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Lange vorbei, aber nicht vergessen

Zeitzeugengespräche Lange vorbei, aber nicht vergessen

Unter dem Titel „So lange her, und doch so nahe“ präsentierte Gabriele C. Schmitt aus Niederwalgern, frühere Vorsitzende des Arbeitskreises Landsynagoge Roth, Gespräche mit Zeitzeugen.

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Gabriele C. Schmitt, die frühere Vorsitzende des Arbeitskreises Landsynagoge Roth, präsentierte in der Landsynagoge Auszüge aus ihren Gesprächen mit Zeitzeugen des Holocausts.

Quelle: Manfred Schubert

Roth. Etwa 50 Zuhörer verfolgten in der Synagoge die von Schmitt vorgestellten Ausschnitte aus Interviews, die sie in den Jahren 2002 bis 2011 mit Überlebenden des Holocausts und ihren ehemaligen Nachbarn, Freunden und Klassenkameraden aus Roth und Fronhausen geführt hatte.

Aus der Gegenüberstellung dieser zum Teil in den USA geführten Gesprächen und den Erläuterungen Schmitts ergab sich für die Besucher ein mosaikhaftes Bild der Zeit der Verfolgung, Emigration und Deportation der Juden aus Roth und den Nachbarorten.

Deutlich wurde, dass es Zeit gebraucht hatte, bis die Menschen auf beiden Seiten den Mut fanden, ihr Schweigen zu brechen, die schmerzlichen Erfahrungen durch das Erzählen noch einmal zu durchleben. Und Zeit, um Vertrauen zu der Interviewerin zu fassen. Schmitt schilderte, dass die Kinder durch diese Interviews oftmals Dinge von ihren Eltern erfuhren, über die sie zuvor nie oder nicht in dieser Ausführlichkeit gesprochen hatten.

Trude Meyer, geborene Löwenstein aus Fronhausen, schilderte beispielsweise, wie sie und ihre Familie sich am Bahnhof einfinden mussten, um nach Riga deportiert zu werden. Ihr weniges Gepäck wurde nie weitergeleitet. Eine Nähmaschine hatte die Mutter einem Nachbarn geschenkt. Vor 2000 Leuten habe ein SS-Mann die Mutter angeschrieen, dass sie sie nicht hätte weggeben dürfen, und Trude dachte, ihre Mutter kriege einen Herzschlag. Die Nähmaschine sei vom Nachbarn weggeholt worden.

„Das zeigt sehr gut, dass man wusste, was es in den jüdischen Häusern gab. Diese Dinge waren den Nazi-Größen bereits versprochen“, ergänzte Schmitt. Auch überlebenswichtige Nahrungsmittel wurden weggenommen. Trude und deren Schwester Jenny überlebten als einzige der aus Fronhausen Deportierten. Nach viereinhalb Jahren befreit, schafften sie den Marsch zurück nach Fronhausen.

Filmausschnitte zeigten Interviews mit den ehemaligen jüdischen Bewohnern Herbert Roth und Otto Stern aus Roth. Stern, dessen Familie ebenfalls deportiert wurde, kehrte als Soldat mit der US-Armee zurück und war in Witzenhausen stationiert. Bei einem Besuch in Roth stellte er fest, dass der Friedhof verwahrlost war. Den Bürgermeister Johannes Hartmann, welcher eifrig mit den Nazis zusammengearbeitet hatte, fordert er zum Aufräumen binnen 14 Tagen auf, am besten nehme er dazu „die dicksten Nazis“. Einige Bewohner hätten sich über dieses Verhalten empört. Aufgeräumt wurde aber.

Katharina Homscheid, die direkt neben der Synagoge wohnte, schilderte den Tumult, der während der Pogromnacht auf der Straße herrschte. Die Tora war draußen ausgerollt, einige Nazis wollten die Synagoge anstecken, was andere wegen der Gefahr für die Nachbarhäuser verhinderten. Es gab aber auch aufrechte Menschen, die sich dem Druck der Nazis nicht beugten. So weigerte sich, trotz Drohungen des Bürgermeisters, Johannes Ruth, das Haus von Bertha Stern auszuräumen. Seine Frau Anna Ruth sagte laut Schmitt: „Das waren, sind und bleiben unsere Freunde, das kann auch ein Hitler nicht ändern.“

Dass manche Menschen, auch in Roth, anscheinend immer noch Probleme mit der Vergangenheitsbewältigung haben, ging aus einer Ankündigung der Arbeitskreis-Vorsitzenden Dr. Annegret Wenz-Haubfleisch hervor. „Am 24. August sollen Stolpersteine für alle, an die wir denken müssen, verlegt werden. Nur zwei Häuser wehren sich dagegen, ohne dies zu begründen“, sagte sie. Daher sollen diese Steine zunächst vor der Synagoge Platz finden und später, wenn die Besitzer der Häuser wechseln, dorthin kommen, wohin sie gehören.

von Manfred Schubert

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