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Karl Krantz, der Macher von Weimar

40 Jahre Gemeinde Weimar Karl Krantz, der Macher von Weimar

Die Gemeinde Weimar feierte am Montagabend sich selbst. 40 Jahre wurde sie alt. Einer, der maßgeblichen Anteil daran hat, wie die Gemeinde heute aussieht, zeigte dabei seinen neuen Film „Weimar von oben“.

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Preisen die Chronik an: Otto Weimar (von links), Professor Siegfried Becker, Layouter Tom Engel, Bürgermeister Peter Eidam, Parlamentschef Kurt Barth, Ehrenbürgermeister Karl Krantz und Helmut Wenz, der von 1974 bis heute Kommunalpolitiker ist, derzeit als Mitglied des Gemeindevorstandes.

Quelle: Götz Schaub

Niederweimar. 40 Jahre hinterlassen Spuren. Die Protagonisten von damals sind entweder schon verstorben oder, mit Verlaub, in die Jahre gekommen. Und so waren es zumeist ältere Menschen, die Bürgermeister Peter Eidam zum offiziellen Festakt geladen hatte. Ältere Menschen, die , als sie noch 100 Prozent in Saft und Kraft standen ganz Schönes geleistet haben - erst für ihre selbstständigen Heimatgemeinden, dann für die junge Großgemeinde Weimar.

Viele freuten sich, sich mal wieder über den Weg zu laufen und tauschten rege Neuigkeiten und Erinnerungen aus. Zuvor lauschten sie den Sängern aus Ober- und Niederweimar sowie den Ausführungen verschiedener Redner, denn es wurde auch ein neues Buch vorgestellt, eine Chronik der Gemeinde Weimar. „Wir haben uns bewusst dazu entschlossen, sie von einem externen Menschen verfassen zu lassen“, sagt Otto Weimar vom Geschichtsverein Weimar.

In Historiker Dr. Johannes König fanden sie schließlich den richtigen Mann. König wie auch Professor Siegfried Becker sprachen zur Chronik, ihrer Entstehungsgeschichte und ihrer Berechtigung, zusätzlich zu bereits bestehenden Dorfchroniken entstanden zu sein. Einer, der wohl ganze Bücher mit dem Thema „Gebietsreform 1974“ füllen könnte, sprach nicht, er zeigte einfach „nur“ einen Film - die Ortsteile der Gemeinde Weimar aus der Vogelperspektive. Schön, beeindruckende Sequenzen. Und jeder der Zuschauer wusste: Dass diese Ortsteile zur Gemeinde Weimar zusammengefunden haben, war vornehmlich der Verdienst des „Filmemachers“, der in seinem früheren Leben als junger Bürgermeister eine sensationelle Überzeugungskraft besessen haben muss.

Dafür gibt es viele Quellen und zum Glück auch noch einige Zeitzeugen, die dies in der 50. Auflage der „Heimatwelt“ nochmals deutlich herausstellen. Hans Schneider vom Geschichtsverein und Gemeindearchiv-Verantwortlicher hatte sich die Mühe gemacht, Zeitzeugen zu befragen und deren Erinnerungen niederzuschreiben.

Gefallene Würfel wurden von Krantz neu geworfen

Selbst aussichtslose Fälle wurden von Karl Krantz mit nur einer flammenden Rede umgebogen. Johannes Grün aus Roth weiß noch ganz genau wie es war. Roth hatte sich schon für die im Raum stehende Gemeinde Walgern entschieden und wollte sich also Niederwalgern anschließen. Auch wenn man sich sagen lassen musste, dass zuerst Niederwalgern dran sei und dann Roth. Bei einer Versammlung mit Vertretern der Gemeinde Weimar, die seit 1971 aus den Orten Niederweimar, Oberweimar und Allna bestand, wendete sich das Blatt. Krantz sprach den Rothern Mut zu, und dass man alles zusammen schaffen könne. Das hinterließ Eindruck und so votierten die Rother für „Weimar“. Auch Wolfshausen wurde so „abgeholt“, obgleich es dort Bestrebungen gab, sich der Stadt Marburg anzuschließen. Und Niederwalgern? Der damalige Bürgermeister Gerhard Schneider war wohl von einer Großgemeinde Walgern ausgegangen, die selbst Fronhausen und Niederweimar vereinen sollte. Er glaubte, dafür auch ausreichend Unterstützung in Wiesbaden zu haben und agierte laut Zeitzeugen sehr entschlossen und kompromisslos.

Anders Karl Krantz, dem es auch gelang Wenkbach ins Weimarer Boot zu holen, nachdem dieses sich im Kampf mit Niederwalgern um eine Wertschätzung eine blutige Nase geholt hatte. Wenkbach wollte zunächst mit Niederwalgern die Gesamtschule zwischen den Dörfern bauen. Aber Niederwalgern wollte die Schule bei sich haben. Und auch der Vorschlag einer gemeinsamen Feuerwehr zwischen den Dörfern wurde abgelehnt. Wie Roth musste auch Wenkbach hören, dass erst Niederwalgern kommt, dann Wenkbach. Krantz zeigte sich beweglicher und gab Wenkbach das Gefühl, in Weimar dazuzugehören, nicht einfach nur ein Anhängsel zu sein. Und so verlor Niederwalgern an Einfluss und es kam letztendlich zu einer Zwei-Gemeinden-Lösung mit den Verwaltungssitzen in Fronhausen und Niederweimar. „Walgern“ ging als die Gemeinde, die nie war, in die Geschichte ein.

Und Krantz hielt ganz sicher Wort. Er verstand die Gemeinde Weimar sofort als Ganzes und arbeitete so auch nach seiner Wahl zum Bürgermeister der Großgemeinde Weimar in den Grenzen von 1974.

Dabei musste Krantz schon ein Jahr nach der Gebietsreform feststellen: „Leider hat sich die finanzielle Situation unserer Gemeinden bisher nicht verbessert. Im Gegenteil, erst nach und nach wird deutlich, welche Verpflichtungen, die bisher nicht bekannt waren, nun auf die Gemeinden einstürmen. Die Haushaltspläne sind nicht mehr auszugleichen, Streichungen kaum möglich.“

Sein Können und seine Amtsführung ließen Krantz letztendlich 30 Jahre Bürgermeister der neuen Großgemeinde sein. Vielleicht wäre er es noch heute, wenn er nicht auch älter geworden wäre und sein Pensionsalter erreicht hätte.

Auch seine beiden Nachfolger, zunächst Volker Muth (SPD), dann der noch amtierende Peter Eidam (parteilos) hatten beide immer die Gesamtgemeinde im Sinn. Auch sie mussten und Eidam muss es noch immer, mit einem defizitären Haushalt kämpfen.

Welchen Weg wohl die Gemeinde Walgern genommen hätte? Und vor allem, mit wem an der Spitze? Wo sie wohl heute stehen würde? Diese Fragen dürfen sich auch die Fronhäuser mal stellen. Ob dort jemals Seidel und Schneider hätten investieren können? Fragen über Fragen. Noch eine letzte: Gibt es in Weimar überhaupt noch jemanden, der die Gemeinde Weimar gegen etwas anderes eintauschen möchte?

n Die Chronik zur Entstehung der Gemeinde Weimar ist ab sofort in der Gemeindeverwaltung an der Info für 15 Euro erhältlich. Die 50. Heimatwelt ebenfalls, dazu noch kostenlos.

von Götz Schaub

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