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Sie will lieber Holz hacken als sich knipsen lassen

Elfriede Seitner wird 102 Sie will lieber Holz hacken als sich knipsen lassen

„Das habe ich nie geglaubt, dass ich so alt werde, dass ich jetzt so alt bin“, sagt Elfriede Seitner, die vor 102 Jahren im Altvatergebirge geboren wurde.

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Elfriede Seitner lebt seit knapp acht Jahren im Seniorenheim in Leidenhofen, davor seit 1946 in Heskem. Das Bild hinter ihr zeigt ihr früheres Haus in ihrer Heimat im Sudetenland.

Quelle: Manfred Schubert

Leidenhofen. Wer sie sieht, wird ihr Alter auf vielleicht 80 Jahre schätzen, aber am Sonntag feiert sie ihren 102. Geburtstag. In ihrem Zimmer im Seniorenheim steht zwar seit einem Jahr, nach einem Sturz, ein Rollator, doch den brauche sie nur im Dunkeln, zur Sicherheit. Und ihr Händedruck ist erstaunlich kräftig.

Man nimmt Elfriede Seitner sofort ab, dass sie lieber Holz hacken würde als die Knipserei des Pressefotografen über sich ergehen zu lassen. „Machen Sie mich schöner, als ich bin“, fordert sie den Fotografen mehrmals auf. Gern nimmt sie sich und ihr Alter etwas auf den Arm. Früher habe sie auch über Johannes Heesters gelästert, dass der sich in seinem Alter und mit seinem Aussehen noch im Fernsehen zeige.

Elfriede Seitner hat zwei Drittel ihres Lebens im Ebsdorfer Grund verbracht, aber ihre Heimat liegt im Altvatergebirge im Sudetenland. In ihrem Zimmer hängt ein Bild des von Wald umgebenen Hauses in Friedrichsdorf, in dem sie bis nach dem Zweiten Weltkrieg mit ihrem Mann und den zwei Söhnen lebte, nebenan eine Kuh, zwei Ziegen und ein Schwein. Der jüngere Sohn, Walter, hat es einst nach einer alten Schwarzweiß-Fotografie vom Wittelsberger Gotthard Lapp malen lassen und dem Vater zum 70. Geburtstag geschenkt.

Mädchen für alles – im Kuhstall und auf dem Feld

Sowohl die Eltern von Elfriede, geborene Pompe, als auch die Eltern ihres Mannes Franz, eines Waldarbeiters, den sie 1929 heiratete, arbeiteten in der Landwirtschaft für den Grafen Harrach. 1931 kam der erste Sohn Franz zur Welt, 1941 folgte Walter. Der Ehemann geriet als Soldat in Kriegsgefangenschaft. Elfriede und ihre Söhne wurden 1946 ausgesiedelt. Sie wurden mit anderen Familien vom Bahnhof Fronhausen auf Pferdeanhängern nach Heskem gebracht und kamen auf einem Bauernhof unter. Um die Kinder und sich durchzubringen, arbeitete sie bei verschiedenen Bauern. „Ich war Mädchen für alles, im Kuhstall und auf dem Feld“, erinnerte sie sich.

1949 wurde ihr Mann kurz vor Weihnachten aus der Gefangenschaft in Tiflis entlassen. „Das soll mein Vater sein“, habe der jüngere Sohn beim Anblick des mit einer Russenmütze und Schuhen mit Holzsohlen Bekleideten gefragt. Zunächst musste er ins Krankenhaus, nach seiner Erholung begann er im Baugewerbe zu arbeiten. Elfriede übernahm später bei verschiedenen Familien die Betreuung von Kindern. Sie freut sich besonders, wenn sie einen von ihren ehemaligen Schützlingen trifft. Der Jüngste, Johannes, den sie noch als Baby hütete und der sie Tante Seitner nennt, kommt demnächst in die Schule.

Selbst hat sie vier Enkelkinder und sechs Urenkel. Ihre erste Ururenkelin wurde vor zwei Monaten in Flensburg geboren, sie wird im April erstmals zu Besuch kommen.

Vier Enkelkinder und sechs Urenkel

Als Mitte der 70er Jahre das alte Feuerwehrgerätehaus in Heskem verkauft wurde, erwarb die Familie dieses und baute es zum Wohnhaus um. 1984 starb ihr Mann, vor knapp acht Jahren wurde das Haus verkauft und Elfriede zog ins Seniorenheim in Leidenhofen. Im vorigen Jahr starb ihr älterer Sohn.

 Es soll diesmal keine große Feier wie zum 100. Geburtstag geben, sondern Verwandte und Bekannte werden ab Sonntag über mehrere Tage verteilt zu Besuch kommen und Elfriede Seitner zu ihrem stolzen Geburtstag zu gratulieren.

von Manfred Schubert

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