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Das Handy kommt als Erstes ins Gepäck

„Politikparcours“ für Schüler Das Handy kommt als Erstes ins Gepäck

Warum fliehen Menschen aus ihrer Heimat? Und wieso haben sie ein Handy dabei? Wie funktioniert eigentlich Integration? Mit solchen Fragen setzen sich Schüler aus dem Landkreis bei einem „Politikparcours“ auseinander.

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Mit Fluchtwegen und den gefährlichen Situationen unterwegs beschäftigen sich die Schüler an einer Station mit einem Spiel: Ereigniskarten erschweren den Weg durch fremde Länder oder lassen den Spieler seinen Pass verlieren.

Quelle: Patricia Grähling

Niederweimar. Die Schüler der Sophie-von-Brabant-Schule in Marburg stehen in der Kälte vor dem Bürgerhaus in Niederweimar. In einer Reihe aufgestellt warten sie. Sie dürfen nur einzeln hinein, müssen sich registrieren. Gestresste Mitarbeiter des bsj Marburg – der sich der Jugendsozialarbeit verschrieben hat – blicken kaum von ihren Papieren auf. Sie fragen wenig freundlich nach Name und Alter, teilen die Schüler dann wahllos in Kleingruppen ein. Freunde werden voneinander getrennt. So zeigen Susanne Kaiser und Pia Thattamannil den Schülern eindrucksvoll, wie sich Flüchtlinge vielleicht bei ihrer Ankunft in Deutschland fühlen. „Schön war das nicht“, sagen die Schüler hinterher.

Aber nicht nur mit dieser ­Registrierung will das Team des bsj und des Projekts „misch mit“ die Schüler für die Situation von Flüchtlingen sensibilisieren und sie dazu bringen, sich ihre eigene Meinung zu bilden, ins Gespräch zu kommen, Verständnis zu haben. Auf die Schüler der siebten und achten Klassen wartet in dieser Woche in Niederweimar nämlich ein Politikparcours unter dem Motto „Refugees Welcome“. An verschiedenen Stationen beschäftigen die Schüler sich mit Flucht, Meinungsbildung, Menschenrechten und der Integration. Dabei werden sie vor allem dazu angeregt, sich selbst Gedanken zu machen.

Brettspiele und Gespräche in Kleingruppen

„Ich kann meinen Pass nicht abgeben, den brauche ich noch“, protestiert eine Schülerin laut. Sie spielt in ihrer Gruppe ein Brettspiel, bei dem es um Flucht geht. Sie hat eine Ereigniskarte gezogen und verliert dadurch ihren Pass. Ihr Mitspieler findet das Brettspiel doof – er wird immer wieder weit zurückgeworfen, muss neue Wege­ ­suchen, verliert fast alles. Zuvor haben die Schüler ein Video gesehen, in dem zwei Jungs aus Afghanistan von ihrer Flucht erzählen. Bei den Erkenntnissen, die sie nun selbst im Spiel gewinnen, werden sie von Mitarbeiterinnen des bsj betreut. „Das ist wichtig. Vor allem, weil in den Klassen zum Teil auch Flüchtlinge sind. Sie sehen das, und dann kommen die Erinnerungen hoch“, erklärt Kaiser.

Intensive Gespräche entstehen aus einer Geschichte, die in einer anderen Kleingruppe vorgelesen wird. Es geht um Missverständnisse, wie sie in einer Schulklasse mit Zuwandererkindern entstehen könnten. Es geht um die Probleme bei der Integration und darum, wie wichtig es ist, miteinander ins Gespräch zu kommen und nachzufragen, statt Vorurteile zu haben.

In der Geschichte kommt ein Mädchen aus Pakistan nicht mit auf einen Klassenausflug, eine Radtour ist geplant. Viele Teilnehmer des Parcours denken sofort, dass ihr Papa dem muslimischen Mädchen den Ausflug verboten hat. „Aber vielleicht kann sie einfach nicht Fahrrad fahren und schämt sich?“, fragt eine Schülerin in die Runde. Auch ein Flüchtling ist in der Gruppe. Er sagt leise: „Sie hat bestimmt Angst, weil sie nicht so gut Deutsch kann. So geht es vielen Freunden von mir.“ Er selbst könne nicht schwimmen, stand bei einem Klassenausflug an den See nur daneben und schaute zu. „Man schämt sich“, gibt er zu.

Kleidung, ein Seil, Campingkocher, Reisepass – die Schüler spielten „Ich packe meinen Koffer ...“ in der Fluchtvariante: drei Minuten Zeit, um fünf Gegenstände für die Flucht einzupacken. Foto: Patricia Grähling
   

Unter Anleitung der Betreuerinnen machen die Schüler sich auch Gedanken über Menschenrechte. Welche Rechte­ sollte jeder Mensch haben? „Gleichberechtigung“ – das ist vielen Schülern an dem Vormittag besonders wichtig. Aber auch Freiheit, Sicherheit und freie Meinung fallen den Schülern ein. Dass diese Rechte nicht jeder Mensch bekommt, wissen sie aber auch: „In der Türkei darf man nicht gegen Erdogan sprechen“, erklärt ein Schüler. „Und in Deutschland werden Kinder geschlagen“, fügt ein Mädchen an. Und: Flüchtlinge dürfen in Deutschland ihren Wohnsitz nicht frei wählen und nicht auf Reisen gehen – für Deutsche ist dies jedoch ein Grundrecht.

Warum Flüchtlinge ein Smartphone dabei haben? Das haben die Schüler sich schnell selbst beantwortet. Bei einem Spiel müssen sie eine Tasche für die Flucht packen. Es ist­ eine kleine Tasche und sie ­haben nicht viel Zeit. Gemeinsam entscheiden sich alle dafür, ­zunächst das Handy einzupacken, weil es wichtig ist, um mit den Liebsten in Kontakt zu bleiben. An den Pass denken viele Schüler nicht, dafür an Kleidung oder einen kleinen Gaskocher. „Wofür brauche ich auf der Flucht schon einen Führerschein? Ich bin auf der Flucht“, sagt eine Schülerin empört zu ihrer Gruppe und will stattdessen das Ladekabel einpacken.

In den Pausen und nach dem Parcours ist es ruhig. Die jungen Menschen haben viel Input bekommen, sie denken nach. „Wir wollen zeigen, was es bedeutet, flüchten zu müssen“, sagt Kaiser. Das haben sie mit dem Projekt bei der ersten Klasse schon geschafft. Weitere Klassen folgen in dieser Woche noch, insgesamt nehmen 200 Schüler teil.

von Patricia Grähling

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