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Statt Brückensprengung weiße Fahnen

70 Jahre Kriegsende in Weimar Statt Brückensprengung weiße Fahnen

Noch wenige Stunden vor dem Eintreffen der US-Truppen zogen fliehende deutsche Soldaten durch die heutige Gemeinde Weimar. In Niederweimar sollte es noch einmal zur Gegenwehr kommen.

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Hans Schneider aus Niederweimar erlebte den 28. März 1945 als Zehnjähriger. Später zeichnete er die Szene auf der Allnabrücke, die eigentlich gesprengt werden sollte. Dort begrüßten der damalige Bürgermeister und der spätere Bürgermeister die US-Amerikaner mit weißen Fahnen.

Quelle: OP-Repro

Weimar. Ja, Niederweimar sollte den fliehenden deutschen Soldaten noch einmal einen Puffer geben. Dort sollte die Allnabrücke gesprengt werden. Der damalige Bürgermeister Müller war NSDAP-Parteimitglied und erhielt wenige Tage vor Ankunft der US-Truppen Besuch von hochrangigen deutschen Soldaten.

Sie wollten ihn dazu bewegen, vor der Ankunft des Feindes die Allnabrücke zu sprengen, um die Weiterfahrt nach Marburg zu verzögern. Müller widersetzte sich, denn es hieß, dass der Feind gnadenlos wüten würde, wo er auf Widerstand treffe.

Der Bürgermeister wollte Niederweimar nicht der Gefahr eines Beschusses aussetzen und wurde schließlich von den Soldaten weggeführt. Doch rettete ihn dann seine Parteizugehörigkeit - fürs erste. Am 28. März 1945 ging er zusammen mit dem späteren Bürgermeister Gerlach auf die Allnabrücke. Einzige „Bewaffnung“ waren zwei weiße Fahnen, mit denen sie eine gefahrlose Überquerung der Brücke signalisieren wollten.

Müller rettete so sein Dorf und sicher viele Menschenleben. Er selbst ging als NSDAP-Mitglied in Kriegsgefangenschaft. Er kehrte zwar zwei Jahre später zurück, doch stark gesundheitlich angegriffen. Er starb als 60-Jähriger an den Folgen seiner erlittenen Entbehrungen.

Fahne rettet Kirchturm vor Beschuss

Hans Schneider vom Geschichtsverein Weimar hat diese Geschichte direkt nach der Befragung von damaligen Zeitzeugen aufgeschrieben. „Das war eine sehr mutige Entscheidung der beiden Männer“, sagt Schneider noch heute. Er kann sich selbst daran erinnern, dass die zuvor durchgezogenen deutschen Soldaten durchaus auch von der Zivilbevölkerung als „Feiglinge“ beschimpft wurden, die sich umdrehen sollten, um dem Feind wieder entgegenzugehen.

Hans Schneider berichtet auch von einer Herzlichkeit der Amerikaner gegenüber Kindern, aber auch davon, dass sein Vater durch einen Trick sein Motorrad vor Konfiszierung rettete. Er hatte die Zündkerze entfernt und eine Kabelverbindung gekappt. Geschossen wurde dann doch noch. Die Panzerrohre richteten sich allerdings Richtung Marburg. „Die großen Geschosshülsen haben wir Schuljungen später eingesammelt und als Edelmetall verkauft“, sagt Schneider.

Auch die bereits verstorbene Heimat-Mundartdichterin Katharina Kraft aus Niederwalgern, die viele ihrer Gedichte in der OP veröffentlichte, schrieb ihre Erinnerungen an den 28. März 1945 auf. In Niederwalgern hatte ein „junger Landwirt, der Großvater des heutigen Ortsvorstehers von Niederwalgern eine weiße Fahne an den Kirchturm gehängt und so das Dorf vor Beschuss gerettet. Er wurde später zum Bürgermeister des Ortes gewählt.

Notfallkonfirmation - nur für alle Fälle

Katharina Kraft sah am 28. März 1945 erstmals farbige Menschen in Reihen der US-Soldaten. Als 14-Jährige erhielt sie von den Soldaten Schokolade und Kaugummi. „Es war das erste Kaugummi in meinem Leben“, schreibt sie. Doch nicht alle in Niederwalgern trauten dem Frieden. Der damalige Pfarrer ließ mitteilen, dass er für die Konfirmanden gleich am nächsten Tag eine Notkonfirmation plane.

Für den Fall, dass ihnen doch noch etwas zustoßen sollte, wären sie dann wenigstens konfirmiert. „So zog ich dann am Morgen des 29. März mein Konfirmationskleid an. Es war ein schwarzes Kleid aus einem festlich glänzenden Stoff. Meine Mutter flocht mir meine dunkelblonden Zöpfe und band zur Feier des Tages in jeden Zopf eine weiße Schleife. Als dies unsere Soldaten sahen, bestaunten sie mich und ich verstand nur, dass mein Vater etwas über Protestant erzählte.“

Katharina Kraft konnte sich nicht mehr daran erinnern, ob und was es zu essen gab. Aber sie wusste noch ganz genau, dass ihre Familie bis spät in die Nacht mit den Amerikanern zusammensaß und dass ihnen viel Zuneigung entgegengebracht wurde.

Allein musste sie wenig später doch noch trauern - um ihren lieben Bruder, der als 16-Jähriger noch eingezogen worden war und beim völlig sinnlosen Kampf um Berlin am 25. April 1945 sein Leben verloren hatte. Er hatte seiner Schwester noch eine hübsche Uhr zur Konfirmation schicken wollen.

von Götz Schaub

 
Hintergrund
Das Kriegsende ist mehrfach Thema in der Schriftenreihe „Heimatwelt“, die vom Geschichtsverein Weimar herausgegeben wird. Alle bisher erschienenen Ausgaben stehen online auf der Homepage der Gemeinde Weimar unter www.gemeinde-weimar.de zum Lesen, Ausdrucken oder Herunterladen kostenlos zur Verfügung.
 
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