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Männer, die auf Glühwürmchen starren

Jagd erleben Männer, die auf Glühwürmchen starren

Fünf Jäger, ein Journalist und eine Lektion in Sachen Schweigsamkeit. Für den heutigen Teil der Waldserie begleitet OP-Volontär Philipp Lauer die Waidmänner zur Ansitzjagd.

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Neben Marco Röther (rechts) zählt auch Heini Weber zu den Jägern, die im Mardorfer Revier jagen. 

Quelle: Tobias Hirsch

Mardorf. Das Revier der beiden Jagdpächter Vater Klaus und Sohn Marco Röther ist der Mardorfer Wald. An einem Vollmondabend wollen sie Rehe und Wildschweine jagen. Die Röthers, Thomas Preis und zwei weitere Mitjäger verteilen sich dazu auf die Hochsitze im Wald. Der Mond spendet Licht, der Himmel ist klar.

Der junge Jäger Thomas Preis bezieht seinen Hochsitz. Neben ihm ist noch ausreichend Platz, um zu zweit mehrere Stunden lang stillschweigend nebeneinander auszuharren. Das Rascheln im Gebüsch erregt bei Thomas Preis kaum Aufmerksamkeit. Es scheint aus dem Unterholz zu kommen und wirkt nur deshalb so laut, weil es um ihn herum seit einer halben Stunde sehr still ist. „Das sind nur Mäuse“, gibt er flüsternd zu verstehen.

Lärm der Zivilisation legt sich allmählich

Von seinem Aussichtspunkt hat Preis zwei Wildwechsel im Blick, der eine liegt nah am Waldrand, der andere direkt im Wald. Dort machen die Tiere Station, um an einem Leckstein Salz zu sich zu nehmen. Auf diese Weise werden sie mit Mineralien versorgt. Mittlerweile hat sich der Lärm der Zivilisation aus dem nahegelegenen Dorf und den umliegenden Straßen allmählich gelegt. Die Hundebesitzer haben ihre abendliche Runden gedreht, immer weniger Autos und Motorradfahrer sind unterwegs, und auch die Kühe im Stall haben sich nach dem abendlichen Melken beruhigt. Bei dem Versuch, selbst möglichst wenig Geräusche zu verursachen, wird klar, wie viel Krach Menschen machen.

Ein neues Geräusch. Thomas Preis horcht auf. Es kommt von hinten, aus einiger Entfernung. Aber selbst mithilfe seines Fernglases kann er nichts ausmachen. Er ordnet die Geräusche einem Reh zu. Erblicken lässt sich das Tier jedoch nicht, weshalb Preis den aufgesetzten Gehörschutz wieder abnimmt. Bei einem Schuss hätte er ihn dringend gebraucht.

Vollmond leuchtet Wald gut aus

Das Licht der Vollmondnacht hält lange an und leuchtet den Wald rund um den Hochsitz gut aus. Nach und nach tauchen immer mehr Glühwürmchen auf. Es ist ganz still. Dann knallt es. Ein Schuss? Thomas Preis schaut auf sein Handy. Wenn einer seiner Mitjäger etwas geschossen hätte, würde er es nun per SMS erfahren.

Langsam schwindet das Mondlicht. Immer wieder scheint sich etwas zu bewegen. „Als würden sich selbst die Schatten bewegen“, wispert Thomas Preis. Schatten machen aber keine Geräusche. Rechts vom Hochsitz bewegt sich etwas im Unterholz. Es ist lauter als die Mäuse vom Anfang und weiter entfernt.

Erst gegen 23 Uhr wird es richtig dunkel

Aber nicht so laut und nicht so weit weg, wie das Reh. Erstaunlich, wie gut man Geräusche verorten kann, solange man sich nur auf den Hörsinn konzentriert. Preis meint, es habe sich bei diesem Tier um einen Fuchs gehandelt.

Nach etwa drei Stunden Ansitz wird es gegen 23 Uhr dunkel. Die Umrisse der Bäume, die vor einer halben Stunde noch mehr oder weniger gut auszumachen waren, sind kaum noch zu erkennen.

„Da, wo das Wild entlanglaufen würde, ist es jetzt zu dunkel, um genug zu sehen. Man muss im Zweifelsfall innerhalb weniger Sekunden sicher sein, was man vor sich hat. Das kann ich bei den Lichtverhältnissen jetzt nicht mehr“, erklärt Thomas Preis, nimmt die Patrone aus dem Lauf seines Gewehrs, schultert es und klettert die Leiter des Hochsitz hinab. „Das ist oft so im Sommer.“

Keiner hat etwas geschossen

Die Jagd ist vorbei. Am vereinbarten Treffpunkt tauschen die Jäger ihre Erlebnisse aus. Geschossen hat an diesem Abend keiner etwas. Der Knall muss etwas anderes gewesen sein.

Vor der Jagd: Bei einer Brotzeit und einer Rundfahrt durch den Wald erzählt Klaus Röther von seinem Jagdrevier, der Entwicklung der Forstwirtschaft und deren Auswirkungen auf die Jagd. Der Pensionär verbringt täglich drei Stunden im Wald. „Buchen sind hier die vorherrschende Baumart, außerdem gibt es einige Eichen, wenig Nadelholz. Seit einiger Zeit ist der Bergahorn am Kommen.“ Röther ist ganz in seinem Element. Seit etwa zwanzig Jahren setze man zunehmend auf naturnahe Forstwirtschaft und bei der Aufforstung auf Naturverjüngung, weiß er. Wenn Bäume gefällt werden, bleibt der Platz frei, bis von selbst etwas nachwächst.

Verbissspuren werden alle drei Jahre gemessen

„Dadurch wird der Wald viel dichter im Unterholz. Das führt dazu, dass die Tiere mehr Schutz und Nahrung im Wald finden“, beschreibt Röther die Bedeutung für den Tierbestand und damit auch für seine Arbeit. Alle drei Jahre werden Verbissspuren an jungen Bäumen gemessen. Anhand dieser Zahlen wird dann festgelegt, wie viele Rehe er in den nächsten Jahren schießen muss, um die Schäden an den Bäumen in Maßen und den Bestand im Gleichgewicht zu halten. „Es gibt unter Jägern eine alte Faustregel, die besagt, was Tiere brauchen: Äsung, also Futter, Deckung bedeutet Möglichkeit sich zu verstecken, und Ruhe.“

Futter und Schutz finden die Tiere genug, sagt Röther. An Ruhe scheint es ihnen im Mardorfer Wald in dieser Nacht etwas gefehlt zu haben. Nur die Glühwürmchen haben sich in großen Schwärmen gezeigt. Nach den Erkenntnissen des Abends wollen sich die Jäger das nächste Mal anders positionieren.

von Philipp Lauer

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