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Kleine Waisenkinder erobern Anne im Sturm

Ein freiwilliges soziales Jahr in Tansania Kleine Waisenkinder erobern Anne im Sturm

Am Anfang stand natürlich erst einmal die Idee, vor dem Studium noch ­etwas Besonderes zu ­machen und zu erleben. Anne Christian entschied sich für einen krassen Tapetenwechsel und ging ins ostafrikanische Tansania

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Anne Christian mit einigen ihrer Schützlinge, die fertig aufgereiht dasitzen, um ihr Essen zu bekommen.

Quelle: Privatfoto

Fronhausen. Ein freiwilliges soziales Jahr in Tansania plant man nicht von heute auf morgen, wenn man es richtig machen will. Anne Christian aus Fronhausen informierte sich bei der Jungen Caritas Afrika über die Angebote des Projekts „weltwärts Afrika“. „Nach einem Info-Tag Anfang Januar 2013 folgte Ende Januar ein Auswahlseminar. Etwa 90 Leute nahmen daran teil, 32 wurden schließlich genommen und ich war dabei. Ab diesem Zeitpunkt wusste ich, es wird ernst mit Tansania“, sagt Anne Christian.

Nach Ostern folgte ein Schnuppersprachkurs Swahili­ und im Juni ein dreiwöchiger Intensivsprachkurs. Annes Einsatzort sollte ein katholisch geführtes Waisenhaus in Tosamaganga im District der Stadt Iringa werden.

Am 8. Oktober 2013 dort angekommen ließ sie sich sofort auf ihr „neues Leben“ ein. Viel Zeit zum nachdenken gab es auch nicht, denn die Aufgaben in einem Waisenhaus für Kinder zwischen null und sechs Jahren sind völlig vorbestimmt. Und das nicht nur an den fünf Wochentagen, sondern natürlich auch samstags und sonntags. „Die Babys müssen gefüttert, gewickelt und gepflegt werden. Da hilft nur eine klare Struktur, um das hinzubekommen“, sagt Anne und fügte sich schnell in den Tagesablauf ein: Um 5.45 Uhr stand sie auf, um 6 Uhr wurden die Kinder geweckt und versorgt. Der Tag war ausgefüllt mit Arbeit, für Anne nicht nur bei den Kindern, sie wurde auch als Lehrerin für Mädchen zwischen 14 und 20 Jahren eingesetzt. Dabei kam ihrem Laptop eine ganz zentrale Bedeutung zu, denn damit konnte sie den Mädchen einige Handgriffe am Computer beibringen.

„Das war natürlich schon etwas Besonderes, ein Laptop und 20 Menschen dicht davor“, erinnert sich Anne Christian.

Sonst ging es um Englisch und Mathematik. Am Spätnachmittag hatte Anne dann für eine gute halbe Stunde Zeit, mit Nina, einer weiteren Deutschen, die im nahegelegenen Krankenhaus eingesetzt wurde, eine Tasse Tee zu trinken. Um 17.30 Uhr stand dann die Abendmesse an. Um 19.40 das Abendessen, danach der Abwasch. Nach ein paar Zeilen in einem Buch fielen ihr für gewöhnlich gegen 21.15 Uhr die Augen zu. Der Komfort ist mit hiesigen Einrichtungen nicht zu vergleichen. Eine warme Dusche zum Aufwärmen gab es nicht. Das Wasser war zwar fließend, aber immer kalt. Obgleich das Stromnetz relativ stabil war, war es nachts überall stockdunkel, Straßenlaternen gibt es dort nicht. „Also geht man auch abends nicht mehr raus in die Stadt“, sagt Anne. Manchmal ist sie samstags am Nachmittag in ein Internet-Café gegangen, sonst gab es aber nicht viel Abwechselung. Die Menschen, mit denen sie arbeitete, waren alle sehr nett, die Menschen, mit denen sie zufällig in Kontakt kam, in der Regel auch. Nur unter den Busfahrern waren ein paar ausgebuffte Typen, die glaubten, von Ausländerinnen mehr Geld für ein Ticket bekommen zu können. Und der eine oder andere Mann versuchte mal, mit einem Heiratsantrag zu landen. Sonst kann sich Anne Christian nicht beklagen, negative Erfahrungen gemacht zu haben. Wenn es denn mal gefährlich wurde, dann waren andere Landesbewohner schuld, etwa die Schlange, die sich im Hühnerstall satt fraß. „Als die noch in der Nähe vermutet wurde, durften wir abends im Dunklen nicht mehr auf den Hof gehen“, sagt die Fronhäuserin. Der stressige Tagesablauf machte ihr nichts aus, sie genoss ihre Arbeit.

„Ich will keine einzige Stunde missen“, erklärt sie rückblickend. Die Arbeit mit den kleinen Kindern, ihnen Verlässlichkeit und Nähe zu bieten, füllte sie komplett aus. Auch die große Dankbarkeit der älteren Mädchen, von ihr lernen zu dürfen, beeindruckte sie sehr. Aber das kann Anne Christian viel besser selbst erzählen (siehe unten stehenden Artikel). Hier bleibt nur noch zu sagen, dass sie sich auch ein paar Urlaubstage in Tansania gönnte, ein paar Tage am Meer verbrachte und eine Safari-Tour mitmachte, die sie restlos begeisterte. Seit Ende Juli lebt sie wieder hier in ihrer Heimat. Die Umstellung fiel schwer, ließ sie doch dort so viele Menschen zurück, die ihr ans Herz gewachsen sind. Jetzt im Oktober hat sie ihr Biologie-Studium in Marburg aufgenommen.

Anne Christian erzählt:

Als ich vor ziemlich genau einem Jahr nach Tansania aufgebrochen bin, war mein ganzer Kopf voller Träume, Wünsche und Vorstellungen. Ich war gespannt, wie alles werden würde und hatte jede Menge Dinge vor. Als ich dann ca. 10 Monate später wieder abgereist bin, war mein Herz voller Erinnerungen, Erfahrungen, Liebe, aber vor allem voller Abschiedsschmerz. Nichts hat mich in meinen bisherigen 20 Lebensjahren so sehr mitgenommen, wie der Abschied aus dem wundervollen Tansania. Ich habe unglaublich viele, tolle Menschen kennengelernt. Ich wurde von vollkommen fremden Menschen in ihr bescheidenes Zuhause eingeladen. Mir wurden Berge von Essen auf den Teller gelegt, während sich die Gastgeber selbst die Hälfte meiner Portion nahmen. Ich habe mit katholischen Schwestern zusammen gelebt, die uns behandelt haben, wie ihre Schützlinge, die bei jedem kleinen Schnupfen in mein Zimmer kamen, um zu sehen, ob wirklich noch alles gut ist und um mir zu sagen, wie leid es ihnen tut, dass ich jetzt krank bin.

Ich habe mit Frauen zusammen gearbeitet, die ihre eigene Familiengründung und ihr eigenes Wohlbefinden hinten anstellten, um sich Tag und Nacht um die Kinder im Waisenheim zu kümmern. Ich selbst habe diesen großartigen Kindern beim Großwerden zugeschaut und es bricht mir immer wieder aufs Neue das Herz, wenn ich daran denke wie der kleine Philippo zum ersten Mal über den Hof in meine Arme gewackelt kam und laut „Anna“ gerufen hat. Oder wie Johnny zum ersten Mal gekrabbelt ist und direkt auf mich zugesteuert ist. Ich werde niemals vergessen, wie herzlich und vorurteilslos die Kinder mich akzeptiert haben und wie sehr sie kleinste Zeichen der Zuneigung wertschätzen konnten. Es war unmöglich so viel Liebe zurück zu geben, wie ich bekommen habe, obwohl ich versucht habe,­ jedem Kind zu beweisen, dass es geliebt wird. Ich habe eine Klasse mit Schülerinnen zwischen 14 und 18 unterrichtet, die in Jubel ausgebrochen ist, als ich verkündet habe, dass ich zukünftig neben Englisch auch noch Mathe unterrichten werde. Die so dankbar für die Möglichkeit auf Bildung waren, dass sie sich persönlich bei mir bedankt haben für meinen Unterricht. Allein wegen dieser Erinnerungen und dieser Liebe, die mir als Weiße entgegen gebracht wurde, hat sich meine Entscheidung nach Tansania zu gehen, gelohnt.Jeder Tag in Tansania hat mich mit Zufriedenheit erfüllt, weil ich wusste, dass ich einen sehr kleinen Beitrag dazu geleistet habe, das Leben der Kinder im Waisenheim ein bisschen abwechslungsreicher zu machen und ihnen zeigen konnte, dass ich mich für sie interessiere und sie nicht vergessen sind von der Welt. Auch das Unterrichten hat mir jedes Mal aufs Neue gezeigt, wie richtig es ist, dass ich nach Tansania gegangen bin. Die Schülerinnen waren dankbar und wollten alles mitnehmen was ging. Und selbst wenn sich jetzt nur fünf Schülerinnen auf Englisch vorstellen können, ist das dennoch ein Erfolg für mich. Ich habe aber auch gelernt, dass viele Menschen ein verkehrtes Bild von Tansania haben. Es sind keine kleinen abgemagerten Kinder und auch keine verhungerten, verzweifelten Menschen. Die Menschen haben sich mit der Landwirtschaft eine Existenzgrundlage aufgebaut und sind zufrieden, wenn sie satt werden und ihre Liebsten um sich haben. Die Menschen sind arm, keine Frage, aber sie sind auch glücklich. Sie singen, sie tanzen, sie danken Gott für ihr Essen und ihre Kinder und sie denken nicht an alles Schlimme was in den nächsten fünf Jahren passieren könnte. Uns Europäern tun die „armen Afrikaner“ immer so leid, wobei für uns die Vorstellung so zu leben schwerer ist, als das tatsächliche Leben für die Tansanier. Meine Sicht auf Tansania und Afrika hat sich komplett gewandelt und ich bin froh, dass ich die Situation dort jetzt viel besser bewerten kann, als es mir vorher möglich war. Ich habe die Menschen kennengelernt, habe versucht die Welt aus ihrer Sicht zu sehen und es war oft nicht leicht, gewisse Ansichten zu akzeptieren, aber es ist auch nicht leicht zu ertragen, wie manche Europäer Tansania sehen. Es gibt viele Dinge, die die Menschen in Tansania noch tun müssen, damit das Land Chancen auf eine gute Zukunft hat, aber es gibt auch fast genauso viele Dinge, die wir von den Tansaniern lernen können.

Sollten in Deutschland mehr Dankbarkeit zeigen

Meine Zeit in Ostafrika hat mir gezeigt, dass wir Deutschen viel mehr Dankbarkeit zeigen sollten. Wenn wir eins gut können, ist es meckern wie schlecht alles ist. Wertschätzen wie gut manche Dinge sind, fällt uns da schon deutlich schwerer. Ich habe gelernt, dass Geduld und Zuversicht wichtig sind. Manchmal muss man den Dingen etwas Zeit geben, um gut zu werden. Ich habe gelernt, dass man sich selbst auch nicht für zu wichtig halten sollte. Man hat sich selbst viel lieber, wenn man anderen gut tut, anstatt immer nur das zu tun, was für einen selbst das Beste ist. Die schönsten Momente für mich waren, wenn ich den Kindern Freude machen konnte. Ich habe in Tansania innerhalb von 10 Monaten Menschen kennengelernt, die ich ohne jeden Zweifel als meine zweite Familie bezeichnen kann. Ich bin dankbar für jede Erinnerung und jede Erfahrung, die ich machen durfte. Ich bin dankbar für jeden Menschen und jedes Kind, das ich kennen lernen durfte. Ich bin dankbar für jeden Ort, den ich sehen konnte. Und ich bin dankbar für alles, was ich über das Land Tansania, die Kultur und die Sicht der Menschen lernen konnte.

von Götz Schaub

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