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Pilze und Mäuse bedrohen den Ertrag

Natur Pilze und Mäuse bedrohen den Ertrag

Landwirte sind trotz toller Maschinen und Technik in letzter Konsequenz vom Wetter abhängig. Selten, dass es ihnen keine Sorgenfalten auf die Stirn zwingt. Und das zwölf Monate im Jahr, denn selbst im Winter geht es um die Ernte.

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Der Traktor bleibt auch im Winter in Betrieb. Wenn der Boden gefroren ist, können die Felder gut inspiziert werden. Reiner Nau (links) nimmt Stellung zum milden Winter.Fotos: Richter, Korte

Quelle: Ruth Korte

Wittelsberg. Na endlich ist der Winter bei uns angekommen. Klirrende Kälte. Gefrorener Boden. Sonnenschein. Man darf zufrieden sein, oder? Okay, der Schnee wollte nicht so richtig. Vielerorts blieb es nur stundenweise weiß. Als es dann richtig anzog, schneite es leider nicht mehr. Aber vielleicht kommt ja in den nächsten Tagen noch mehr. Die Hoffnung stirbt bekanntlich immer zuletzt.

Eine Berufsgruppe, die von je her mit dem Wetter zurechtkommen muss, ist die der Landwirte. Eine immer wieder gern zitierte Bauernregel lautet: „Ist der Winter warm, wird der Bauer arm“. Nun, man muss heutzutage kein Prophet sein, um zu wissen, dass jede Wetterlage seine Vorzüge, aber auch seine Nachteile hat. Letztendlich kommt es wohl auf den Mix an.

Doch was ist, wenn die Zutaten für den Mix ins Ungleichgewicht rutschen. Nicht einmal in zehn Jahren, sondern dreimal, dann plötzlich fünfmal, dann gar sieben Mal.

„Durchschnittlich höhere Temperaturen und mildere Winter führen zu einer Verschiebung von Anbaugebieten in Richtung Norden sowie zu veränderten Vegetations- und Wachstumsperioden von Pflanzen“, heißt es in den entsprechenden Ausführungen zum Klimawandel auf der Homepage des Bundesumweltamtes.

Also, auch wenn es derzeit schon fast unangenehm, aber der Jahreszeit entsprechend kalt ist und die Landschaft um uns herum ein bisschen schneebedeckt ist, täuscht dies nicht darüber hinweg, dass Veränderungen im Gange sind.

Das führt dann auch zu ganz neuen „Naturerlebnissen“. Am Samstag konnten Autofahrer auf der A45 zwischen Wetzlar und Herborn, also quasi bei uns um die Ecke, auf einem angrenzenden landwirtschaftlich genutzten Feld eine wahre Invasion von Weißstörchen erleben, die sich dort am Feldbewuchs labten. Kein Einzelfall. Im Münsterland oder am Niederrhein gehören Weißstörche auch im Winter zum gewohnten Bild. Zurück zur Landwirtschaft. Fragen wir doch direkt bei einem Landwirt nach. Reiner Nau aus Wittelsberg steht uns Rede und Antwort. Reiner Nau? Ja genau, einer der stellvertretenden Vorsitzenden des Kreisbauernverbandes Marburg-Biedenkopf.

OP: Der zurückliegende November war sehr sonnig, der Dezember ungewöhnlich mild mit Temperaturen bis zu 15 Grad. Was bedeutet das für die Wintersaat? Reiner Nau: Durch die milden Temperaturen wachsen die Pflanzen der Wintersaat weiter und bestocken sich nicht, was zur Verringerung der Erntemenge führen kann. Weiterhin besteht bei einer zukünftigen starken und längeren Frostperiode ohne Schnee die Gefahr, dass die Pflanzen auswintern. Dabei gefriert das Wasser in den Zellen und die Pflanzen werden dadurch geschädigt. Diese Wetterlage hatten wir im Winter 2012/2013.

OP: In Fachbeiträgen zur Landwirtschaft wird unter anderem davor gewarnt, dass milde Winter den Nährboden für Pflanzenkrankheiten bereiten, was dann zu massiven Ernteausfällen führen kann. Muss ein Landwirt das so hinnehmen oder gibt es Möglichkeiten, irgendwie vorzubeugen? Nau: Die milden Temperaturen lassen manche Pilzart gut durch den Winter kommen und bereiten dadurch dem Getreide dann große Probleme. Der Gelbrost ist so ein Pilz. Er kommt im Winterweizen vor und muss dann mit einem Fungizid behandelt werden, um die Pflanze gesund zu erhalten. Eine andere Möglichkeit ist, dass die Landwirte widerstandsfähigere und resistentere Sorten aussähen. In diese Richtung gehen auch die Züchtungen der Saatgutunternehmen.

OP: Milde Temperaturen lassen auch die Tierwelt putzmunter werden. Medien berichteten in den vergangenen Jahren immer wieder von wahren Feldmaus-Plagen. Ab wann werden Feldmäuse Landwirten wirklich lästig und dürfen diese dann ­irgend etwas gegen die Mäuse unternehmen ? Nau: Bei der Tierwelt bedeutet der milde Winter, dass sie sich leichter fortpflanzen, da sie keinen frostigen Temperaturen ausgesetzt sind. Im letzten Herbst war die Mäuseplage vermehrt auf dem Grünland zu finden, weniger auf den Ackerflächen. Durch die Bodenbearbeitung im Herbst wurden einige Mäuse aus ihren Höhlen an die Erdoberfläche gebracht, wo sie dann von den Greifvögeln und anderen Mäusefressern aufgenommen wurden. In Hessen dürfen Landwirte Mäuseplagen auch mit Giftködern bekämpfen, was jedoch einen zusätzlichen Zeit- und Geldaufwand bedeutet. Auch bei den Wildschweinen kommt der Nachwuchs bei milden Temperaturen besser durch den Winter, was die Wildschweinpopulation ständig weiter wachsen lässt. Hier sind die Landwirte aber auf die Mithilfe bzw. Bekämpfung durch die Jäger angewiesen.

OP: Knackiger Frost, der Böden bis zu 25 Zentimeter Tiefe durchfrieren lässt, wird von Landwirten durchaus geschätzt, weil dies den Boden auflockern soll. Können aber auch milde Winter-Temperaturen landwirtschaftlich gesehen irgendwelche Vorteile bringen? Nau: Ja, milde Wintertemperaturen können durchaus auch Vorteile bringen. Im Rapsanbau gibt es zum Beispiel eine nützliche Käferart, die Schädlinge der gleichen Tiergruppe frisst. Kann sich dieser Käfer über den Winter gut vermehren, müssen dann eventuell auch weniger Insektizide eingesetzt werden, da Larven der schädlichen Käferart natürlich beseitigt wurden, weil sie als Futter der nützlichen Käferart dienten.

von Götz Schaub

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