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Kommt jüdische Gedenktafel zurück?

Rauischholzhausen Kommt jüdische Gedenktafel zurück?

Während die Synagoge in Rauischholzhausen unter der Herrschaft der Nazis komplett „verschwand“, blieb der jüdische Friedhof am Rande des Schlossparks erhalten.

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Am Rande des Schlossparks in Rauischholzhausen befindet sich in einer Hanglage der umzäunte und abgeschlossene jüdische Friedhof. Die letzte Beerdigung fand dort 1954 statt.

Quelle: Götz Schaub

Rauischholzhausen. Wie auf jedem Ehrenmal stehen auch auf jenem auf dem evangelischen Friedhof in Rauischholzhausen die Namen jener Männer aus dem Dorf, die im Ersten und Zweiten Weltkrieg als Soldaten den Tod fanden. Doch bei genauerer Durchsicht fällt auf, dass unter dem Ersten Weltkrieg die Namen Leopold Reiß, Jakob Isidor Rülf und Moses Rülf fehlen. Bei ihnen handelt es sich jeweils um deutsche Juden. Ihre Namen stehen jedoch zusammen mit den Namen der drei jüdischen Gefallenen aus Wittelsberg auf einer Marmortafel, die die jüdische Gemeinde von Rauischholzhausen nach dem Ende des Ersten Weltkrieges anfertigen ließ und in ihrer Synagoge aufstellte. „Möglicherweise ist die Existenz dieser Tafel der Grund dafür, dass die Namen der jüdischen Soldaten am Ehrenmal weggelassen wurden, aber das vermag heute niemand mehr zu sagen“, sagt Rauischholzhausens Ortsvorsteher Helmut Vogler.

Seit vielen Jahren ist es aber so, dass die Namen der drei Gefallenen in Rauischholzhausen nirgends mehr zu finden sind. Im Gegensatz zu den drei jüdischen Soldaten aus Wittelsberg. Diese werden auch auf dem Ehrenmal in Wittelsberg aufgelistet. Die Rauischholzhäuser Friedhofskommission soll nun eine Entscheidung treffen, denn nach Vorgabe des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge sollen die Namen der drei im Ersten Weltkrieg gefallenen deutschen Soldaten jüdischen Glaubens in Rauischholzhausen wieder Erwähnung finden, am liebsten wohl am Ehrenmal, wo die Namen ihrer gefallenen Kameraden aufgelistet sind.

„Das ist nicht ganz so einfach wie es klingen mag, weil es da keinen ausreichenden Platz gibt. Man müsste eine zusätzliche Plakette anbringen“, sagt Ebsdorfergrunds Bürgermeister Andreas Schulz.

Und weiter: „Wir wollen aber jetzt auch nicht einfach aus Aktionismus heraus etwas unternehmen, was so vielleicht nie gewollt war. Wir müssen versuchen herauszuarbeiten, ob man damals vielleicht auch auf Betreiben der jüdischen Seite bewusst auf diese drei Namen verzichten sollte, weil sie ja auf der Tafel der jüdischen Soldaten schon standen.“ - Und vielleicht kommt ja die Original-Gedenktafel wieder zurück, oder wenigstens ein Abguss davon.

So lange es diesbezüglich noch keine Entscheidung gibt, ist es dennoch sehr interessant, schon mal die Geschichte der Gedenktafel zu kennen, die hiermit folgt:

In Rauischholzhausen wurde nicht erst in der Pogromnacht die Synagoge geschändet. Sie wurde bereits in der Silvesternacht auf das Jahr 1936 bis zur Unbenutzbarkeit zerstört und auch geplündert. Die in der Synagoge befindliche Thorarolle wurde in jener Nacht einfach verbrannt. Diese Demütigung erlebten in Rauischholzhausen noch einige Mitbürger jüdischen Glaubens, allerdings nicht mehr so viele wie in früheren Zeiten, die Zahl der Gemeindemitglieder war schon um 1930 stark zurückgegangen. In der Pogromnacht 1938 wurde der Synagoge dann der Rest gegeben. Ein Jahr später war das Grundstück in der Potsdamer Straße, auf dem einst die Synagoge stand, eingeebnet. 1941 wurde die Synagoge aus dem Kataster der Gemeinde gelöscht.

Streuobstwiesen-Projekt schützte jüdischen Friedhof

Der jüdische Friedhof blieb hingegen weitgehend vor Übergriffen verschont. Warum? „Weil sich ein Mitbürger fand, der vorgab, auf dem Gelände eine Streuobstwiese anlegen zu wollen“, sagt Rauischholzhausens Ortsvorsteher Helmut Vogler. Und in der Tat: auf dem Friedhof lassen sich noch ein paar Obstbäume finden. Wenn gleich sie offenbar nur abseits der Gräber gepflanzt wurden, sah sich seinerzeit niemand dazu berufen, den Friedhof ähnlich zu zerstören wie die Synagoge. 128 Grabsteine erinnern an jüdische Mitbürger, nur ein einziger Grabstein ging verloren, als er von einem umstürzenden Baum getroffen wurde. Und was hat der Friedhof nun mit der Gedenktafel zu tun? Nun, dort wurde sie nach dem Zweiten Weltkrieg an einem Sandstein zwischen zwei Bäumen angebracht.

Diese Tafel aus Marmor hatte zunächst die Zerstörung der Synagoge in Rauischholzhausen unbeschadet überstanden und konnte glücklich zur jüdischen Gemeinde nach Marburg gebracht werden. Auch dort überstand sie fast unversehrt die Zerstörung der Marburger Synagoge.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde sie im Schutt der Marburger Synagoge fast unversehrt gefunden, saniert und nach Rauischholzhausen zurückgebracht. Allein existierte dort keine jüdische Gemeinde mehr. Deshalb fand also die Tafel von der Öffentlichkeit unbeachtet auf dem in der Regel abgeschlossenen jüdischen Friedhof einen neuen Platz.

Um 1980 herum besuchte der Jude Walter Spier seine frühere Heimat Rauischholzhausen. Er gehörte zu jenen Juden, die 1942 von Rauischholzhausen aus zunächst nach Theresienstadt, dann 1944 nach Auschwitz gebracht wurden. Während seine Eltern gleich am ersten Tag nach ihrer Ankunft in Auschwitz vergast wurden, überlebte er nicht nur dieses KZ, sondern auch später als 17-Jähriger bei eisigen Temperaturen einen Marsch nach Mauthausen in Österreich, bei dem sehr viele Juden umkamen.

Ihm gelang es, nach dem Krieg nach Rauischholzhausen zurückzukehren, wo er einen seiner Brüder, Martin, wiedertraf, von dem er in Auschwitz getrennt worden war. Die beiden Brüder lebten zunächst mit der ebenfalls zurückgekehrten Sara Mendel in Rauischholzhausen, wanderten dann aber nach Amerika aus.

Sara Mendel ist die letzte und auch einzige Jüdin, die nach dem Zweiten Weltkrieg noch auf dem jüdischen Friedhof in Rauischholzhausen begraben wurde. Das war 1954.

Um 1980 also besuchte Walter Spier Rauischholzhausen und nahm offenbar nach Rücksprache mit der damaligen Führung der Gemeindeverwaltung Ebsdorfergrund die Marmorgedenktafel mit in die Staaten, um ihr einen würdigen Platz zukommen zu lassen. Denn in seiner jüdischen Gemeinde in New York lebte auch Friedel Rülf, ein Bruder des im Ersten Weltkrieg gefallenen Isidor Rülf. Und Spier selbst verband ebenfalls viel mit der Tafel. So kämpfte im Ersten Weltkrieg an der Seite der Gefallenen auch sein Vater, der dann später wie erwähnt in Auschwitz vergast wurde.

Die 60 Zentimeter breite und 85 Zentimeter hohe Gedenktafel befindet sich also derzeit in der Bibliothek der Mount-Sinai-Gemeinde in New York.

Walter Spier, der zuletzt 2011 in Rauischholzhausen war und sich unter anderem Schülern der Gesamtschule Ebsdorfer Grund als Zeitzeuge zur Verfügung stellte, kann sich heute durchaus eine Rückführung des Originals oder eines Abgusses vorstellen. Dies jedenfalls sagte er zu Hans-Jürgen Schäfer, der ihn im vergangenen Jahr besuchte und darüber einen Bericht anfertigte.

von Götz Schaub

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