Volltextsuche über das Angebot:

11 ° / 7 ° wolkig

Navigation:
Nach mehr als 20 Jahren Bauzeit ist es geschafft

"Gemeinschaft in Kehna" Nach mehr als 20 Jahren Bauzeit ist es geschafft

Es war 1992, als Gabriele Scholtes und Michael Gehrke auf die Idee kamen, in drei vom Verfall bedrohten Fachwerkhäusern etwas Neues entstehen zu lassen. Ein Leben auf der Baustelle begann

Voriger Artikel
Neuer Verkehrsplatz ersetzt Provisorium
Nächster Artikel
Tausende feiern bei bester Stimmung und Musik

Jonges Hof, hier mit vierbeinigem Besucher, war 1996 in den Anfangsjahren der Gemeinschaft als erster von drei alten Fachwerkhöfen bezugsfertig.

Quelle: Nadine Weigel

Kehna. „Doch das ist jetzt vorbei“, sagt Michael Gehrke (58), Mitbegründer und Leiter der „Gemeinschaft in Kehna“, einer anthroposophischen Lebens- und Arbeitsgemeinschaft von Behinderten und Nichtbehinderten, zu der im Jahr ihres 23-jährigen Bestehens gut 50 Menschen gehören. Nach mehr als 20 Jahren der ständigen Bautätigkeit ist alles fertig geworden.

1992 kamen Gabriele Scholtes und Michael Gehrke auf die Idee, in drei vom Verfall bedrohten Fachwerkhäusern etwas Neues entstehen zu lassen. Ein Leben auf der Baustelle begann.

Zur Bildergalerie

„Schon in Friedelhausen war immer Baustelle“, sagt Gehrke, der vor der Zeit in Kehna in der dortigen Gemeinschaft tätig war und die zurückliegenden Jahrzehnte seines Lebens immer auf Höfen verbracht hat, an denen noch viel zu tun war. In Friedelhausen war kein bauliches Wachstum mehr möglich, deshalb verschlug es Gehrke mit seiner Frau Gabriele Scholtes 1992 nach Kehna.

„Wir hatten nicht diese verfallenen Häuser vor Augen, sondern das, was daraus werden kann“, denkt Gabriele Scholtes (51) an die Anfangsjahre zurück. Sie muss lachen, wenn sie an den ersten Besuch in Kehna denkt, das war etwa 1990. „Damals habe ich gesagt, hier würde ich nie wohnen wollen“, sagt sie und berichtet lächelnd von einem Abend, an dem sie ein Mitglied der Gemeinschaft Friedelhausen mit dem Auto heim nach Kehna brachte. „Die Dorferneuerung lief da gerade, alles war eingerüstet, Baustelle überall, und manche Höfe sahen richtig verfallen aus.“

Das heutige Kehna - kein Vergleich mehr dazu. Viel Geld ist seither in den kleinen, noch nicht einmal 90 Einwohner zählenden Ortsteil von Weimar geflossen, unter anderem viele Fördermittel des hessischen Sozialministeriums. Viel Schweiß floss auch. „Von 17 Dächern, die erneuert werden mussten, haben wir 16 selbst gedeckt“, erzählt Gabriele Scholtes zum Thema Eigenleistung. Alles, was die Gemeinschaft erwirtschaften konnte, floss in den Ausbau. „Unsere erste Bilanz wies 3,40 Mark aus - das war das Geld, das ich damals noch in der Hosentasche hatte“, erzählt Michael Gehrke.

In den ersten Jahren ging‘s täglich auf die Baustelle

In den ersten Jahren nach 1992 war an Wohnen auf Jonges Hof - das war der erste von drei alten Fachwerkhöfen, die die Gemeinschaft sanierte - nicht zu denken. „Acht unserer Betreuten aus Friedelhausen sind in den Anfangsjahren täglich mit uns nach Kehna gependelt auf die Baustelle“, erzählt Michael Gehrke. Dann zog die erste Wohngruppe auf Jonges Hof ein. Seither sind Wohn-, Arbeits- und Lebensräume der Gemeinschaft in Kehna erheblich gewachsen.

Auf den drei Höfen Jonges, Hermes und Oarms sind Garten- und Landschaftspflege sowie die Hauswirtschaft, Schreinerei und Weberei als die älteren Arbeitsfelder ebenso beheimatet wie die Kaffeerösterei, die im Jahr 2000 als jüngstes Geschäftsfeld hinzukam.

Die Mitglieder sind zwischen 19 und 68 Jahren alt und leben in unterschiedlichen Wohnformen wie Haus- und Wohngemeinschaften oder im Betreuten Wohnen. Manche von ihnen durchlaufen gerade die zweijährige Ausbildung, die in Kehna dazugehört, bevor man sich für sein späteres Arbeitsfeld entscheidet, andere haben bereits das Rentenalter erreicht und verbringen den Ruhestand in Kehna. So auch Hans-Friedrich Jospeh (68). „Er arbeitet noch locker in der Landschaftspflege mit, wenn er Lust dazu hat - ansonsten genießt er seine Freiheit“, sagt Michael Gehrke über den Senior der Gemeinschaft, der gerade auf dem Hof der Kaffeerösterei sitzt und die Sonne genießt.

Es ist an einem späten Freitagnachmittag - das Café der Kaffeerösterei ist gut besucht an diesem Tag. Draußen hocken die Frauen vom Kehnaer Frauencafé „Kaktusblüte“ zusammen und sprechen über das bevorstehende Dorfjubiläum. Auch drinnen herrscht noch Betrieb, die letzten Kunden des Tages sind Stammgäste - Hannelore und Bernd Ochsenhirt aus Cölbe. „Wir kommen so gern her, es ist eine so schöne Abwechslung zum sonst hektischen Treiben“, sagt Hannelore Ochsenhirt.

