist ein begnadeter Fußballer“, berichten die Besitzerinnen stolz.

Nur lebe der Ball meist nicht sehr lange. Diesmal haben sie einen großen aufblasbaren Strandball mitgebracht. Tatsächlich kickt er ihn ihr einige Male mit dem Vorderhuf zurück. Dann befördert Anja Fröhlich ihn weiter weg. Amadeus hüpft mit allen Vieren zugleich in die Luft und stürmt hinterher. Kickt mit den Vorderhufen nach ihm, springt über ihn, einmal scheint es, als wolle er mit einem Hinterhuf nach ihm treten.

Er sei auch sehr trittsicher, da er seine ersten Lebensmonate in Tirol auf einer Alm stand, auf jener, auf der der alte Heidi-Film gedreht worden sei, sagt sie. Und führte weitere Übungen vor, die sie mit Amadeus regelmäßig macht, damit ein sicheres, ruhiges Reitpferd aus ihm wird.

Die dunkle, raschelnde Plastikplane über seinem Kopf ängstigt ihn nicht und auch ihr Knistern, als er über auf der Plane aufgestellte Hindernisse schreitet, stellt kein Problem dar. Und noch ein Kunststückchen: Amadeus steigt durch einen großen blauen Ring, den ihm Tochter Vivien Fröhlich hinhält.

Zeichnung auf der Stirm brachte ihm den Namen "Hühnchen" ein

Der vielleicht einzige „Makel“, den dieses Pferd hat, ist jene unregelmäßige weiße Zeichnung auf seiner Stirn. Familie Fröhlich hat in den Umrissen ein „Hühnchen“ erkannt und es so benannt. 500 Euro hat Amadeus, inklusive der Grenzformalitäten, gekostet. Es wird immer nur so viel vom Tierschützer bezahlt wie auch der Metzger bezahlt hätte. Das ist eine feste Regel, damit nicht für den Tierschützer und um sich auf diese Weise zu bereichern gezüchtet wird.

Weitere Informationen gibt es auf der Internetseite von „Animal Spirit“, www.animal-spirit.at. Auch Infos und Fotos zu Fohlen, die vermittelt werden sollen. Die Tiere werden nur gegen einen Überlassungsvertrag (Verpflichtung zu artgerechter Haltung, keine Weiterzucht, keine Schlachtung) abgegeben. Ebenso unterwww.pferdevermittlung.de.

Wer sich zunächst mit Anja Fröhlich persönlich über ihre Erfahrungen unterhalten oder weitere Tipps bekommen möchte, kann sie unter faszination.fell@email.de oder unter 0157/81790666 kontaktieren.

von Manfred Schubert

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