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Prächtige Spitze selbst unterm Rock

Tracht des Jahres Prächtige Spitze selbst unterm Rock

Sie kommt aus dem heutigen Tschechien – und ist so vielseitig wie die Kultur der Heimatvertriebenen, die ab dem Jahr 1945 Mundart, Musik und die Tracht mitgebracht haben in ihre neue Heimat.

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Farbenfrohe Trachten aus dem Egerland: Frauen aus den Gmoin Dillenburg, Herborn und Marburg präsentierten ihre traditionellen Gewänder. Sonja Gebauer-Schwab (am Mikrophon) gab Erläuterungen zur Tracht. Irmgard Heinl zeigte, dass sich selbst unterm Rock prächtige Spitze verbirgt. Die sieht man, wenn die Röcke beim Tanz fliegen.

Quelle: Carina Becker

Niederwalgern. Die Egerländer Tracht ist die Tracht des Jahres. Die berühmten Karlsbader Oblaten, Egerländer Glaskunst und Blasmusik von eben dort – all dies ist den meisten Menschen ein Begriff. Doch wer kennt sich mit den alten Trachten aus dem Egerland aus? Das sind die Brauchtumspfleger aus den Egerländer Gmoin, ehemalige Heimatvertriebene, die am Sonntagnachmittag im  Musik- und Kulturhaus in Niederwalgern ihr Wissen weitergaben.

Das Haus war voll besetzt. Rund 160 Trachtenträger und Gäste begingen gemeinsam einen Nachmittag ganz im Zeichen des Brauchtums. Der Bezirk Mitte in der Hessischen Vereinigung für Tanz- und Trachtenpflege, von seiner Gebietsstruktur identisch mit dem Landkreis Marburg-Biedenkopf, hatte zu dem Fest eingeladen. Im Mittelpunkt standen die Trachten des Jahres, die der Verband von 2006 an jährlich vorgestellt hatte, Schwerpunkt lag dabei auf der diesjährigen Tracht des Jahres, die aus dem Egerland kommt, wie Bezirksvorsitzender Reiner Sauer ankündigte.

Zu Gast waren deshalb Mitglieder aus drei Gmoin, das sind die Verbände, in denen sich die Heimatvertriebenen nach ihrer Ausweisung aus dem heutigen Gebiet Tschechiens, früher ein Teil Deutschlands, zusammengeschlossen haben. Gmoin sind an vielen Orten in Hessen entstanden, aktuell sind ehemalige Heimatvertriebene in 21 Gmoin in Hessen und in 100 in Deutschland aktiv. Und in Hessen gibt es sogar noch fünf aktive Jugendgruppen in den Gmoin. Dies berichtete Hans-Jürgen Ramisch, Pressesprecher der Egerländer Gmoi Dillenburg, die gemeinsam mit Verbandskollegen aus Herborn und Marburg die Trachtenpräsentation gestaltete.

Torsten Frischkorn, Vorsitzender der Hessischen Vereinigung für Tanz- und Trachtenpflege (HVT), freute sich über die Brücke, die gerade zwischen Egerländer Gmoin und heimischen Trachtengruppen entsteht. Die Gmoin wollen sich der HVT anschließen – und Frischkorn war zuversichtlich, dass dieses neue Bündnis schon während der bevorstehenden Herbsttagung besiegelt werden könne.

Festliche Vielfalt mit Seide, Hauben und Silberschmuck

Die Egerländer Tracht ist im HVT-Bezirk Mitte die erste Tracht des Jahres, die ihren Ursprung nicht in der Region selbst hat. Die acht heimischen Trachten, die noch getragen werden in Marburg-Biedenkopf, hob die HVT in den zurückliegenden acht Jahren bereits aufs Podest. Träger all dieser Trachten bewunderten die Besucher des Tags der Tracht in Niederwalgern dann auch ausgiebig. Zu sehen waren die Tracht des Amts Biedenkopf, die Marburger evangelische und katholische Tracht, die Tracht des Untergerichts Breidenbacher Grund, die Rauschenberger Tracht, die Tracht des Obergerichts Breidenbacher Grund, die Tracht vom Amt Blankenstein (Gladenbach), die Schweinsberger Tracht und schließlich die Egerländer Tracht.

Letztere präsentierten die Vertreter der Gmoin in ihrer ganzen festlichen Vielfalt mit prächtigen bestickten Stoffen, viel Seide, großen Schultertüchern, Hauben und Silberschmuck. Dass es gar nicht so einfach ist, die Egerländer Trachten so zusammenzustellen, wie sie einst in der früheren Heimat getragen wurden, verdeutlichte Sonja Gebauer-Schwab, die so genannte Vüarstäihare (Vorsitzende) der Egerländer Gmoi Dillenburg, am Beispiel von Karlsbader, Egerer, Marienbader und Bischofssteinitzer Tracht. Vor allem bei Letzterer gehe dies ins Geld, wenn es sich um eine Frauentracht handelt, „rund 1.000 Euro muss man rechnen, da es sich um eine Seidentracht handelt“.

Schwere Trachtenröcke und spitzenbesetzte Schürzen

Trachten einpacken und aus dem Egerland mitnehmen nach Deutschland? Fehlanzeige. 1945/46 wurden die Heimatvertriebenen in Viehwaggons verfrachtet und weggebracht, „30 Kilo durften unsere Eltern und Großeltern mitnehmen“, berichtete Sonja Gebauer-Schwab. Deshalb blieben die prachtvoll bestickten Hauben, die schweren Trachtenröcke und die spitzenbesetzten Schürzen zumeist zurück. „Aber vieles lässt sich rekonstruieren“, sagte die Fachfrau und erklärte die einzelnen Stücke der Bischofssteinitzer Tracht.

Lange Unterhosen mit Spitze, „damit es beim Tanzen auch etwas zu sehen gibt, wenn die Röcke fliegen“, handgestrickte weiße Strümpfe mit aufwendigen Musterungen, ein einfarbiger Rock mit schwarzer Spitze, eine Seidenschürze, ein schwarzes Mieder, Schultertuch, gern prächtig verziert mit Blumenmustern, darunter eine weiße Bluse mit gepufften Ärmeln, „Hemerd“ genannt, Gürtel und Schleifenband auf der Tracht. Dazu gehört Silberschmuck mit böhmischen Granaten, große Ketten aus Silber mit Glassteinen und Medaillons, um ein Foto darin aufzubewahren.

Irmgard Heinl aus Rauischholzhausen, Geschäftsführerin der Gmoi Marburg, führte eine original aus dem Egerland stammende Haube vor, die sie bei einer Trachtenaktion im Vogtland ergatterte – ein prachtvolles Stück, ganz mit Goldfäden bestickt.

Neben den Trachtenpräsentationen gehörten am Sonntag auch schwungvolle Musik von der Hessischen Trachtenkapelle Wohratal und traditionelle Trachtentänze heimischer Gruppen zum Programm. So ließen neben Tänzern aus den Gmoin Dillenburg und Herborn auch die jugendlichen und erwachsenen Trachtentänzer aus Speckswinkel sowie die Kindergruppe aus Emsdorf ihre Röcke fliegen.

von Carina Becker

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