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Krieg als Reise, Feldpost als Therapie

Wolfshausen Krieg als Reise, Feldpost als Therapie

Großes Interesse herrschte an der Wolfshäuser Gedenkveranstaltung zum 100. Jahrestag des Beginns des Ersten Weltkriegs. Drei Referenten berichteten über Gesellschaft, Bilder und Schriften aus Kriegszeiten.

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Professor Dr. Siegfried Becker zeigte während
Gedenkveranstaltung anschaulich den „Ersten Weltkrieg in Bildern“.Fotos: Ina Tannert / Archiv

Wolfshausen. Mehr als 80 interessierte Zuhörer verfolgten die Vortragsveranstaltung zum Ersten Weltkrieg in Wolfshausen mit anschließender Diskussionsrunde. Musikalisch umrahmt wurde der Abend von heimischen Musikern und dem Kirchenchor Wolfshausen.

Über Ursprung, Ereignisse und überlieferte Eindrücke des Ersten Weltkrieges in Schrift und Bild berichteten die Referenten Professor Dr. Siegfried Becker von der Universität Marburg, Professor Dr. Otto Volk vom Hessischen Landesamt für geschichtliche Landeskunde und Doktorand Konrad Hierasimowicz von der Universität Gießen. Die Referenten zeichneten ein lebendiges Bild der kriegerischen Ereignisse vor 100 Jahren. Als Ursachen der später genannten Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts gelten unter anderem die angespannte politische und militärische Lage im Europa jener Zeit, widerstreitende Bündnissysteme, militärisches Wettrüsten und der wachsende Druck auf die Regierungen, berichtete Konrad Hierasimowicz aus Wolfshausen.

Jahrzehntelang galt die damit einhergehende Kriegsbegeisterung und -sehnsucht der Bevölkerung als Klischee, doch herrschten insbesondere auf Seiten des deutschen Bildungsbürgertums eine gewisse Begeisterung ob des sich anbahnenden Krieges, Patriotismus und Überzeugung von der „gerechten Sache“, während sich unter der Landbevölkerung eher Schrecken und Irritation breitmachte, so der Soziologe. Allgemein könne man sagen, dass innerhalb der Bevölkerung „die Kriegsbegeisterung Einiger und die Hinnahme der Meisten“ sowie der Glaube an einen schnellen Sieg vorherrschend waren.

Die Einstellung änderte sich im Laufe der ersten Kriegsjahre, als absehbar wurde, auf welch schreckliche und nie dagewesene zerstörerische Art und Weise sich dieser Konflikt entwickeln würde, während aus dem anfänglichen Bewegungskrieg ein neuartiger, starrer Grabenkampf mit neuen Massenvernichtungswaffen wie etwa dem Giftgas wurde.

Einen anderen Blickwinkel, eine individuelle „Perspektive auf den Krieg aus dem Krieg“ gab der Volkskundler Professor Dr. Siegfried Becker. Er sprach über die während des Krieges aufkommende Kleinbildfotografie. Anhand umfangreichen zeitgenössischen Bildmaterials demonstrierte er eine entscheidende Etappe der privaten Fotografie, die während des Krieges und durch den Krieg einen starken Aufschwung erfuhr. Dabei wurden Fotos einerseits zum Instrument der politischen Machthaber, die die militärische, kriegsbegeisterte Seite. Andererseits bestand der Wunsch der einfachen Soldaten darin, die individuellen Erlebnisse in der Fremde festzuhalten. Die dokumentierte Wahrnehmung der Fotografien wandelte sich im Laufe der Zeit.

Verbreitet waren zu Kriegsbeginn noch die typischen, offiziellen Heimatbilder mit „Jubelstimmung“ - lachende Soldaten in einem Zug und winkende Mädchen am Bahnhof. In späteren Jahren wurden vermehrt Bilder aus den Kriegsgebieten gesammelt, so Becker. Beliebt waren aussagekräftige Amateurfotografien aus fremden Ländern, auch wenn diese den pompös inszenierten Darstellungen von Kampf und Soldatentod im Dienst am Vaterland von offizieller Seite widersprachen und als verfälscht deklariert wurden.

Die beliebten Privatfotos der Soldaten - vor regionalen Sehenswürdigkeiten, Landschaften, Gebäuden und Situationen wie aus einer Urlaubsreise - zeigen dagegen eine ganz andere Sichtweise. Sie dokumentieren einen menschlichen Blickwinkel auf das Fremde, das Neue, quasi auf den Krieg als Reise.

Mit dem Abzug eines Großteils der männlichen Bevölkerung entwickelte sich eine weitere gesellschaftliche Strömung - der Wunsch nach Kontakt zwischen den Soldaten an der Front und den fernen Angehörigen, berichtete Professor Dr. Otto Volk über den Krieg in Schriftdokumenten. Ein steter, andauernder Briefwechsel war die Folge. Forscher schätzen, dass während des Krieges allein in Deutschland rund 28 Milliarden Feldpostbriefe und Karten verschickt wurden, so Volk.

Lebenszeichen, persönliche Berichte und Bestätigungen aus den Kriegsgebieten, Neuigkeiten der Familien und die sogenannten Liebesgaben der Daheimgebliebenen waren der Inhalt. Auch die Politik erkannte den neuen Trend und es entstanden immer mehr Kriegszeitungen mit ausgewählten Soldatenbriefen mit patriotischer Tendenz mit dem Ziel, die allgemeine Einsatzbereitschaft und öffentliche Stimmung entsprechend zu beeinflussen.

Daneben bot das Niederschreiben der Geschehnisse den traumatisierten jungen Männern an der Front oft die einzige Möglichkeit, das Erlebte in Worte fassen und verarbeiten zu können.

von Ina Tannert

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