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Sichtbares Zeichen gegen das Vergessen

Roth Sichtbares Zeichen gegen das Vergessen

Es war eine bewegende Zeremonie: Am Sonntag wurden die neuen „Stolpersteine“ zum Gedenken an jüdische Mitbürger in Roth offiziell enthüllt.

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Im Uhrzeigersinn: Bis auf den letzten Platz war die Synagoge am Sonntag besetzt. Schüler erinnerten an den Stolpersteinen an das Leben der Opfer und legten Rosen nieder. Gunter Demnig verlegte die Stolpersteine bereits am Samstag.

Quelle: Andreas Schmidt

Roth. Bereits am Samstagmorgen hatte der Kölner Künstler Gunter Demnig 23 weitere seiner europaweit bekannten Stolpersteine zu verlegen. Diese Pflastersteine mit Messingkopf sind mit den Daten der Menschen versehen, die Opfer des Nazi-Regimes wurden. Sie werden dort in den Boden eingelassen, wo die Menschen gewohnt und gelebt haben.

Am Sonntag stand dann die Enthüllung der Steine statt: Mehr als 100 Menschen waren zur Synagoge in Roth gekommen, um der feierlichen Prozession beizuwohnen.

„Wir sind überwältigt, dass so viele Menschen hier zusammengekommen sind“, sagte Dr. Annegret Wenz-Haubfleisch, Vorsitzende des Arbeitskreises Landsynagoge Roth. Gunter Demnig bringe mit seinen Stolpersteinen „jedes einzelne Leben in Erinnerung.“ Nun erinnere man 23 weiterer Einzelschicksale. Doch Wenz-Haubfleisch zeigte auch Unverständnis. Denn: „Die Steine für die Familien Bergenstein und Roth konnten wir leider nicht vor deren einstigem Zuhause verlegen lassen, weil die heutigen Bewohner nicht zugestimmt haben.“ Eine solche Ablehnung fast 70 Jahre nach den Gräueltaten der Nazis „stimmt nachdenklich und macht betroffen.“ Daher seien die neun Steine für diese beiden Familien vor der Synagoge verlegt worden.

Eine besondere Rolle kam acht Kindern aus Roth zu: Sie hatten Texte mit Stationen aus dem Leben der einzelnen Personen vorbereitet, die sie an den einzelnen Stolperstein-Stationen vorlasen und dazu Rosen niederlegten.

Landrat Robert Fischbach betonte, dass gerade die jüngere Generation „in einem viel schnelleren Rhythmus“ lebe. Thema folge auf Thema, es finde eine permanente Verdrängung statt. In Roth indes widme man sich bereits seit mehr als 20 Jahren „intensiv diesem Kapitel deutscher Geschichte - und eine ganz hervorragende Arbeit geleistet.“ Dies habe auch zu „höchster Anerkennung durch die Überlebenden und Nachfahren“ geführt. „Kann es ein größeres Kompliment für diese geleistete Arbeit geben?“, fragte der Landrat.

Weimars Bürgermeister Peter Eidam sagte, man wolle in Roth mit den Stolpersteinen „nachhaltig auf die Schicksale aufmerksam machen und mit der Stolperstein-Aktion ein sichtbares Zeichen gegen das Vergessen setzen.“

Finanziert wurden die Stolpersteine und die dazu erschienene Broschüre zum Großteil mit Fördergeldern der Region Marburger Land. Hinzu kamen auch Spenden.

Eidam lobte die „aufwändige Recherche“ des Arbeitskreises Landsynagoge Roth: „Aus vielen Puzzleteilen entstanden so Dokumentationen, die unter de Haut gehen - vor allem auch deshalb, weil es uns schwer fällt zu begreifen, was auch in unserer Gemeinde passiert ist.“

Die Stolpersteine gäben den Opfern ein Stück Identität zurück. Eidam erinnerte daran, wie laut Gunter Demnig ein Schüler die Stolpersteine definiert habe: „Bei einer Berührung fällt man nicht hin. Man stolpert - aber mit dem Kopf und dem Herzen. Und um den Text zu lesen, muss man automatisch eine Verbeugung machen.“

von Andreas Schmidt

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