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Schlepper, Trecker und ganz viel Nostalgie

OP-Serie: Mein Oldtimer-Traktor Schlepper, Trecker und ganz viel Nostalgie

„Wenn dieser Virus dich mal gepackt hat, willst du ihn gar nicht mehr los werden“, sagt Reinhold Deutsch. Gemeint ist seine in Bayern entdeckte Passion für richtig alte Landmaschinen, insbesondere Schlepper.

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Niederwalgern. Reinhold Deutsch ist vorbelastet. Seine Liebe für alte Zugmaschinen und auch alte landtechnische Geräte mag etwas mit seiner Kindheit zu tun haben. Sein Vater war Nebenerwerbslandwirt und so war es für ihn und seinen Bruder Alltag, sich bei den anfallenden Arbeiten mit einzubringen. „Königsdisziplin“ war dabei natürlich das Schlepperfahren, mit 14 auf der Straße, auf dem Acker auch schon mit jüngeren Jahren. 1957 gingen die Kühe als Helfer auf dem Acker bei der Familie Deutsch in Rente und machten Platz für das „Ackermoped“ – Ein Hanomag-Zweitackter mit unglaublichen 12 Pferdestärken, also was allgemein mit PS abgekürzt wird.  Mit dieser Information wird der liebevolle Beiname „Acker­moped“ wohl verständlich.

1966 wurde der Hanomag durch einen Massey Ferguson ersetzt, der es schon auf 27 PS brachte. „Ich war damals noch zu jung und hatte andere Dinge im Kopf, als darauf zu achten, wo der Hanomag hingekommen ist. Wenn es den noch gibt, würde ich ihn sehr gerne zurückkaufen“, sagt Reinhold Deutsch. Denn seine echte Leidenschaft für die Schlepper entdeckte er erst 1995, als er beruflich bedingt in Oberbayern wohnte. Dort entflammte er für einen „Eicher“. Das kam nicht von ungefähr. Schließlich lebte er in Forstern, genau dort, wo die Gebrüder Eicher einst ihre Traktorenfabrik hatten. Nun steht dieser „Eicher“ bei ihm in Niederwalgern, so schön hergerichtet, als habe er keine zehn Tage auf dem Acker verbracht. Er ist der ganze Stolz von Deutsch. Immerhin benötigte er für die Instandsetzung volle zwei Jahre, gute 2 000 Arbeitsstunden. „Die vier Kinder sind groß, da hat man dann schon mal Zeit für so ein Hobby“, sagt er. Von Hause aus ist er auch Elektroingenieur und hatte somit gar keine Hemmungen, den Haufen „Schrott in Rost“, was einmal ein Schlepper war, zu zerlegen, zu säubern, zu restaurieren und zu dem zu machen, was es jetzt ist, ein wahres Schmuckstück: Ein Eicher Mammut EM 600 S, Baujahr 1967, 60 PS. Infiziert vom „Eicher-Virus“ folgte ein Eicher Leopard, Baujahr 1963. „Der fristete auf dem Gelände einer Tankstelle sein tristes Dasein, wurde wohl ab und an zum Schnee schieben benutzt“, sagt Deutsch.

Viele Gleichgesinnte

Während der zwei Jahre, die er für die Herrichtung seines ersten historischen Schleppers benötigte, hatte Deutsch sehr viele Kontakte zu Gleichgesinnten geknüpft, die ihn darin bestärkten, seinem Drang weiterzumachen nachzugeben. Und so sammelte er mittlerweile einige Zugmaschinen und Arbeitsgerätschaften, die nicht nur einfach so im Verborgenen stehen, sondern auch bei entsprechenden Motto-Veranstaltungen zum Einsatz kommen oder wenigstens dort öffentlich bestaunt werden können.  „So soll es ja auch sein, die Leute, vor allem Kinder, stehen gerne vor solchen Maschinen. Für viele ist es ja gar nicht vorstellbar, dass das die Gerätschaften waren, die in der Landwirtschaft zum Einsatz kamen.“ Deutsch ist in Niederwalgern und Umgebung wahrlich nicht der einzige mit diesem Hobby. Gleichgesinnte finden sich in der losen Vereinigung der Landtechnikfreunde Niederwalgern zusammen. Und als solche organisieren sie auch verschiedene Events, etwa den historischen Erntetag direkt neben dem Gelände des Fun-Parks. „In diesem Sommer planen wir den ersten Niederwälger Dreschtag“, verrät Deutsch. Konkret für alle, die dabei sein wollen: er wird am 14. August stattfinden.

