Volltextsuche über das Angebot:

18 ° / 0 ° wolkig

Navigation:
Rechts, links, genial verkehrt herum

Spiegelschrift-Künstler Rechts, links, genial verkehrt herum

Dieser Mann ist ein Phänomen, das internationale Neurowissenschaftler fasziniert. Der Beidhänder Kasimir Bordihn kann Spiegelschrift schreiben - und das in gleich drei Varianten. Aus seiner „Gabe“ hat er eine neue Kunstform erschaffen.

Voriger Artikel
Klage steht Baustart noch entgegen
Nächster Artikel
Ebsdorf - leistungsstarkes Fachwerkdorf

Kasimir Bordihn vor seinem Lieblingsbild, das erst durch Spiegelungen seine Wirkung entfaltet und „unendlich“ wird. Der 69-jährige Niederwalgerner Künstler kann spiegelverkehrt in drei Varianten schreiben.

Quelle: Nadine Weigel

Niederwalgern. Es ist kurz nach dem Krieg, als Kasimir Bordihn die Schulbank drückt. Nachsitzen. Schon wieder. Der Junge ist aufgeweckt, liebt Sport, besonders Fußball. Freiheit bedeutet ihm alles. Er will nicht Nachsitzen, will keine Strafarbeit ableisten. Sein strenger Lehrer hat ihm aufgebrummt, ganze 1000 Mal folgenden Satz zu schreiben: „Ich habe geschwätzt...“

Kasimir Bordihn fackelt nicht lange und beginnt, auf einem Blatt Papier zu schreiben. Ganz normal mit der rechten Hand - und parallel - mit der linken Hand in Spiegelschrift. „Es ging ganz natürlich, ganz einfach“, erinnert sich Kasimir Bordihn heute - rund 60 Jahre später. „Ich schrieb meinen Strafsatz beidhändig und habe also nur die Hälfte der Zeit gebraucht“, erzählt er lachend und springt auf, um aus der Ecke ein riesiges Ölgemälde zu holen.

Denn Kasimir Bordihn ist Künstler. Während der 69-Jährige im bürgerlichen Leben als Siegfried Schulz eine Fachtierarztpraxis betreibt, lebt er sein zweites Leben unter dem Pseudonym Kasimir Bordihn als Kunstschaffender.

 

Und es ist erstaunlich, was er erschafft: zum Beispiel das Eckspiegelbild - sein Lieblingskunstwerk und gleichzeitig Sinnbild seiner Kunst. Das in Schwarz-Weiß gehaltene Werk ist das größte Ölbild der Welt, wie Bordihn selbst scherzend erläutert. Insgesamt drei Spiegel sind an der Seite, oben und unten an dem Gemälde angebracht. Wirkt die Leinwand ohne die Spiegel zwar ganz interessant, so offenbart sich mit den Spiegeln eine ganz neue, faszinierende Welt. Das Bild scheint unendlich zu sein. „Das besondere an diesem Werk ist, dass es noch in den kleinsten Winkel Größe bringt“, sagt Bordihn. Die Spiegelungen verleihen dem Werk seine Sinnhaftigkeit und seinen Zauber, es scheint sich in die Unendlichkeit zu erstrecken. „Unendlich in den Himmel und unendlich in die Tiefe, in die Finsternis“, so beschreibt es der umtriebige Künstler.

Bordihn ist ein Phänomen. Seine - wenn man es so nennen mag - „Gabe“ wird von internationalen Wissenschaftlern genau unter die Lupe genommen. Kürzlich erst veröffentlichten zwei Neurowissenschaftler der Universität Edinburgh ihre Studien über Kasimir Bordihn in den renommierten Fachmagazinen „Cognitive Neuropsychology“ und „the psychologist“.

Drei Varianten von Spiegelschrift

Das Faszinierende: Bordihn ist nicht nur in der Lage, spiegelverkehrt zu schreiben. Das können viele Linkshänder ganz automatisch. Bordihn aber kann es auch simultan zur rechten Hand. Noch bemerkenswerter ist, dass er ein „normal“ geschriebenes Wort gleich drei Mal spiegelverkehrt schreiben kann: 1.Er schreibt mit der rechten Hand „normal“ von links nach rechts. 2.Er schreibt mit der linken Hand rückwärts von rechts nach links. 3.Er schreibt mit der rechten Hand von links nach rechts die Buchstaben auf dem Kopf stehend, sodass man das Wort erst erkennen kann, wenn man das Blatt Papier dreht und vor einen Spiegel hält. 4.Er schreibt die Buchstaben mit der linken Hand rückwärts von rechts nach links auf dem Kopf stehend, sodass man auch hier das Wort erst lesen kann, wenn man das Blatt Papier dreht und in einem Spiegel betrachtet. Faszinierend - da sind sich die Wissenschaftler einig.

Bordihn liebt es, mit seiner „Gabe“ zu spielen. Das spiegelt sich in seiner Kunst wider, in der er zum Beispiel das gesamte Werk von Hermann Hesse auf einer Leinwand verewigt. Unzählige Sätze reiht er spiegelverkehrt in klitzekleiner Schrift hintereinander. Von weitem als wunderbar wirre Gebilde zu bestaunen, offenbart sich erst in der Nähe und vor allem im Spiegel der tiefere Sinn des Werkes.

Test der Post

Bordihn testet aber auch gern seine Mitmenschen. Am liebsten die Post. Oft schreibt er sich aus fernen Ländern Karten, die er in Spiegelschrift an sich selbst adressiert. „Ich schaue dann, ob die Karten ankommen oder nicht“, sagt Bordihn lachend. Meistens kamen sie bisher an.

Für ihn ist seine Beidhändigkeit etwas ganz Normales. „Ich bin überzeugt, dass das jeder kann, es ist reine Übungssache“, sagt der, dessen Vorbild der wohl berühmteste Spiegelschriftschreiber Leonardo da Vinci ist. Wichtig sei, dass Kindern, die linkshändig veranlagt seien, nicht aufgezwungen werde, mit der rechten Hand zu schreiben. „Es geht hier um Motorik, aber auch darum, beide Gehirnhälften zu nutzen“, erklärt Bordihn und fügt lächelnd hinzu: „Das kann bei vielen Dingen von Vorteil sein.“

Hintergrund: Spiegelschrift
Unter Spiegelschrift versteht man eine Schrift, die erst bei einer Betrachtung durch einen Spiegel in herkömmlicher Weise lesbar ist. Eine Spiegelschrift auf Basis der lateinischen Schrift verläuft also von rechts nach links, im Hebräischen und Arabischen umgekehrt. Oft sind es Linkshänder, die Spiegelschrift beherrschen. Leonardo da Vinci – ebenfalls Linkshänder – verfasste viele Manuskripte in Spiegelschrift. Früher wurde Spiegelschrift auch als Geheimschrift genutzt.

von Nadine Weigel

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Von Redakteur Nadine Weigel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr