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Lahn-Deiche in Weimar sind zu niedrig

Gutachten liegt vor Lahn-Deiche in Weimar sind zu niedrig

Ein Thema, „das uns seit Generationen beschäftigt“, wie Bürgermeister Peter Eidam es ausdrückte, diskutierte nun der Bau­ausschuss: nach neuen Erkenntnissen ist der Hochwasserschutz in Weimar nur unzureichend.

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Die Lahn tritt bei anhaltendem Regen bei Roth leicht über die Ufer, überschwemmt auch die Zufahrtsstraßen wie hier im Jahr 2011.

Quelle: Götz Schaub

Niederweimar. Endlich ist es da – das lange ersehnte Gutachten zum Hochwasserschutz, das die Gemeinde vor knapp einem Jahr in Auftrag gab. Die Prognose im Ernstfall ist eher düster: Die Lahndeiche der Gemeinde sind zu niedrig, zu marode und „erreichen nicht die erforderlichen Sicherheiten“.

Dies ist das Fazit von Bauingenieur Jens Gelzenleuchter, Geschäftsführer des beauftragten Ingenieurbüros Best Ingenieure GmbH. Er informierte Ausschussmitglieder und einige interessierte Zuhörer über ein vorhandenes Sicherheitsdefizit und mögliche Lösungsansätze.

Das Gutachten richtet sich auf die Deichanlagen von Argenstein und Roth, die beiden Ortsteile, die im Falle eines Hochwassers betroffen wären. Bemessen werden Deiche dabei generell nach dem, was sie schützen sollen; in diesem Fall wären das geschlossene Ortschaften und Bewohner, also ein Gut, das „besonders schützenswert“ ist. Entsprechend hoch ist der Anspruch: die Dämme müssen ein sogenanntes „statistisch anzunehmendes Jahrhunderthochwasser“ aushalten, auch „HQ 100“ genannt - so lautet die Vorgabe des Hochwasserrisikomanagementplans. Die örtlichen Flächen liegen in der Deichklasse eins, soll heißen, die Deichkronen sollten drei Meter hoch sein, plus zusätzliche 50 Zentimeter als „Freibord“.

Das Problem: Die Deiche sowohl in Argenstein wie in Roth liegen deutlich unter dieser Mindestgrenze. „Die Höhe der Deiche erfüllen nicht die Vorgaben“, fasste Gelzenleuchter zusammen. Hinzu kommt der marode Zustand der vorhandenen kilometerlangen Anlagen. Der ist durch unzureichendes Material, Wildtier- und Emissionsschäden oder Bepflanzungen belastet.

Nach mehreren Tagen ist ein Dammbruch zu erwarten

Die gemessene Dichtigkeit ist unzureichend, die Dämme sind gegen Böschungs- und Gelände­bruch nicht ausreichend ge­sichert und gerade im oberen Bereich „sehr locker“. Die Prognose für den Ernstfall ist entsprechend schlecht: erdstatistisch wird der Deich bei einem angenommenen Hochwasser von mehreren Tagen „komplett und vollständig durchsickert – ein Dammbruch ist zu erwarten“, prognostiziert der Experte.

Als eine Lösung schlägt der Bauingenieur eine umfangreiche Erneuerung der Dämme vor, um die HQ-100-Vorgaben zu erreichen. Für eine Steigerung des Sicherheitsniveaus müssten die Anlagen deutlich erhöht und verbreitert werden, um der Strömung geringere Angriffsmöglichkeiten zu bieten. Zudem sollten Deich-Neigung und Durchlässigkeit durch stabi­leres Material angepasst werden.

Speziell für Argenstein rät der Gutachter, nur die Deiche westlich vom Ort und östlich der Zeiteninsel auf Vordermann zu bringen. Die Alternative, sämtliche Dämme im Norden, Osten und Süden in Angriff zu nehmen, hält er nicht für sinnvoll – in diesem Falle würden nötige Ausgleichsflächen der Lahn entfallen, der Wasserpegel noch weiter steigen – „im Ergebnis kontraproduktiv“, schließt Gelzen­leuchter diese Maßnahme aus.

Auch in Roth sollten die Anlagen erneuert, zudem um einen Deich unterhalb des Mühlenwehrs ergänzt werden. Darüber hinaus könnten dort die südwestlich gelegenen Flutmulden ausgeweitet werden, diese äußerst aufwendige Maßnahme habe jedoch keine Priorität.

Baukosten für Argenstein auf 5,1 Millionen Euro geschätzt

Die gesamten Baukosten für Argenstein und Roth schätzt Gelzenleuchter auf 5,1 Millionen Euro (inklusive Mehrwertsteuer). Zu dieser Summe kämen weitere anfallende Nebenkosten dazu, wie Grunderwerb, Planung, Gutachten und Genehmigungskosten. Nicht in der Aufstellung enthalten wäre die Weitung der Flutmulden samt dem Bau neuer Brücken oder eine Maßnahme zum Schutz der Ochsenburg.

Das informative Gutachten, vor allem die Kostenaufstellung, mussten die Anwesenden erst einmal sacken lassen. Unterstützung beim Hochwasserschutz versprechen dabei die Fördertöpfe vom Land Hessen. „Fördermöglichkeiten sind da“, betonte der Referent. Zumindest für den Neubau von Dämmen liege die Fördermittelquote etwa zwischen 20 und 40 Prozent.

Interesse bei den Zuhörern weckte vor allem die zu erwartende Planungs- und Bauzeit der Maßnahmen. Um überhaupt einen Förderantrag stellen zu können, wäre zuallererst die Genehmigung vom Regierungspräsidium nötig. Bis die Ausschreibung der Bauarbeiten beginnen könnte, geht damit schon einige Zeit ins Land.

Noch ist nichts entschieden; das Gremium wird sich in Zukunft weiter mit dem Thema beschäftigen. „Wir bleiben dran, ich bin optimistisch“, sagte der Vorsitzende Lars Plitt. Er schätzt den Zeitaufwand bis zur Ausschreibung auf fünf bis sechs Jahre.

von Ina Tannert

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