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Lebens-Philosophie aus der Bohne

Kaffeerösterei Lebens-Philosophie aus der Bohne

Ein Tag ohne Kaffee ist ein verlorener Tag. Zumindest für 73 Prozent der Deutschen. Doch das Rösten der Bohnen ist eine Wissenschaft für sich. Zu Besuch in Hessens ältester Bio-Kaffeerösterei.

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Kehna. Kehna. Das Leben von Carina ist manchmal wie im Märchen. Sie, Aschenputtel, gegen den Rest der Welt. Oder zumindest gegen die Uhr. „Die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen.“ Mit konzentrierter Miene sortiert sie Kaffee­bohnen. Die dunklen dürfen bleiben, die hellen müssen raus. Für eine Hand voll Bohnen braucht sie nur wenige Sekunden. Carina lebt und arbeitet in der Gemeinschaft Kehna. Sie gilt als geistig behindert. In der eigenen Kaffeerösterei der Hofgemeinschaft hat sie Arbeit gefunden. Genau wie ihr Kollege Thorsten. Er mag Carinas Sortier-Methode nicht sonderlich. Zu schnell. Er schaut sich lieber jede Bohne einzeln an.

Rösten lernen vom Altmeister

Sorgfalt muss sein. „Der größte Anspruch liegt darin, sorgsam zu arbeiten. Jeden Tag. Wir wollen ja gute Qualität. Die guten Bohnen, die wir verwenden, machen den Kaffee zum Genuss“, erklärt er mit ernster Miene. Die „guten Bohnen“, wie er sie nennt, kommen aus der ganzen Welt. Honduras, Guatemala, Peru, Äthopien oder Mexico. Allesamt Hochlandbohnen. Allesamt aus ökologischem Anbau - allesamt börsenunabhängig und „fair“ gehandelt. Das ist Geschäftsführer Michael Gerke wichtig. Er will nicht nur Kaffee, sondern gleich eine Philosophie verkaufen. Es geht um Wertschätzung. Für das Produkt, aber auch für die Arbeit, die dahinter steckt. Angefangen beim Bauern, der die Bohnen erntet, endend bei Carina und ihren Kollegen, die die Bohnen sortieren, wiegen, verpacken und verschicken. Alles unter Anleitung von Andreas Tünnemann. Der 46-Jährige ist eigentlich Schreiner. Hier in Kehna ist er aber noch viel mehr. Kaffee-Röstmeister beispielsweise. Und Betreuer. „Für mich ist das eine kollegiale Zusammenarbeit. Die Herausforderung besteht darin, herauszufinden, was jeder einzelne besonders gut kann“, erklärt er. Das Rösten hat er während zahlreicher Fortbildungen in der Speicherstadt in Hamburg gelernt - Deutschlands größtem Umschlagplatz für Kaffee.

Rösterei soll um ein Café erweitert werden

Sein Können hat er an seine Kolleginnen weitergegeben. Ergotherapeutin Eva Schäfer und Diplom-Pädagogin Cornelia Lässig. „Jeder hat seine eigene Röst-Handschrift. Es gibt keine allgemeingültige Ausbildung zum Kaffeeröster. Man lernt vom Altmeister“, erklärt Eva Schäfer, während sie einen Jutesack voller Kaffeebohnen zur Röstmaschine zieht. Grün sind sie. Riechen mehr nach Gras als nach Kaffee. Noch haben sie nichts Belebendes an sich. Und doch kommt Cornelia Lässig ins Schwärmen. „Rohe Kaffeebohnen haben bis zu 1200 Geschmacksnoten. Geröstet sind es noch 800“, erklärt sie.

 

Kaffeekenner haben - ähnlich wie Weinkenner - ihre eigene Sprache entwickelt. Kaffee kann nicht nur „lecker“, sondern „beerig, nussig, fruchtig oder gar schokoladig“ schmecken. Kann ein florales oder vollmundiges Aroma im Mund hinterlassen. 20 Minuten drehen sich nun die Kaffeebohnen bei 200 Grad in der Trommel. „Das Verfahren nennt sich schonende Langzeitröstung“, sagt Eva Schäfer. Mittlerweile riecht es in der Rösterei nach Genuss. Nach einem guten Start in den Tag. Dabei ist es schon später Nachmittag. „Wir warten auf den First crack“, erklärt Alt-Röstmeister Tünnemann. „Das ist wie bei Popcorn. Die Bohnen sprengen sich auf und verlieren ihr Silberhäutchen.“

Noch ein paar Minuten Geduld - dann kommen die Bohnen aus der Trommel. Prasselnd werden sie auf ein großes Sieb geschüttet. Hier dürfen sie duften - und abkühlen. Eva Schäfer atmet bewusst ein. Seit etwa einem Jahr arbeitet sie in Kehna. „Kaffee verbindet. Man tauscht sich aus. Sitzt zusammen. Ich bin trotzdem keine Vieltrinkerin. Eine Tasse pro Tag reicht.“

Besucher bekommen eine Exklusiv-Führung

Mit einer Hand fischt sie nach einer Bohne. Knackt sie zwischen den Fingern auf, riecht dran. „Gut“, lautet ihr Urteil. „Einfach gut.“ Nach jedem Röstvorgang müssen die fehlerhaften Bohnen aussortiert werden. Eine Aufgabe, die auch Frank gern übernimmt. Seine Brille schubst er sich immer wieder auf der Nase zurecht. Mit dem Fußpedal betreibt er das Band, auf dem die Bohnen liegen. „Die Maschine ist von 1862“, sagt er stolz. „Ich trinke jeden Tag vier Tassen Kaffee.“ Zahlen mag er. Seine Ruhe auch. Er will nicht gestört werden auf der Suche nach Steinchen und hellbraunen Bohnen. „Der feste Tagesablauf gibt den Bewohnern Halt“, erklärt Eva Schäfer. Der Verkauf läuft meist über das Internet. Manchmal kommen aber auch Kunden in die Rösterei. Lassen sich die Bohnen ihrer Lieblingssorte vor Ort abfüllen und mahlen. Dann, wenn Carina einen guten Tag hat, führt sie Gäste herum. „Für die Bewohner ist das ein Gefühl der Wertschätzung“, ist sich Eva Schäfer sicher. Im Oktober soll in einer der Scheunen die Rösterei erweitert werden. Ein kleines Hofcafé inklusive. Derzeit wird die Tasse Kaffee nur unter dem Himmelszelt angeboten. Das soll sich ändern. Die Gemeinschaft in Kehna will mehr denn je Ort der Begegnung sein. Carina freut sich schon drauf. Bis dahin sortiert sie weiter. Frei nach Aschenputtel: Die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen.

Hintergrund:

  • In der Gemeinschaft in Kehna können Menschen mit geistiger Behinderung einen Wohn- und Lebensplatz finden.
  • In der anerkannten Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM) bestehen Arbeitsangebote in den Bereichen Weberei, Landschaftspflege, Schreinerei, Hauswirtschaft und Kaffee-Rösterei.
  • Die Rösterei gilt als älteste Kaffee-Rösterei in ganz Hessen. Mehr Infos zu der integrativen Gesellschaftsgruppe in Kehna und zu dem Kaffee-Projekt erhalten Sie unter www.in-kehna.de.

von Marie Lisa Schulz

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