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Rolf Zacher spielt sich selbst

Auftritt in Niederwalgern Rolf Zacher spielt sich selbst

Die 30 Zuhörer verloren sich ein wenig im Zuschauerraum des Musik- und Kulturhauses. Womöglich war der Abend mit dem Schauspieler und Sänger Rolf Zacher doch zu kurzfristig angesetzt und zu wenig beworben worden.

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Rolf Zacher sprach, las und sang im Musik- und Kulturhaus in Niederwalgern.

Quelle: Manfred Schubert

Niederwalgern. Dann werde er eben nur eine halbe Stunde machen, witzelte Zacher zu Beginn. Am Ende waren es dann doch über zwei Stunden: Erzählen, Dialog mit dem Publikum, drei Lieder und zwischendurch immer wieder ein bisschen Lesung aus Zachers Autobio­grafie. Die Pause konnte man getrost dazuzählen, denn auch da sprach er vor der Halle mit den Besuchern und spielte zwischendurch torkelnd einen Betrunkenen, was er besonders gern tue.

Nach zehn Minuten trug er die ersten beiden chansonartigen Lieder vor, die Zacher mit seiner ausdrucksvollen, etwas rauchigen Stimme singt: „Ich warte auf nichts“ zum Playback, „Das Licht der Sterne“ besonders schön, weil live am Klavier begleitet von Jacqueline-Melek Stein, der Tochter von Gülba­har Stein. Durch Zachers Bekanntschaft mit der Fronhäuserin kam der Auftritt überhaupt erst zustande.

Buntes Gemisch aus Anekdoten, Geschichten und Berichten

Ein weiteres Lied von der 2008 erschienenen CD „Latest Hits“, „Kottbusser Tor“, gab es dann erst ganz am Ende - auf Zuhörerwunsch als Zugabe. Bis dahin bot Zacher ein buntes Gemisch aus Anekdoten, kleinen Geschichten und Berichten aus dem bewegten Leben Zachers als Antworten auf Fragen aus dem Publikum, ganz kleine, eher nebenbei eingeschoben erscheinende Leseteile aus seiner Autobiografie „Endstation Freiheit“. Es erschien alles sehr spontan, kein geplanter Ablauf des Abends war erkennbar, aber Zacher behauptete augenzwinkernd: „Ich bin so gern auf der Bühne, das ist Theater für mich, das ist nichts aus der Hüfte, alles auswendig gelernt.“

Beispielsweise erfuhr man aus der Schilderung der Dreharbeiten zur Serie „Auf Achse“, dass Schauspielerkollege Manfred Krug nie die Texte lernte, sondern sie auf DIN-A4-Zettel ausdruckte, damit die Scheibe des Lastwagens bis auf einen Guckschlitz beklebte oder sie sogar am Ärmel von Zacher befestigte, falls dieser seinen Arm in einer Szene nicht brauchte.

Als Siebenjähriger landete Zacher mit seiner Familie als Flüchtlinge aus dem Osten bei einer Bauernfamilie nahe Göttingen. Dort erfuhr er die ersten Wahrheiten über das Verhältnis zwischen Männern und Frauen und wurde biologisch aufgeklärt. Er beobachtete durch ein Astloch den Geschlechtsakt zwischen einem Deckhengst und einer Stute und wunderte sich, warum man ihm immer verboten hatte, Zeuge dieses wundervollen Aktes zu sein.

Besuch bei Uli Hoeneß

Aktuell habe er vor, Nadja Tiller im Seniorenheim zu besuchen. Vielleicht werde man sogar heiraten. Auch Uli Hoeneß wolle er, der einst selbst im Knast saß, besuchen. Aber der sitzt ja noch gar nicht, erfährt er aus dem Publikum.

Zwischen all dem authentisch, witzig, ironisch, ehrlich und selbstkritisch herüberkommenden Geplaudere ab und zu ein Appell: man müsse das Herz öffnen für das, was passiert in der Welt. Manchmal reiche ein Lächeln, aber das Mitgefühl sei verkümmert unter den Menschen. In Deutschland gebe es 40000 Straßen­kinder, in Berlin am Alexanderplatz seien diese eine Touristenattraktion.

In Niederwalgern erlebten die Zuschauer einen etwas planlos anmutenden, aber recht amüsanten Abend mit einem sehr offenen und nahbaren Künstler. Der versprach, nochmals zu einem Auftritt zu kommen, mit mehr Vorlauf und hoffentlich mehr Publikumszuspruch. Ohnehin möchte Gülbahar Stein noch mit Zacher und anderen ein Benefizprojekt für syrische Flüchtlinge veranstalten.

von Manfred Schubert

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