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Kerben und Namen auf der Turmspitze

Kirchensanierung in Wenkbach Kerben und Namen auf der Turmspitze

Meterhohe Gerüste und ein Ganzkörpernetz bekleiden derzeit den historischen Wehrturm der Kirche in Wenkbach – die Turmhaube wird noch bis zum Spätherbst auf Vordermann gebracht.

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Seit Mai umhüllt ein Gerüst den historischen Turm der Wehrkirche in Wenkbach.

Quelle: Nadine Weigel

Wenkbach. Hammer-, Säge- und Schleif-Geräusche dröhnen derzeit vom hohen Wehrturm des alten Gemäuers in den Ort hinab. Zahlreiche Handwerker sind seit Juni damit beschäftigt, die maroden Balken des Turms im historischen Ortskern zu erneuern.

Der mit Schießscharten bewehrte Turm ist der älteste Teil der Wehrkirche und wurde wahrscheinlich bereits im 12. Jahrhundert errichtet, noch vor der ältesten bekannten Erwähnung Wenkbachs im Jahr 1302. Die hölzerne Turmhaube kam im 14. Jahrhundert hinzu, wurde im Zweiten Weltkrieg stark beschädigt und erst vier Jahre nach Kriegsende repariert. Wind und Wetter hatten jedoch bereits ihr Übriges getan, das bereits durchnässte Holz unter den neuen Schieferplatten quoll auf, trocknete wieder ab und zog sich zusammen. Nägel und Schieferplatten lockerten sich und fielen zum Teil ab.

„Es ist immer wieder Feuchtigkeit eingesickert, das war gar nicht gut für das Holz“, erklärt Reinhard Karber vom Kirchenvorstand, der die Bauarbeiten interessiert begleitet. So einige der gammeligen Balken der Turmhaube, also der hölzerne Aufsatz auf dem Mauerwerk, sind von dem zerstörerischen Pilz „Eichenporling“ befallen und werden nun erneuert.

Panoramablick vom 24 Meter hohen Turm aus

Dabei ist Vorsicht geboten, die alten, teils maroden Balken der Glockenstube können nur stückweise entfernt und durch neue ersetzt werden, anderenfalls droht der ganze Turm zusammenzufallen. Zudem hängen die beiden bis zu 280 Kilogramm schweren Glocken in dem Gebälk. „Ein aufwendiges Unterfangen und ebenso spannend“, schwärmt Karber, der nur zu gerne auf den 24 Meter hohen Turm klettert, den Panoramablick genießt und sich mit den Handwerkern bespricht. Neben den Zimmerleuten, die derzeit dem Holz zu Leibe rücken, sind Dachdecker, Schreiner, Schlosser und Maurer an dem Großprojekt beteiligt.

Mit schwerem Gerät, Säge und Schleifmaschine, doch auch mit Beitel und dem traditionellen, hölzernen Klopfholz der Zimmerleute werden die massiven neuen Balken zurechtgestutzt und in das Konstrukt eingefügt. „Wir fertigen alle Holzersatzstücke für die Balkenteile und überplatten sie, das ist handwerkliche Feinarbeit“, erklärt Zimmermeister Carsten Schmidt von der Firma Hess und Büse aus Borken, der gerade mit den Kollegen in luftiger Höhe zugange ist.

Auch so manches historisches Kleinod gibt es dabei auf der Baustelle zu entdecken: gut sichtbar werden nun zahlreiche Andenken an frühere Bauarbeiter, die sich hoch oben auf dem Turm verewigt haben. Direkt an der Turmspitze, 24 Meter über dem Boden, findet man etwa die Kerben der Handwerker Alfred Bremer und Josef Bittman-Kinzenbach, die ihre Namen am elften Oktober 1949 in den Schiefer geritzt haben. Etwas weiter unten verewigte sich  Eduard Krombach aus Lollar, Dachdeckerlehrling im dritten Jahr. Er wurde im Juni 1933 geboren, schreibt er der Nachwelt. Der Kirchenvorstand vermutet im Inneren des Turms weitere Vermächtnisse früherer Generationen, wie eine Zeitkapsel in der Kirchturmspitze, die im Zuge der Sanierung demnächst geöffnet werden soll.

Sanierungkosten liegen bisher bei 393.000 Euro

Das Gerüst, das den historischen Turm bedeckt, wurde bereits im Mai aufgestellt, seit Juni sind die Zimmerleute am Werk. Voraussichtlich wird bis in den Oktober hinein gebaut, schätzt Karber. Das Vorhaben ist bisher mit Kosten in Höhe von 393.000 Euro veranschlagt, den Großteil übernimmt die Landeskirche. Etwa 30.000 Euro steuert die Kirchengemeinde Roth bei. Mit so einiger Eigenleistung versuchen die Mitglieder vom Kirchenvorstand die Kosten gering zu halten: „Aufräumen, wegräumen, sauber machen – wir machen alles, was nicht in den handwerklichen Bereich fällt“, berichtet Karber.

Der Hauptteil der Kirche wird von den Bauarbeiten nicht beeinflusst, trotz der Sanierungsarbeiten am Turm findet der Gottesdienst im Kirchenschiff wie gewohnt alle zwei Wochen statt.

 
Sanierung der Wehrkirche in Wenkbach. Foto: Ina Tannert

von Ina Tannert

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