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Kinder als lebendige Blutkonserve

Zeitzeugen in Rauischholzhausen Kinder als lebendige Blutkonserve

Sieben Frauen und ein Mann aus Weißrussland, die als Kinder zu Opfern des deutschen National­sozialismus wurden, ­berichteten während ihres Besuchs im Landkreis von ihren Schicksalen.

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Die Gruppe vor dem Schloss in Rauischholzhausen (von links): Soja Wikentew Davidenko, Dolmetscherin Irina Bronislawowna Kalinowitsch, Rimma Abramowna Galperina, Ludmila Prachownik, Nina Antonowna Lych, Leonila Kasimirowna Uschakowa, Emma Petrowna Tscherjak, Sergej Michajlowitsch Ermakow, Maryna und Harald Johann Kolmar und Franz-Josef Bego-Ghina (alle vom Verein EIKOS), Natalija Vladimiriwna Abadowskaja und Begleiterin Swetlana Viktorowna Lisenko.

Quelle: Manfred Schubert

Rauischholzhausen. Zwangsarbeit, Gefangenschaft in Konzentrationslagern und der Missbrauch als lebendige Blutkonserve für Wehrmachtssoldaten gehörten zu ihren Erlebnissen.

„Der Beginn des Krieges beendete meine Kindheit. Als ich drei Jahre alt war, war ich schon ein politischer Häftling“, übersetzte die Dolmetscherin die Worte von Nina Antonowna Lych. Sie stammt aus einem kleinen Dorf nahe Witebsk, Weißrussland (Belarus) und wurde im September 1938 geboren. „Mein Cousin war Partisan, deswegen wurde meine Familie bestraft und nach Auschwitz deportiert, um dort im Krematorium zu enden. Meine Mutter wurde in Auschwitz getötet“, berichtete Lych weiter.

Die Wehrmacht brauchte jedoch die „arisch“ aussehenden Kinder aus Witebsk. Sie kamen in ein Nebenlager, dort wurde ihnen Blut für verletzte deutsche Soldaten abgenommen. „Damit es sich ersetzt, sollten wir viel laufen“, erinnerte sie sich. Im Februar 1945 wurde sie von der Roten Armee befreit, kam in ein russisches Kinderheim und kehrte erst 1954 nach Belarus, so lautet die offizielle Bezeichnung Weißrusslands heute, zurück.

Auch Soja Wikentew Davidenko berichtete in der Alten Schule von diesem weniger gut als andere Nazi-Verbrechen dokumentierten und bekannten Missbrauch der gefangenen Kinder als lebendige Blutkonserve. In Rauischholzhausen wurden sie am Ende des dritten Tages ihres Aufenthalts in Deutschland vom Verein der Dorfgemeinschaft mit Kaffee und Kuchen und einem Abendessen bewirtet.

Zuvor hatte das von Eikos (Verein für Entwicklung, Inklusion und Kommunikation mit Ost und Süd) vorbereitete Programm an diesem dritten von fünf Besuchstagen bereits mehrere Punkte in unserem Landkreis umfasst. Der Verein hatte die Begegnungsreise für die Zeitzeugen organisiert und in Kooperation mit der Lebenshilfe Gießen und Förderung durch die Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft mit Sitz in Berlin durchgeführt.

Im Schnelldurchgang geht es durch den Landkreis

Nach einer Stadtführung in Marburg gab es einen Empfang in der Kreisverwaltung, einen Besuch im Dokumentations- und Informationszentrum für die Opfer des Nationalsozialismus in Stadtallendorf und einen Abstecher zum jüdischen Friedhof sowie ins Schloss ­Rauischholzhausen.

Davidenko sei im Herbst 1943, sechs Jahre alt, aus einem Konzentrationslager in Belarus nach Deutschland verschleppt worden. Etwa 1900 Kinder, die nie an Typhus erkrankt waren, blieben in dem Lager, um Blut für die Soldaten zu geben. Sie zeigte ein Foto von sich, das bei der Ankunft in Soest aufgenommen wurde, aus dem ein Kind mit vor Hunger aufgedunsenem Gesicht blickt und die Gefangenennummer 12147 trägt. Ihre Mutter, Schwester und sie mussten in der Landwirtschaft arbeiten. Sie erinnerte sich daran, dass es damals warm im Winter in Deutschland gewesen sei, denn die Kühe hätten draußen statt im Stall gestanden.

Die meisten der acht Zeitzeugen wurden zwischen 1936 und 1938 geboren. Die älteste, Leonila Kasimirowna Uschakowa, ist Jahrgang 1933. Sie war schon zehn, als sie mit anderen in Viehwaggons ohne Essen, Wasser oder Toiletten nach Deutschland transportiert wurde. In Dessau mussten sie und andere Kinder in einer Fabrik arbeiten. „Man sagte uns, wir würden Ersatzteile für Flugzeuge herstellen, mit denen wir nach Hause fliegen würden. Wir haben das geglaubt“, erzählte sie.

Auch Natalija Vladimiriwna Abadowskaja musste Zwangsarbeit für die Flugzeugindustrie in Wuppertal leisten. „Ich kann mich nur an Hunger erinnern, wir haben Suppe mit Gemüse und Würmern bekommen“, sagte sie. Emma Petrowna Tscherjak dagegen blieb ein positives Erlebnis inmitten all des Schrecklichen im Gedächtnis. Im Lager sei sie in eine Wassergrube gefallen, zwei deutsche Soldaten hätten sie gerettet. „Bis heute erinnere ich mich an die Gesichter dieser jungen Soldaten“, sagte sie. Rimma Abramowna Galperina verwies, statt zu erzählen, auf ihr deutsch-belarussisch erschienenes Erinnerungsbuch „Wie es war…Überleben. Leben. Hoffnung“.

„Ich verlasse Deutschland mit Dankbarkeit“

Man merkte, dass es den Zeitzeugen zum Teil nicht so leicht fiel, ihre Geschichten zu erzählen. Eikos-Vorsitzender Harald Johann Kolmar berichtete, dass es tags zuvor noch sehr viel emotionaler zugegangen sei, als sie mit etwa 60 Neunt- und Zehntklässlern der Lindener Anne-Frank-Schule sprachen. Einige von ihnen waren das erste Mal nach dem Krieg wieder in Deutschland. Es sei sehr schön im Herbst in Deutschland, die Menschen seien sehr freundlich, schilderten einige ihre Eindrücke. „Ich würde gerne länger bleiben und eine Kur hier machen“, meinte Sergej Michajlowitsch Ermakow.

Lych erklärte, ihr habe der Dialog mit den Schülern sehr gefallen, das Treffen von Seiten der Schüler und Lehrer sei sehr warmherzig gewesen. Man müsse viel über das alles reden, weil es Menschen gebe, die Neonazis unterstützten. „Die Zeit ist ganz anders, wir können jetzt miteinander reden. Wir sind dankbar für die Einladung”, sagte sie.

Auch Abadowskaja sagte, das Treffen mit den Schülern sei sehr schön gewesen, weil sie Interesse an ihrem Schicksal zeigten und viele Fragen gehabt hätten. „Ich verlasse Deutschland mit Dankbarkeit, dass ich hier sein durfte“, schloss sie.

Buchautorin Galperina betonte: „Alles, was mit uns passiert ist, ist schwierig zu vergessen. Die heutigen Verhältnisse sind anders, diese Generation ist offen, das wiegt die schweren Erinnerungen auf. Viele deutsche Stiftungen unterstützen Kinder aus dem Tschernobyl-Gebiet, man merkt, dass Deutschland viel für unsere heutige Gesellschaft tut, auch mit Stiftungen für uns Opfer. Bald werden keine ehemaligen Häftlinge mehr am Leben sein. Noch können wir unsere Geschichte erzählen, wir müssen mit der Jugend reden, damit sie diese kennt.“

Die vom 2013 gegründeten Verein Eikos organisierte Begegnungsreise hatte das Ziel, diesen Opfern des Nationalsozialismus einen persönlichen und unmittelbaren Blick auf ein anderes Deutschland zu ermöglichen und jungen Menschen in Deutschland durch die Begegnung mit ihnen diese Zeit des Nationalsozialismus vor Augen zu führen. Daraus soll Verständnis für die Menschen aus Belarus und ihrer Schicksale entstehen.

Weitere Informationen über den Verein Eikos im Internet unter www.eikos-global.de

von Manfred Schubert

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