Inzwischen brechen die Abendstunden in Kehna an - das Café schließt, und die Mitarbeiter der Kaffeerösterei kommen zu ihrem Wochenabschlusskreis zusammen. Mit dabei ist Thorsten Bock. Der 37-Jährige lebt seit 1999 in der Gemeinschaft, ist auf Jonges Hof zu Hause. „Es ist super hier - die Arbeit in der Rösterei macht viel Spaß“, sagt er und berichtet, dass unter anderem die Arbeit im Versand zu seinen Aufgaben gehört. „Paketmarken schreiben und so“, erzählt er und verrät: „Und wenn gerade einmal nichts mehr zu tun ist, wird auch mal die Musik laut aufgedreht.“ Neben dem Verkauf vor Ort und in einigen Cafés in Marburg beliefert die Rösterei über das Internet Kunden in ganz Europa mit Bio- und Fairtrade-Kaffee. „Kaffee rösten und abpacken - ich mache beides gern“, sagt der 25-jährige Sascha Solemani.

„Das Miteinander mit den Bewohnern ist uns wichtig“

Die Gemeinschaft in Kehna stellt den größten Teil des Dorfes dar und ist zugleich der einzige Arbeitgeber im Ort. „Wir verstehen uns als Teil des Dorfs - das Miteinander mit den Bewohnern ist uns wichtig“, sagt Gabriele Scholtes und berichtet, dass sie sich von Anfang an gut aufgenommen gefühlt habe.

Die sozialtherapeutische Lebensgemeinschaft fühlt sich der anthroposophischen Philosophie verpflichtet. „Wir leben und arbeiten hier auf Augenhöhe zusammen“, erklärt Scholtes. Das große Ziel: die Strukturen so zu gestalten, „dass alle ohne große Einschränkungen hier leben können“.

Die Erfahrung, sinnvolle Arbeit zu machen und Produkte herzustellen, die von Menschen gebraucht und gekauft werden, gehört in Kehna zur Therapie. Auch die festen Tagesabläufe mit gemeinsamen Mahlzeiten, Tischsprüchen und Gebeten, die Christen und Muslime zusammen sprechen. Morgenkreis und Wochenabschlusskreis haben ihren festen Platz. „Dabei steht es jedem frei, woran er teilnimmt“, erklärt Gabriele Scholtes.

Die 51-jährige Heilpädagogin lebt selbst seit ihrem 21. Lebensjahr in Gemeinschaften, hat dort ihre Familie gegründet, ihr Berufs- und Privatleben verbracht. Ob sie sich auch einen anderen Lebensentwurf vorstellen kann? „Ohne all das hier?“, fragt sie und schaut sich um, „das würde ich als große Entbehrung empfinden“.

Öffentliches Leben in Kehna: Frauencafé, Kirche und ganz viel Natur ringsherum

Anders als über andere Dörfer dieser Größe und in ähnlich abgeschiedener Lage kann man über Kehna nur schwerlich behaupten, dort sei nichts los. Durch die Gemeinschaft und das Café auf Oarms Hof ist immer etwas geboten. Aber auch darüber hinaus gibt es im Jubiläumsjahr „875 Jahre Kehna“, das am letzten Maiwochenende gefeiert wird, noch ein
bisschen öffentliches Leben in Kehna.

  • Die Kirche: Im unregelmäßigen Rhythmus von etwa vier bis sechs Wochen hält Dirk Wilbert, Pfarrer im Kirchspiel Oberweimar, in Kehna in der schönen kleinen Fachwerkkirche sonntags einen Gottesdienst ab – zumeist vor gut zehn Besuchern, schätzt er. „Wir hatten einmal einen Konfirmanden aus der Gemeinschaft, da war die Kirche immer voll, das war einfach schön.“ In diesem Sinne wünscht sich Wilbert ein stärkeres Miteinander der Menschen im Dorf und auch zwischen Kirche und der Gemeinschaft.
  • Das Frauencafé „Kaktusblüte“: Es besteht seit 1996 und ist ein fester Treffpunkt für die Frauen in Kehna. Ilse Gerlach (67) ist von Anfang an mit dabei, „um das Miteinander im Ort zu pflegen“, wie sie sagt. Einmal monatlich, immer freitags ab 15 Uhr, treffen sich alle interessierten Frauen aus Kehna in der Kaffeerösterei. „Wir plaudern miteinander und halten einfach den Kontakt zueinander“, sagt Heike Nickel, die die Treffen genießt.
  • Natur in Kehna: Wiesen, Felder und Wälder ringsherum sowie ein früherer Steinbruch, der zum Naturschutzgebiet wurde, verlocken zum Wandern, Radeln und Spazierengehen. Ortsvorsteher Günter Schömann gibt Ortsfremden gern diesen Ausflugstipp: mit Auto oder Buslinie 383 nach Nanzhausen und von dort zu Fuß durchs Tal nach Kehna in die Kaffeerösterei.
  • Das Dorffest: Seit einigen Jahren findet es stets im September am Platz beim Feuerlöschteich statt – Günter Schömann hofft, dass die Kehnaer auch nach dem großen Jubiläumsfest noch in Feierlaune sind, so dass das Dorffest 2015 wieder zustande kommt.

von Carina Becker

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr