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Kirchentüren werden unter Polizeischutz geöffnet

Warum zwei Kirchen in Heskem? Kirchentüren werden unter Polizeischutz geöffnet

125 Jahre Kirchweihjubiläum der SELK in Heskem veranlasste zu einer Spurensuche, die noch einmal die Geschichtsbücher bemühte und eine krimireife Rebellion gegen die preußische Regierung offenbarte.

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Die Podiumsrunde: Lydia Gottschalk (von links), Professor Achim Behrens, Pfarrer Dirk Brüning, André Stolper und Anne Brüning.

Quelle: Martina Becker

Heskem. Ökumene, das ist in der heutigen Zeit ein wichtiger Teil kirchlicher Arbeit. Je mehr umso besser forderte Dirk Brüning, Pfarrer in Schwabendorf/Bracht.

„Das Christentum verdunstet immer mehr“, nur im Miteinander könne man das Abwenden der Gesellschaft vom Christentum aufhalten, so die Meinung des aus Heskem stammenden Podiumsmitglieds. Theologische Feinheiten, sprich die unterschiedliche Auslegungen der Bibel, ob reformiert oder lutherisch sind heute eher bedeutungslos.

Die Frage, ob die Gegenwart von Christi beim Heiligen Abendmahl als Realpräsenz oder rein zeichenhafte Handlung verstanden werden soll, brachte vor rund 140 Jahren die Heskemer Bürger im wahrsten Sinne des Wortes auf die Barrikaden. „Diese Geschichte birgt Stoff für einen Krimi“, sagte Anne Brüning. Die Moderatorin des hr-Fernsehens leitete am Montagabend in ihrem Heimatdorf das „Kirchengespräch“. Partner der Runde waren neben dem genannten Brüning die Heskemer Lehrerin Lydia Gottschalk, der Theologie-Professor Dr. Achim Behrens aus Oberursel sowie der SELK-Gemeindepfarrer André Stolper. Um den „Krimi“ noch einmal nachzuvollziehen und die Wurzeln der eigenen Kirche bis an die Spitze zu folgen, waren 110 Bürger der SELK-Gemeinde Dreihausen, Roßberg sowie Heskem-Mölln gekommen.

Aufstand gegenpreußische Regierung

„Wie Heskem zu zwei Kirchen kam?“ Mit dieser Frage hatte sich Gottschalk vor Jahren in ihrer Examensarbeit auseinandergesetzt. Sie versorgte das Publikum mit den wichtigen geschichtlichen Details. Angefangen hatte alles 1873. In diesem Jahr setzte die preußische Regierung eine staatliche Kirchenleitung ein. Der Hintergrund war, dass 1866 Kurhessen von Preußen besiegt und in dieses eingegliedert wurde. Eine Union zwischen Lutheranern und Reformierten Christen war hier schon seit Jahren Normalität. Kurhessen sollte diesem Beispiel folgen. Da hatte die Preußen allerdings die Rechnung ohne die Dreihäuser, Heskmer und dutzende andere Gemeinden gemacht. Eine Protestwelle von mehr als 40 hessischen Pfarrern nahm ihren Anfang. Allen voran schritt Heinrich Schedtler, Pfarrer der Dreihäuser und Heskemer Gemeindeglieder. Er war strenger Verfechter der lutherischen Theologie, die auf die reale Anwesenheit von Jesus beim Abendmahl beharrt. Das „renitente“ Verhalten von Schedtler führte bis zu seiner Amtsenthebung. Drei staatliche Pfarrer wurden bis zum Jahr 1876 für Heskem und Dreihausen eingesetzt. Sie fanden allesamt schwierigste Arbeitsbedingungen vor. Schedtler hatte die Bürger auf seiner Seite und die scheuten nicht davor zurück die unerwünschten Pfarrer zu demütigen. So wurden etwa die Gottesdienste nicht besucht. Vielmehr habe sich die Gemeinde schweigend vor der Kirche versammelt, erzählte Gottschalk. Dazu kam, dass Schedtler die Kirchenbücher und Kirchenschlüssel nicht herausgab. Unter Polizeischutz wurden beispielsweise die Kirchen geöffnet. Überhaupt war in diesen Jahren die Polizei überdurchschnittlich viel in Heskem im Einsatz. Die Gottesdienste der „Renitenten“ fanden unterdessen in Privathäusern statt. Wie sich dies seinerzeit angefühlt haben konnte, wurde vor der Podiumsdiskussion an historischer Stätte, im Bogenweg 10, heute Hof Lemmer mit einer Andacht nachempfunden.

Freiheitskampfbringt Freikirche

Sicher war sich die Runde, dass die ganze Bewegung nur auf Grund der großen Autorität von Schedtler hatte entstehen können. „Er war ein Freiheitskämpfer“, meinte Stolper. Im Kern war es ein Freiheitskampf, ein Aufstand gegen Bevormundung. Ob der eigentlich „marginale“ theologische Hintergrund wirklich jedem Bürger bewusst gewesen sei, wagte der Fachkreis zu bezweifeln. Dies war wahrscheinlich am Ende auch ausschlaggebend für den Beginn der Spaltung des Kirchspiels im Jahr 1875. „Die Menschen haben gesehen, dass der Kampf eigentlich nicht notwendig war“, sagte Behrens, denn eine wirkliche Veränderung sei von der Kirchenleitung nicht beabsichtigt gewesen. Zu den staatlichen Repressionen gegen die Aufständigen gehörten etwa, dass die Kinder, die nicht von vom eingesetzten Pfarrer konfirmiert waren, die Schulentlassung nicht bekamen. 1876 beruhigten sich die Fronten. Die Meinungen, sprich die Dörfer, hatten sich in Sache Kirche geteilt. Pfarrer Schedtler wurde von seinen Anklagen freigesprochen. Die „Renitenten“ wurden ohne es zu wollen zur Freikirche, die seitdem ihren Pfarrer selber bezahlen muss. Eine eher nicht geplant und bedachte Konsequenz, so die Vermutung des Podiums. Von seinem eigenen Amtsverständnis musste Schedtler damit auch Abstriche machen. Er starb 1886. Die Heskemer Kirche, deren Jubiläum aktuell gefeiert wird, erlebte er nicht mehr.

Ökumene war bis nach dem zweiten Weltkrieg eher ein Fremdwort, Ressentiments zwischen der Landes- und der Freikirche blieben nicht aus. „Heute leben wir die Ökumene schon auf vielen Ebenen und es ist noch mehr möglich“, sagte Pfarrer Stolper. Ein zeitgemäßer Weg, den, wie eingangs erwähnt, Brüning als unabdinglich für den Fortbestand der Kirche sah. Am Ende war es ein Abend, der einen interessanten wie auch amüsanten Blick auf die Wurzeln der SELK Geschichte warf. „Sind wir nicht alle ein bisschen renitent?“ Diese Frage, die auch Titel des Abends war, stellten die Kirchenvorstände Katja Nau-Bingel und Reinhold Rauch zum Abschluss in den Raum.

von Martina Becker

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