Dreschen also. Eine Dreschmaschine nennt Deutsch übrigens auch sein Eigen. Die hat er aus Reutlingen „an Land gezogen“. „Ja, man kommt so auch ganz schön rum“, schmunzelt Deutsch. Traktor-Mehrtagesfahrten mit Gleichgesinnten führten ihn unter anderem ins Mittelrheintal und durch das Sauerland. Ein selbstgebauter, offiziell zugelassener Schäferwagen ersetzt ihm übrigens den Wohnwagen. So hat Deutsch noch einen Wunsch, außer seinen alten Hanomag wiederzuhaben? Ja, ein bestimmter „Lanz“-Traktor wäre fein. So einer mit Glühkopf. Was früher richtig nervig war, weil der Traktormotor eine gute Viertelstunde vor dem Start vorglühen musste, ist heute eine gesuchte Rarität. „Dementsprechend teuer können sie auch sein“, sagt Deutsch. Ach ja: Deutsch freut sich sehr, dass es auch schon oder noch junge Menschen gibt, die sich für das Hobby begeistern können, etwa Phil Ammenhäuser aus Lohra (Foto). Der kommt gerne zu den Landtechnikfreunden und liest sich tief in die Nachschlagewerke über Traktoren ein. Sein Wunsch: „So einen Oldtimer kann ich mir schon vorstellen.“ Mal sehen, was daraus wird.

von Götz Schaub

  • Wer auch einen Traktor-Schatz in der OP vorstellen möchte, sendet seine Kontaktdaten und eine kurze Beschreibung des Traktors einfach per E-Mail an landkreis@op-marburg.de
Eicher-Traktor

1941 gegründet, erlebte die Firma Eicher ihre beste Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Und sie war nicht einfach irgendeine von den vielen Schlepperherstellern. 1948 baute Eicher den ersten Dieselschlepper mit einem luftgekühlten Motor. Ein bahnbrechender Erfolg. 1970 stieg Massey Ferguson mit ein, in den 80er Jahren gab es finanzielle Engpässe, mehrere Besitzerwechsel. 1992 war dann endgültig Schluss mit Eicher.

Bekommen die Trekkie-Fans, also nicht die Trecker-Fans, sondern die Fans der TV-Serie Raumschiff Enterprise (Star Trek) glänzende Augen, wenn sie von der „Raubvogelklasse“ der klingonischen Raumschiffflotte reden, dann bekommen die irdischen Trecker-Fans mitunter selbige, wenn sie von der „Raubtierklasse“ sprechen. Eicher baute unter anderem Traktoren mit dem Namen Panther, Leopard, Tiger und Mammut.  Und ausgeliefert wurden diese in der schönen Farbe „Alpenblau“, ein Markenzeichen der Eicher-Traktoren.

Hintergrund

"Traktor Classic“, „Schlepper Post“ oder „Oldtimer Traktor“ heißen die Magazine, die die Herzen von Fans historischer Traktoren schneller schlagen lassen. Zahlreiche Schleppertreffen im In- und Ausland zeugen davon, dass es eine große Nachfrage nach historischen landwirtschaftlichen Zugmaschinen gibt. Der Kleinanzeigenmarkt in den Magazinen sowie die Verkaufsangebote auf diversen Internetplattformen boomen. Die Statistik des Kraftfahr-Bundesamtes weist für den Stichtag 1. Januar 2015 mehr als 324 600 Land- und forstwirtschaftliche Zugmaschinen aus, die Baujahr 1975 und älter sind. Das sind wohl gemerkt nur die, die noch eine Zulassung haben. Die vielen vielen Sammlerstücke, die bei Privatleuten in Hallen stehen, sind da gar nicht mit eingerechnet. „Das ist ein riesiger Markt geworden“, sagt Reinhold Deutsch über sein nostalgisches Hobby.

 Es gibt praktisch nichts, was es nicht gibt. Wenn mal wirklich kein Originalteil aufzutreiben ist, kann man sich mit Nachbauten behelfen. Wer also einen Schlepper restaurieren will, hat mit etwas Geduld gute Chancen, fehlende, kaputte oder einfach nicht mehr zu rettende Teile irgendwo durch andere zu ersetzen. Mitunter kann das aber schon mal ganz schön ins Geld gehen, denn baugleiche historische Schlepper sind keinesfalls Massenprodukte. Viele wurden generell nur in kleiner Stückzahl gebaut, weil sich die Technik so schnell entwickelte, dass es sich gar nicht lohnte, Schlepper auf  Vorrat zu produzieren. An den hohen Entwicklungs- und Produktionskosten sind dann wohl auch viele Firmen in Deutschland gescheitert, vom Markt verschwunden oder aufgekauft worden. Kaum zu glauben, in Zeiten des Aufschwungs nach dem Krieg gab es allein hierzulande bis zu 130 Herstellerfirmen.

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