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Menschen eine Chance geben

Flüchtlinge in Oberweimar Menschen eine Chance geben

Bei der Bürgerversammlung in Oberweimar ging es um die Aufnahme von 57 Flüchtlingen im Dorf. Ein sensibles Thema, das große Ängste, aber auch große Zuversicht birgt.

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Vollbesetzter Saal: Das Interesse der Oberweimarer an der geplanten Flüchtlingsunterkunft in ihrem Dorf ist groß.

Quelle: Michael Hahn

Oberweimar. Die Stimmung im Bürgerhaus Oberweimar war angespannt, der Saal mit rund 250 Besuchern ausgelastet. Viele Interessierte fanden keine Sitzgelegenheit mehr und mussten stehen. Grund der Versammlung war die Aufnahme von 57 Flüchtlingen ab Juni im ehemaligen Schulungsgebäude der Firma Medi-Learn in Oberweimar. Ein sensibles Thema, was auch durch die hohe Besucherzahl deutlich wurde.

Kurt Barth, Vorsitzender der Gemeindevertretung, verdeutlichte, dass die Gemeinde im vergangenen Jahr 23 Flüchtlinge hätte aufnehmen müssen, es am Ende aber nur 12 waren. Ziel der Veranstaltung sei es, über das Modell zur Aufnahme der Flüchtlinge zu informieren und für Fragen und Diskussionen zur Verfügung zu stehen. Neben Barth standen Bürgermeister Peter Eidam, Roland Döhler, Fachbereichsleiter für Ordnung und Verkehr des Landkreises, Erster Kreisbeigeordneter Marian Zachow und Denise Ulbrich von der Fachdienstleitung Ausländer und Migration den Oberweimarern Rede und Antwort.

Eidam betonte, dass die Aufnahme von Flüchtlingen unausweichlich und ein wichtiges Thema für die Kommune sei. Allein in Syrien befänden sich 10 Millionen Menschen auf der Flucht, der Kreis müsse 12000 Hilfsbedürftige aufnehmen.

„Die Menschen sollen Hilfe finden“, wünschte sich Marian Zachow und stellte die Willkommenskultur in den Vordergrund. Die Aufnahme der Asylbewerber bedeute Veränderungen und Einschnitte für Oberweimar, aber gleichzeitig auch Chancen und Bereicherung. Er wünschte sich von den Bürgerinnen und Bürgern, sie sollten das offene Gespräch suchen, sich auf ein Miteinander einlassen. „Reden ist die beste Grundlage.“ Zachow gestand ein, dass die Größenordnung von 40 bis 60 Personen für Oberweimar eine hohe Zahl sei, was durch zustimmendes Raunen im Saal bestätigt wurde. Die Unterbringung in dem Dörfchen sei aber menschenwürdiger als in Zelten und Turnhallen, die andernorts genutzt werden müssten, um der schwierigen Lage Herr zu werden.

Döhler präsentierte die offizielle Zahl der Flüchtlinge, die im Laufe des Jahres in Deutschland erwartet werden. Diese habe sich entgegen der ersten Prognosen zu Beginn des Jahres verdoppelt. Döhler wünsche sich die Integration der Flüchtlinge nach Vorbild von Biedenkopf und Neustadt, wo dies sehr positiv geschehe.

Landkreis will bei Sozialarbeitern aufstocken

Spätestens als die Fragerunde begann, wurden die Angst und die Ungewissheit vieler Bürger und der Unmut einiger über die neue Situation in Oberweimar mehr als deutlich. Ein Mann wollte wissen, wie sich der Landkreis auf die Situation vorbereite, worauf Zachow unter einigem verdutzten Gelächter des Publikums entgegnete, dass momentan auf 150 Asylbewerber ein Sozialarbeiter des Landkreises komme, die Zahl der Sozialarbeiter aber weiter aufgestockt werden solle. Viele Einwohner haben die Befürchtung, Oberweimar könne ein Brennpunkt werden, weil möglicherweise zu viele Männer gleicher Ethnizität und zu wenige Familien mit Frauen und Kindern das neue Flüchtlingsheim beziehen könnten. Direkte Nachbarn des Heimes sorgen sich um ihr Hab und Gut.

Marian Zachow versicherte den Anwesenden guten Gewissens, man werde sich um Diversität bemühen. Er betonte, dass es im Landkreis bislang nahezu keine negativen Zwischenfälle mit Asylbewerbern gegeben habe und die Erfahrungen soweit überaus positiv seien.

Auf den lauten Zwischenruf: „Was kommt hierher? Welche Mischung?“ eines Mannes entgegnete eine junge Frau ohne zu zögern: „Menschen! Menschen wie Sie und ich!“ Das sorgte für viel Zustimmung und Beifall.

Vielfach verwiesen Bürger auf die Situation in Gießen, wo sich ein Erstauffanglager für Flüchtlinge befindet und es angeblich Probleme mit Kriminalität und Gewalt gibt. Zwischenruf: „Geschäfte machen zu, weil geklaut wird!“ Gießen sei kein Vergleich, entgegnete Zachow, dort befinde sich ein erster Anlaufpunkt und dieser sei komplett überlastet. Denise Ulbrich beruhigte weiter, es sei völlig normal, dass Menschen vor allem Unbekannten Angst hätten, auch weil die Situation momentan noch sehr unkonkret sei. Die Flüchtlinge seien freundlich, man müsse sie kennenlernen. „Nicht über die Menschen reden, sondern mit ihnen.“ Eine Bürgerin sagte: „Es ist ein Unding, wenn man sich nicht überlegen kann, was diese Menschen durchgemacht haben. Das sind Menschen wie wir.“

Weitere Anwohner bemängelten die viel zu hohe Zahl der Flüchtlinge in Relation zur Einwohnerzahl Oberweimars mit rund 680 Bewohnern und dass sie vor vollendete Tatsachen gestellt würden. Laut Zachow gab es nirgendwo sonst in der Gemeinde geeignete Unterkünfte - er versprach: „Oberweimar soll nicht alleine gelassen werden.“

Dorf will Sommerfest mit den Flüchtlingen planen

Bürgermeister Eidam führte aus, dass in Zukunft auch in anderen Ortsteilen nach Unterkünften gesucht werden müsse, weil weitere Flüchtlinge zu erwarten seien. Die Gemeinde müsse langfristig mit der Situ­ation klarkommen. Er regte die Gründung eines Kontaktkreises Asyl an, der beispielsweise durch die Mitarbeit von Vereinen ein Netzwerk schaffen könne, in dem die Flüchtlinge sich integrieren könnten. Ehrenamtliches Engagement sei dabei elementar. In Niederweimar funktioniere dies gut, wie Pfarrerin Annette Bartsch bestätigte.

Die Vertreter des Landkreises forderten alle Anwohner auf, sich zu engagieren, damit die neuen Einwohner Oberweimars möglichst herzlich empfangen werden könnten und ihre Integration gelinge. Sie versicherten, dass sie niemanden mit der Situation im Stich lassen würden und jederzeit als Ansprechpartner zur Verfügung stünden. So lautete dann auch das positive Resümee eines Anwohners, dass ihm durch die Versammlung die Angst genommen worden sei. Er forderte, dass es auch in Zukunft Veranstaltungen geben solle, auf denen Ereignisse aufgearbeitet werden könnten und eine Kommunikation mit allen Beteiligten stattfinde.

Angeregt wurde ein Sommerfest mit den Flüchtlingen; Eidam und Zachow erklärten sich bereit, das Essen und die Getränke hierfür zu stiften. Auch über Dolmetscher ließe sich reden, sagte Zachow.

Am Ende der Veranstaltung waren alle Beteiligten zufrieden - es zeigte sich, wie wichtig und hilfreich die Kommunikation miteinander ist. Andreas Tauche, Sozialarbeiter beim Landkreis, forderte die Bürger ausdrücklich auf: „Geben Sie den Menschen eine Chance!“

von Michael Hahn

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