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Reue schützt nicht mehr vor einer Gefängnisstrafe

33-Jähriger verurteilt Reue schützt nicht mehr vor einer Gefängnisstrafe

Schuldspruch im Drogen-Prozess: Das Landgericht Marburg hat einen 33-Jährigen aus dem Südkreis zu einer Freiheitsstrafe von vier Jahren und sechs Monaten verurteilt.

Marburg. Dem mehrfach vorbestraften Mann wurde vorgeworfen, mit Cannabis in großen Mengen gehandelt zu haben. Dem Urteil ging am dritten Prozesstag ein rund achtstündiger Verhandlungsmarathon voraus. Das Gericht beschränkte die Strafverfolgung letztendlich auf zwei Fälle von Cannabis-Handel, von denen einer als „bewaffnetes Handeltreiben“ eingestuft wurde. Eingestellt wurde das Verfahren in Bezug auf ein Körperverletzungsdelikt sowie das Mitführen von Pilzen und Amphetaminen.

Fall eins betrifft ein Vorkommnis vom 19. November 2012. Damals wurde der Beschuldigte in der Marburger Innenstadt festgenommen, nachdem er versucht hatte, sich einer Personenkontrolle zu entziehen. Das Gericht verständigte sich darauf, den Widerstand, den der Angeklagte bei seiner Festnahme leistete, nicht weiter zu verfolgen. Übrig blieb aber der Vorwurf des Cannabis-Handels. Wenige Tage, nachdem der Mann am 19. November 2012 für etwa einen Monat in U-Haft genommen worden war, zeigte er der Polizei sein Drogenversteck. In einem Waldstück in der Gemeinde Ebsdorfergrund hatte er kiloweise Cannabis gebunkert.

Der zweite für das Urteil relevante Fall ereignete sich am 7. Oktober 2014, als Polizisten das Haus des Angeklagten im Südkreis durchsuchten. Dabei stellten die Einsatzkräfte acht Kilo Cannabis, erneut mehr als 7000 Euro Bargeld sowie ein Messer und einen Teleskopschlagstock sicher. Beide Gegenstände lagen griffbereit im Schlafzimmer des 33-Jährigen, der erneut in U-Haft genommen wurde.

Sein Verteidiger Sascha Marks widersprach der Verwertung sämtlicher Ergebnisse der Hausdurchsuchung vom 7. Oktober 2014. Begründung: Anlass der Hausdurchsuchung waren Ermittlungen wegen eines Verdachts auf versuchten Totschlag - und nicht Drogenhandel. Einer der beteiligten Polizisten hatte zuvor erklärt, dass bei der Hausdurchsuchung Drogenexperten dabei gewesen waren. Dafür, so Sascha Marks, „fehlten ein Durchsuchungsbeschluss und ein Tatverdacht.“ Der zusätzliche Beschluss zu einer Durchsuchung auf Drogen hätte laut Marks nachgeholt werden können - „eine Erweiterung hat aber meines Wissens nicht stattgefunden.“

Eine weitere Ungereimtheit besteht aus Marks‘ Sicht darin, dass der Durchsuchungsbeschluss vom 16. Juni 2014 datiert. Dass in einem Ermittlungsverfahren wegen versuchten Totschlags fast drei Monate vom Durchsuchungsbeschluss bis zur Vollstreckung vergingen, erscheint dem Anwalt völlig unverständlich.

Vernommen wurde noch ein Zeuge, der in der vorherigen Verhandlungsrunde unentschuldigt fehlte. Der 23-Jährige lebte in dem Haus, in dem sich eine Cannabis-Plantage befand. Er erinnerte sich an eine Ernte durch den Angeklagten, den er nach eigenen Angaben zwar „nicht wirklich“ kannte, aber als autoritär und kontrollwütig beschrieb.

Experte: Angeklagter kann Verantwortung tragen

Ein psychiatrischer Gutachter bescheinigte dem Beschuldigten eine sogenannte „schizotypische“, psychosenahe Persönlichkeitsstörung. Er halluziniere immer wieder, weise einen Hang zum Missbrauch von Betäubungsmitteln auf und benötige therapeutische Hilfe - aber: „Ich sehe eine Verantwortung, die er tragen kann.“

Der Angeklagte beteuerte: „Ich möchte in meinem Leben definitiv einen Cut machen.“ Er betonte seine Bereitschaft, eine Therapie zu machen und bei einem weiteren Verstoß eine harte Strafe zu akzeptieren. „Ich möchte Hanf nicht dämonisieren, aber er hat mich hier hingebracht und das ist nicht gut.“

Staatsanwalt Sebastian Brieden plädierte auf eine Gesamtfreiheitsstrafe von fünf Jahren und sechs Monaten und die Unterbringung des Angeklagten in einer Entziehungsanstalt. Eine Rechtswidrigkeit der Hausdurchsuchung am 7. Oktober 2014 vermochte der Staatsanwalt nicht zu erkennen, „die Beamten des Betäubungsmittelkommissariats mussten erst hinzugezogen werden.“ Und dass ein Durchsuchungsbeschluss erst nach Monaten vollstreckt werde, sei nichts Ungewöhnliches. „Es gibt Entscheidungen, dass auch neun Monate alte Durchsuchungsbeschlüsse vollstreckt werden können“, sagte Brieden, der selbst nicht mit den Ermittlungen im Falle der versuchten Tötung einer jungen Frau im Mai 2014 befasst ist. Verteidiger Sascha Marks hielt eine Gesamtfreiheitsstrafe von zwei Jahren und fünf Monate für ausreichend, beantragte aber, den Haftbefehl gegen eine Kaution von 10000 Euro außer Vollzug zu setzen. Sein Mandant weise eine besondere Haftempfindlichkeit auf und sei bereit, eine elektronische Fußfessel zu tragen.

33-Jähriger akzeptiert die Gefängnisstrafe

Der Vorsitzende Richter Gernot Christ legte das Strafmaß auf vier Jahre und sechs Monate fest. Der Mann wird seine Strafe im Maßregelvollzug verbüßen, wo er die Möglichkeit zum Entzug erhält und auf eine Entlassung nach zwei Jahren hoffen kann. Drei Monate Vorwegvollzug in einer Justizvollzugsanstalt muss der 33-Jährigen nicht absitzen, da seine U-Haft anrechnet wird. Der Angeklagte und sein Verteidiger erklärten Rechtsmittelverzicht, Gleiches kündigte Staatsanwalt Brieden an.

von Björn-Uwe Klein

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