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Mit Rap und Tanz zu guten Mathe-Noten

"o.camp" in Wolfshausen Mit Rap und Tanz zu guten Mathe-Noten

Mathe, Deutsch, Englisch. 60 Schüler aus Offenbach nutzen die Osterferien zum Lernen. Zum Lernen, um ihr Klassenziel Versetzung noch zu schaffen. Dazu kamen sie extra nach Wolfshausen - und lernten dort Lernen ganz neu kennen

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Beim „Cup-Song“ zeigten diese Mädchen nicht nur Rhythmusgefühl und Fingerfertigkeiten. Michi (mit grünem Becher) sang dazu noch auf Englisch, nachdem sie zuvor ansprechende Cocktails gemixt hatte.

Quelle: Andreas Schmidt

Wolfshausen. „Als wir hier ankamen und es dann noch durch den Wald ging und der Handyempfang verschwand, dachte ich nur, hier will ich nicht sein.“ - Das sagten nicht gerade wenige der 60 Schüler, die die Osterferien in der Freizeit- und Tagungsstätte Wolfshausen verbrachten. Einen Tag vor Ende dieser Zeit hörte man folgende Aussagen: „Es ist so schön, ich will hier gar nicht mehr weg“, „Kann das nicht ein Internat für uns werden?“, „Ich habe so viele neue Freunde gewonnen“, „Alles hat Spaß gemacht“.

Ja alles hat Spaß gemacht und damit meinen die 60 Jugendlichen aus dem Kreis Offenbach nicht nur ihre Freizeitaktivitäten, sondern insbesondere die Lerneinheiten, für die sie eigentlich gekommen waren. Wie lernen? In den kompletten Osterferien? Ja, und das mit rasch zunehmender Freude, weil die Jugendlichen sehr schnell persönliche Fortschritte bei sich feststellten und motiviert wurden, den Schub, den sie angeboten bekamen, mit in das verbleibende Schuljahr zu nehmen, um ihr Ziel, die Klasse, doch noch zu schaffen, zu verwirklichen. Es ist keine Zauberei, die in Wolfshausen betrieben wurde. Die ausgebildeten Betreuer setzten nur den Hebel an der richtigen Stelle an, holten die Jugendlichen quasi in ihrer direkten Erlebenswelt ab. Und so kamen in den Lernwerkstätten und in den Projektgruppen ganz neue Lernansätze zum Tragen.

Wer beispielsweise einmal einen Longdrink gemixt hat, Mengenangaben wie 2cl selbst abgefüllt hat und den Größenvergleich zu einem 0,2l-Glas plastisch vor Augen hatte, weiß plötzlich, spielend einfach die Größenangaben zuzuordnen und umzurechnen. Wer im Viervierteltakt tanzen kann, der kann auch Bruchrechnen. Und die mathematischen Fachbegriffe lassen sich beim Termen-Bingo tatsächlich spielerisch erarbeiten. Denn nur wer sich damit auskennt, kann auch Textaufgaben sicher bewältigen. Aufgaben rechnen macht mehr Spaß im Team. So findet eine interne Lernkontrolle statt, denn das Team sollte sich über die Lösung schon einig sein. Das Team, das am schnellsten die Lösung hat, geht beim „Mathe-Fußball“ an der Tafel in den Angriff. Wehrt das andere Team ab oder kommt es über eine zweite Lösung zur Torchance?

Jugendliche gewinnenan Selbstvertrauen

Wer in Englisch oder Deutsch eine Verbesserung anstrebte, sah sich in einer Bühnenshow oder in einer Gameshow wieder. Auch hier galt der Grundsatz, über Spiel und Spaß die harten Fakten zu erarbeiten, die ein Mitkommen im Unterricht erleichtern. Am Donnerstag besuchte Dr. Manuel Lösel, Staatssekretär des hessischen Kultusministeriums das o.camp in Wolfshausen. Das, was er dort von den Jugendlichen an positiven Rückmeldungen durch Gespräche und Präsentationen erhielt, machte ihm sichtlich Freude. Manuel Lösel ist keineswegs leicht zu beeindrucken. Von Hause aus ist er nämlich selbst Lehrer, der alle Schulformen kennengelernt hat und auch für das Staatliche Schulamt Gießen arbeitete. Und ganz Lehrer konnte er nicht umhin, die Schüler selbst noch ein wenig zu fordern. „Das, was ich hier erleben durfte, stimmt mich sehr positiv. Hier gab es nichts Aufgesetztes, die Jugendlichen haben mich überzeugt.“ Etwa bei Sonderaufgaben für die „Mathetänzer“, die den Viervierteltakt abwechslungsreich gestalten können, weil sie die unterschiedlich langen Noten wie beim Bruchrechnen zusammen addieren können. Für Projektteilnehmerin Isabell ein ganz neues Erlebnis: „Die Kombination Mathe und Musik zeigt, dass Mathe Spaß machen kann.“

Auch die Cocktail-Mixer beeindruckten Lösel. So schmeckte nicht nur der alkoholfreie Cocktail so gut, dass er sich gleich das Rezept geben ließ. Ein Theaterstück live vorgeführt und mit einigen Videosequenzen angereichert zeigte deutlich, dass die Jugendlichen die Materie verstanden haben und selbstbewusst in ein richtig ansprechendes Bühnenstück umwandeln konnten. Campleiterin Kirsten Genenger (Foto), Matthias Krahe, stellvertretender Bereichsleiter in der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung (DKJS) sowie die o.camp Programmleitungen Jens Volcksdorff vom hessischen Kultusministerium und Jana Krug von der DKJS freuten sich über die Lernerfolge der Jugendlichen. Diese haben sich wie eingangs erwähnt, zu einer tollen Gruppe zusammengefunden, die auf dem Gelände der Freizeiteinrichtung auch andere Erfahrungen machten. Etwa die vertrauensvolle Teamarbeit im Kletterparcours oder die Teamarbeit bei Kooperationsspielen.

Lösel kann sich ein Ausbau des Angebots vorstellen. Eine Idee ist es, zusätzliche „camps“ schon in den Herbstferien anzubieten.

HINTERGRUND: Das o.camp ist ein Programm des Hessischen Kultusministeriums und der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung. Das Konzept ist ein Zusammenspiel von Projektarbeit und Lernwerkstatt. In jedem Camp arbeitet ein 20-köpfiges multiprofessionelles Team mit den Jugendlichen zusammen, die zu den Lernzeiten in Zehnergruppen aufgeteilt werden. Das bedeutet, zehn Jugendlichen stehen drei Lernbegleiter zur Verfügung. Ein Team besteht aus einer Lehrkraft, einer sozialpädagogischen Fachkraft und einer Jugendleitung. Nach dem Camp werden die Schüler durch pädagogische Fachkräfte aus dem Camp gemeinsam mit ihren Lehrern an der Schule begleitet und unterstützt. Das seit 2007 ins Leben gerufene o.camp gibt es hessenweit vier Mal mit jeweils 60 versetzungsgefährdeten Schülern. Stets haben weit mehr als 80 Prozent der Teilnehmer ihr Ziel „Versetzung“ erreicht.

von Götz Schaub

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