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Newton: Kreis schafft neue Doppelstruktur

Kritik an Lotsinnen-Stelle Newton: Kreis schafft neue Doppelstruktur

Im August informierte der Kreis über die neugeschaffene Stelle der Ehrenamtslotsin, die es seit Mitte Mai im Landratsamt gibt. Aus einer Kommune kommt Kritik.

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Ehrenamt hat viele Gesichter, reicht von den Einsatzkräften in der Feuerwehr bis hin zu den Frauen, die im September 2015 in Stadtallendorf im Jugendzentrum bunte Turnbeutel als Geschenk für Kinder im Flüchtlingscamp nähten. Der Kreis will durch eine neue Stelle eine bessere Beratung im Ehrenamt erreichen.

Quelle: Katharina Kaufmann

Dreihausen. Aus dem Ehrenamt für das Ehrenamt – so versteht der Landkreis das Engagement seiner selbst vielfältig engagierten Ehrenamtslotsin Susanne Batz, die ihren Platz in der Stabsstelle Büro der Landrätin eingenommen hat. Der Bericht über die neu eingestellte Kraft beim Landkreis löst in der Gemeinde Ebsdorfergrund Irritationen aus. Die Kommune hat selbst drei ausgebildete Ehrenamtslotsen, die diese Aufgabe erfüllen – zudem kümmern sich Heike Schick und Elisabeth Newton von Gemeindeseite um die Mitarbeiter in Vereinen, Kirchengemeinden und sonstigen Initiativen.

Das Personal in der Gemeinde Ebsdorfergund wurde eigens für diese Aufgaben qualifiziert, berichtet Newton von Schulungen durch Fachkräfte der Landesarbeitsgemeinschaft der Freiwilligenagenturen Hessen.  

„In unserer Kommune gibt es 130 aktive Vereine, 10 Feuerwehren, 15 Seniorenhelferinnen, viele Ehrenamtliche in der Bürgerhilfe, im Grundtreff mit täglichen Angeboten, Ehrenamtliche in vier Dörfern zur Flüchtlingsbetreuung einschließlich der Lernangebote sowie beim Grund-Treff-Taxi als kostenfreiem Transport für Senioren“, zählt Newton auf, was im Ebsdorfer Grund an ehrenamtlichen Einsatz geboten wird. Hinzu kommt noch ein  ehrenamtlicher Energieberater, der die Liegenschaften betreut. Und Ellen Ehring, die im Grund-Treff in Wittelsberg, gefördert durch die Dorferneuerung, eine externe Vereinsberatung anbietet.

„Ungefragter Eingriff“ in kommunale Struktur

Kurz: Service durch und für die Vereine – in der Gemeinde Ebsdorfergrund wird viel dafür getan, dass es gut läuft. Deshalb kann Newton nicht nachvollziehen, warum im Landratsamt eine Ehrenamtslotsin gebraucht wird. „Welche Aufgabe will der Landkreis nun übernehmen? In welcher Weise uns unterstützen?“, fragt sie und denkt dabei an die kommunale Selbstverwaltung. „Hier wird ungefragt in die Strukturen der Gemeinden eingegriffen, die Erstzuständigkeit der Kommunen wird ausgehöhlt“, beklagt die Erste Beigeordnete. Der Landkreis, so sieht sie es, habe bestenfalls eine Ausgleichs- und Ersatzfunktion. „Nur eine defizitäre Sichtweise in Bezug auf die Leistungsfähigkeit der Kommunen kann wohl so eine Maßnahme begründen“, sagt Newton, die selbst als SPD-Abgeordnete im Kreistag mitwirkt. „Durch Schaffung von Doppelstrukturen wird unnötig Geld ausgegeben, die Bürger zahlen es letztendlich über die Kreisumlage.“

Wozu braucht der Kreis eine eigene Ehrenamtslotsin zusätzlich zur Ehrenamtsförderung in den Kommunen und zur Arbeit der kreisweit tätigen Freiwilligenagentur? Oder anders gefragt: Was leistet die Ehrenamtslotsin, was nicht schon an anderer Stelle im Landkreis getan wird? Die OP hat beim Landkreis nachgehakt.

Ehrenamtslotsin auf Wunsch der Ehrenamtlichen  

„Für die Weiterentwicklung von Freiwilligenengagement in allen gesellschaftlichen Bereichen ist es wichtig, die Wertschätzung für das Engagement zu stärken und gemeinsam mit allen Beteiligten gute Rahmenbedingungen zu entwickeln, damit bürgerschaftliches und freiwilliges Engagement in Marburg-Biedenkopf noch attraktiver wird“, antwortet die Pressestelle des Landkreises. Solches Engagement brauche „konkrete und fassbare Förderung und Unterstützung vor Ort: Information, Beratung, Begleitung und Vernetzung sind dabei wichtige Aspekte“.

Die Arbeit der Ehrenamtslotsin sei dabei keine Konkurrenz, sondern „Ergänzung und Unterstützung von zum Teil auf kommunaler Ebene bereits bestehenden Angeboten“. Eine verstärkte Förderung und Unterstützung des Ehrenamtes sowie eine Verbesserung der Rahmenbedingungen – das sei ein zentrales Anliegen von Landrätin Kirsten Fründt und auch politischer Wille der großen Koalition im Kreistag. Dazu gehöre eine zentrale Anlaufstelle für Vereine und Ehrenamtliche: die Ehrenamtslotsin. „Dieser Wunsch wurde von Ehrenamtlichen selbst immer wieder geäußert“, erklärt der Landkreis und verweist dabei auch auf die Freiwilligenagentur Marburg-Biedenkopf, die die gleichen Ziele verfolgt.

Die Stelle der Ehrenamtslotsin sei aus einem Konzept hervorgegangen, das der Kreis gemeinsam mit der Freiwilligenagentur erarbeitet habe. Die zentrale Aufgabe der Ehrenamtslotsin sei die Beratung von Vereinen und Ehrenamtlichen. Und Anfragen gebe es bereits, teilt der Landkreis mit und nennt Beispiele. So habe sich ein Ortsbeirat über den Aufbau von Bürgerschaftshilfe erkundigt oder Flüchtlingshelfer fragten wegen Fortbildungsmöglichkeiten an.

„Ehrenamt braucht jede Unterstützung, die möglich ist“

Cölbes Bürgermeister Volker Carle (parteilos) steht der Stelle der Ehrenamtslotsin beim Landkreis offen gegenüber. „Ehrenamt braucht jede Unterstützung, die möglich ist.“ Für Cölbe leiste die Freiwilligenagentur Marburg-Biedenkopf diese Unterstützung bislang. Seniorennetzwerk und Jugendarbeit, Vereine, Ortsbeiräte und weitere Initiativen stünden in gutem Kontakt zueinander. „Das funktioniert bei uns – wir sind ja auch eine kleine Gemeinde und alle nah beieinander“, betont Carle, „trotzdem kann Input von außen gut tun“.

Von der Lotsinnen-Stelle beim Landkreis erwartet der Cölber Bürgermeister, dass es nach einem halben Jahr eine Auswertung gibt. „Der Erfolg wird den Kommunen dann mitgeteilt, hoffe ich. Wir möchten informiert werden, welche Ziele erreicht wurden und wie es weitergehen soll.“ Erst dann will Carle beurteilten, ob der Kreis durch die Stelle eine Doppelstruktur schafft oder eine Ergänzung zum kommunalen Angebot. „Ich bin gespannt, ob unsere Gemeinde von der neuen Stelle profitieren kann“, sagt er.  

Unbefristete Stelle mit 25 Stunden Wochen-Arbeitszeit

Zu den Kosten, die die Stelle der steuermittelfinanzierten Ehrenamtslotsin verursacht, gibt der Landkreis keine Auskunft – „aus Gründen des Daten- und Persönlichkeitsrechtsschutzes“, heißt es, „ da das Gehalt der Mitarbeiterin öffentlich ersichtlich wäre“.

Allerdings geht aus einem Schriftsatz des Kreisausschusses hervor, dass die neue Stelle im Büro der Landrätin auf Anhieb unbefristet eingerichtet wurde. So steht es in einer Tabelle zu den Personaleinstellung en mit Beginn der großen Koalition, die die Fraktion der Freien Wähler im Kreistag angefordert hatte. Vergütet wird die Ehrenamtslotsin dieser Tabelle zufolge nach  der Entgeltgruppe 8 im Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst, was bei einer vollen Stelle mit knapp 40 Stunden pro Woche etwa einem Jahres-Brutto-Gehalt von 32.000 Euro entsprechen dürfte. Die Stelle umfasst allerdings nur 25 Stunden pro Woche.

von Carina Becker

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