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„Pyrrhus-Sieg, der vielen schadet“

Kritik an Fahrplan-Änderung „Pyrrhus-Sieg, der vielen schadet“

Werden die Gemeinden zu „Western-Geisterstädten, in denen die Strohballen durch die verlassenen Straßen rollen“? Dieses Bild beschwören die Bürgermeister Andreas Schulz und Reinhold Weber herauf.

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Die Bürgermeister Andreas Schulz (links) und Reinhold Weber zeigen am Bahnhof Fronhausen den Plan mit den zwölf Zughalten, die zum Fahrplanwechsel 2015 wegfallen sollen.

Quelle: Andreas Schmidt

Fronhausen. Zwölf Zughalte auf der Bahnstrecke der Main-Weser-Bahn sollen zwischen Gießen und Marburg gestrichen werden. „Am vergangenen Dienstag fand eine Vorstandssitzung des Regionalen Nahverkehrsverbands statt. Dabei teilte Verkehrsdezernent Dr. Karsten McGovern mit, dass eine Aufsichtsratssitzung des Rhein-Main-Verkehrsverbunds den Wegfall der Zughalte beschließen werde“, erläutert Ebsdorfergrunds Bürgermeister Andreas Schulz am Bahnhof in Fronhausen.

Dieser Beschluss hätte einen „drastischen Abbau der Möglichkeiten, ein- und auszusteigen zur Folge - das würde insgesamt elf Kommunen und einige Stadtteile von Gießen und Marburg gravierend benachteiligen“, so Schulz.

Dieser Wegfall der Zughalte gehe auf eine Initiative der Universitätsstadt Marburg zurück. Denn die Stadt wolle, dass die Reisenden vom Hauptbahnhof schneller in Frankfurt ankämen. Schneller bedeutet in diesem Fall zwölf Minuten. „Und für diese zwölf Minuten werden unsere Gemeinden abgehängt“, moniert Fronhausens Bürgermeister Reinhold Weber.

„Die Position der Stadt Marburg wurde in der RNV-Versammlung auch Neustadt, Stadtallendorf und Kirchhain schmackhaft gemacht - mit dem Argument, dass, sollten sie den Plänen zustimmen, Züge verlängert werden könnten. So könnte man diese Städte besser anbinden“, sagt Schulz. Die Ostkreis-Städte hätten sich „von diesem Argument ködern lassen“ und folglich für die Argumentation der Stadt Marburg gestimmt. Diese Rechnung sei jedoch nicht aufgegangen, wie Schulz weiß. Denn: „Dr. Karsten McGovern hat in die Vorstandssitzung des RNV nicht nur die Hiobs-Botschaft mitgebracht, dass die Zughalte zum Fahrplanwechsel 2015 gestrichen werden sollen - sondern er hat auch mitgeteilt, dass die Züge nicht verlängert werden sollen.“

Laut Schulz war dies also „ein Pyrrhus-Sieg, der vielen schadet und nur der Stadt Marburg nutzt - die noch nicht einmal Mitglied im RNV ist.“ Schulz wettert: „Wenn ein Nicht-Mitglied jetzt so geholfen bekommt, fragen der Kollege Weber und ich uns, ob unsere Mitgliedschaft jetzt noch angebracht ist.“ Der Gemeindevorstand Ebsdorfergrund habe bereits beschlossen, auszutreten, „wenn der RMV beschließt, diese Zughalte zu schleifen und insbesondere den Bahnhof Fronhausen, der für uns besonders wichtig ist, zum Wildwest-Bahnhof zu machen.“ Die 7000 Euro Mitgliedsbeitrag könne man sich sparen, „wenn die Politik den ländlichen Raum abhängt.“

McGovern: Umstellung gut für Kommunen im Norden

Schulz und Weber sind sich einig, dass es absurd für die Pendler sei, jetzt erst nach Marburg fahren zu müssen, wo es keine kostenlosen Parkplätze gebe, um dann in einen Zug zu steigen, der durch den eigentlich geplanten Einstiegsort fahre. „Und das, obwohl in Fronhausen extra Park-and-Ride-Parkplätze geschaffen und der Bahnhof aufgerüstet wurde. Das ist ein Schildbürgerstreich ohne Ende“, macht Schulz seinem Ärger Luft.

Reinhold Weber kritisiert indes, dass es für die Entscheidung zum Wegfall der Zughalte „nicht einmal ein vernünftiges Gutachten“ gegeben habe. „Der RMV stützt sich meines Wissens nach ausschließlich auf die Ausführungen der Initiative Main-Weser-Bahn im Takt.“ Normalerweise würden vor einer solch weitreichenden Entscheidung zumindest Verkehrsgutachten oder wenigstens eine gutachterliche Stellungnahme eingeholt.

„Hier wird jedoch einfach eine Fahrplan-Puzzlearbeit einiger Hobby-Eisenbahner ohne jegliche Überprüfung und Hinterfragung übernommen - mit der Folge für einige hundert Pendler“, ärgert sich Weber. Auch er habe im Parlament die Thematik bereits angesprochen. „Und wir werden uns dem Austritt auch anschließen“, droht er. Und betont: „Es kann nicht sein, dass wegen zwölf Minuten Einsparung alles auf der Strecke bleibt.“ Weber befürchtet weitere Konsequenzen - auch wirtschaftlicher Art: „So hat sich beispielsweise die Firma Schneider in Fronhausen angesiedelt, weil eine gute Bahn-Anbindung ins Rhein-Main-Gebiet vorhanden ist, um gute Mitarbeiter zu bekommen“, sagt er. Und auch für die Firma Seidel seien die Zughalte essentiell wichtig. Dabei habe es Alternativen gegeben, weiß Weber. Wie etwa in Mecklenburg-Vorpommern, wo man die Möglichkeit geschaffen habe, „dass Pendler mit ihrem Ticket kostenlos den IC nutzen können.“ Dies sei auch für den RMV denkbar.

Zwölf Züge fallen weg - drei neue kommen hinzu

Der Erste Kreisbeigeordnete Dr. Karsten McGovern beurteilt die Situation als Verkehrsdezernent für Marburg-Biedenkopf anders - und relativiert die Problematik: „Ja, da ist eine Schlechterstellung für Fronhausen und Niederwalgern, aber die Dimension ist jetzt auch nicht so groß.“

McGovern erklärt den Sachstand und die bevorstehenden Veränderungen. Züge von Marburg über Fronhausen nach Frankfurt verkehren derzeit an Werktagen mit 33 Halten am Tag. Nach der geplanten Umstellung würde sich die Zahl auf 27 Halte reduzieren. Es gäbe von Frankfurt nach Marburg mit Halt in Fronhausen noch 30 Verbindungen am Tag, derzeit sind es 35. Am Wochenende hält der Zug Marburg - Frankfurt nicht in Fronhausen. Derzeit fahren bei der Hessischen Landesbahn täglich insgesamt Züge von Marburg Richtung Frankfurt. Die Zugverbindung ab Frankfurt um 16.22 Uhr soll nach der Umstellung auch weiterhin alle Halte an der Strecke bedienen.

„Zwölf Züge fallen also tatsächlich weg“, sagt McGovern und verweist darauf, dass der RMV pro Tag allerdings ein zusätzliches Zugpaar - hin und zurück - mit allen Halten anbieten will. „Somit fielen nur neun Züge weg“, führt er aus.

Für Marburg und die Region nördlich davon ergeben sich, dem Verkehrsdezernenten zufolge, erhebliche Vorteile: ein schnellerer Zugverkehr durch bessere Umsteigemöglichkeiten etwa für Lahntal und Wetter, eine günstigere Anbindung an die Obere Lahntalbahn sowie die Burgwaldbahn.

Demgegenüber stünden zwar Verschlechterungen für Fronhausen. Gleichwohl habe die Südkreis-Gemeinde dann immer noch eine stündliche Anbindung. Und die Verbesserungen für Marburg und die nördlichen Anrainer seien aufgrund der dort größeren Fahrgastzahl höher zu bewerten.

Zu Schulz und Webers Androhung, die Mitgliedschaft ihrer Gemeinden im Verkehrsverbund zu kündigen, sagte McGovern: „Es wäre ratsam, zu überlegen, ob dieser Schritt verhältnismäßig ist.“ Am 21. November soll der RMV-Aufsichtsrat über die Umstellung beschließen. McGovern geht davon aus, dass die neue Taktung kommt.

von Andreas Schmidt und Carina Becker

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