Volltextsuche über das Angebot:

12 ° / 7 ° Regenschauer

Navigation:
Salsa, Brandteig und die perfekte Bohne

OP-Jubiläumsserie: "Das wär mal eine(r)" Salsa, Brandteig und die perfekte Bohne

„Es ist wie Familie.“  Thorsten Bock führt ein Leben in stetem Miteinander von Menschen mit und ohne Behinderungen – bei der Arbeit in der Kaffeerösterei und in seiner Wohngemeinschaft auf Jonges Hof in Kehna.

Voriger Artikel
Ein Acker-Superheld so stark wie 38 Pferde
Nächster Artikel
Rudelsingen, Theater, Natur und Gemeinschaft

Thorsten Bock sitzt in der Rösterei der Gemeinschaft in Kehna auf einem Haufen von Kaffeesäcken.

Quelle: Carina Becker

Kehna. Bohne um Bohne geht am Sortiertisch durch Thorsten Bocks Hände. „Nö, das ist kein Stress, da bleib‘ ich ganz in der Ruhe“, sagt der 37-Jährige betreute Mitarbeiter der Kaffeerösterei der Gemeinschaft in Kehna und strahlt übers ganze Gesicht. Indes warten tausende und abertausende von frisch gerösteten Kaffeebohnen in großen Metalleimern darauf, von Hand verlesen zu werden.

Im Obergeschoss des Cafés, einem lichtdurchfluteten Raum in einer umgebauten Scheune, spielt sich Bocks Arbeitsalltag ab. „Das Sortieren muss sorgfältig gemacht werden. Wenn wir zu schnell sind, bleiben viele verbrannte oder noch helle Bohnen drin – und dann müssen wir noch einen Durchgang machen“, erläutert er und schiebt energisch ein Häuflein von zu dunkel geratenen und bereits aussortierten Kaffeebohnen zusammen. „So eine genaue Qualitätskontrolle, das gibt es ja kaum noch, aber bei uns wird das so gemacht“, erzählt er stolz und berichtet, dass die kleine Rösterei von Kehna aus ihre Kunden in ganz Deutschland und auch im Ausland beliefert.

Arbeit in der Rösterei ist Thorsten Bocks Favorit

Den Kaffee malen, eintüten, verpacken, die Etiketten für den Versand herstellen. „Ich hab hier Abwechslung – und wir haben viel Spaß bei der Arbeit“, schwärmt Thorsten Bock. „Es gibt immer was zu tun, aber wir machen einfach alles eins nach dem andern – und wenn wir zwischendurch einmal etwas Zeit übrig haben, dann setzen wir uns nicht einfach auf den Hintern, sondern dann spielen wir Wunschmusik. Und was gewünscht wird, das wird auch gespielt“, erklärt der 37-Jährige energisch und juchzt begeistert.

Das Leben in der Gemeinschaft in Kehna, wie das so ist? „Ich bin gern hier. Und ich hoffe, dass ich hier bleiben, weiter arbeiten und alt werden kann“, fasst Bock es zusammen.
Bei der Gemeinschaft in Kehna, wo das gemeinsame Leben und Arbeiten im Mittelpunkt steht, war er bereits im Gartenbau tätig und auch in der Küche. Die jetzige Arbeit in der Rösterei ist ganz klar sein Favorit. „Ich kann hier immer was dazulernen.“ Zum Beispiel, wie größere Kaffeelieferungen für den Versandweg durch eine Folienverpackung und Polsterung so abgesichert werden, dass nichts kaputtgehen kann. „Das hab ich noch nicht gemacht, das will ich mir noch draufschaffen, wie das mit dem Einwickeln geht.“

Der Alltag des 37-Jährigen ist angefüllt mit Dingen, die er leidenschaftlich gern macht. Tanzstunden in Marburg, Akkordeon-Stunde, gemeinsames Singen und Ausflüge mit der Freizeit-Gruppe. „Zuletzt waren wir auf dem Christenberg und haben uns dort die heilige Quelle angeschaut – wir haben auch unsere Becher aufgefüllt und das Wasser getrunken“, berichtet er und schwärmt: „Das ist toll dort, wer da noch nicht war: Nichts wie hin!“ Auch Bocks Begeisterung fürs Tanzen wirkt direkt ansteckend. „Wir fangen mit Diskofox an, dann kommen Cha-Cha-Cha und Bachata, eine Art Salsa“, berichtet er. Er selbst mag jeden Tanz, „ich tanze, was so kommt“, erzählt er über den Unterricht, den er immer montagabends mit weiteren Mitgliedern der Kehnaer Gemeinschaft in Marburg besucht.

Auch für die Freizeit steckt Thorsten Bock sich Ziele. Als nächstes will er gemeinsam mit einem Wohngenossen üben, einen Brandteig zu machen. „Warum? Ganz einfach. Erstens, weil die Windbeutel lecker schmecken. Und zweitens, weil das mal was anderes ist als immer Biskuitkuchen oder Philadelphia-Torte.“ Typisch Thorsten Bock – nie um eine Antwort verlegen.

Thorsten Bock gehört seit den 90er Jahren zur Gemeinschaft

Ganz wichtig für den 37-Jährigen: die Zeit mit seiner Freundin Nadine. „Ich habe noch keine Stunde mit ihr bereut und bin immer sehr glücklich mit ihr“, formuliert er aus dem Stegreif druckreif und freut sich  ganz gewaltig darüber, dass er auf Nadines Geburtstagseinladungen „immer an erster Stelle“ steht. „Ich hoffe, wir werden noch viele schöne Stunden miteinander haben.“

Thorsten Bock kommt aus Niederwalgern. Zur Gemeinschaft in Kehna gehört er schon seit den 1990er Jahren, als ihr Aufbau dort begann. „Nach Niederwalgern komme ich jetzt nicht mehr so oft“, erzählt er und in seiner Stimme schwingt plötzlich Wehmut mit. Der 37-Jährige trauert um seine Mutter Marianne, die vor noch nicht allzu langer Zeit starb. „Ihr Zimmer steht jetzt leer – und die Oma und der Opa kämpfen sich durch, für sie ist es am schwersten“, sagt er und fügt entschieden an: „Sie sind tapfer, und ich bin das auch. Irgendwie muss es weiterlaufen.“

Thorsten Bock tröstet sich mit liebgewonnenen Erinnerungen. „Als wir zusammen wandern waren, das war schön. Mit meiner Mutter hab‘ ich mich gut verstanden, da gab‘s keinen Streit und kein Trara“, erzählt er so pointiert, wie es für ihn typisch ist.

In die Trauer des 37-Jährigen mischt sich überraschend schnell auch wieder Freude. Über seine neue Betreuerin, Lucia Korzen aus Gladenbach, ist er glücklich. „Ich hab‘ auch schon dort übernachtet – das kann man jederzeit wieder machen“, sagt er glucksend und zitiert die Amtsrichterin, die die Betreuungssituation neu geregelt hat. „Sie hat gesagt, es kann mir nichts Besseres passieren, als die Luci zur Betreuerin zu bekommen. Und das stimmt.“

von Carina Becker

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr