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Jeder Baum ist neue Herausforderung

Rettung von Apfelbäumen Jeder Baum ist neue Herausforderung

Geduldig steht er auf der Leiter und genießt die frische Landluft. Sein Blick schweift jedoch nicht in die Ferne, sondern fixiert fest die Äste vor seinem Gesicht. Hier hilft nur ein Radikalschnitt, weiß der Profi-Baumschneider.

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Dietmar Schumann (von links), Dr. Norbert Clement, Anke Schmidt vom Bauamt der Gemeinde und Andreas Schulz freuen sich über die professionelle Arbeit von Baumwart Dieter Karler.

Quelle: Götz Schaub

Beltershausen. 248! 248-mal muss Dieter Karler dasselbe Muster bearbeiten: halbseitig komplett abgeschnittene Obstbäume wieder in Form bringen. In Form bringen heißt, dass in die verbliebene Hälfte massiv eingegriffen werden muss, um dem Baum wieder ein ganzheitliches Erscheinungsbild zurückzugeben.

Welches Schicksal hat wohl ein Baum, dessen Erntefrucht nur einseitig wächst? „Diese Frage kann jeder für sich beantworten“, sagt Bürgermeister Andreas Schulz. 25000 Euro investiert die Gemeinde in die Rettung der Apfelbäume die am Rande des asphaltierten Feldweges stehen, der als Verlängerung des Grünen Weges zu den landwirtschaftlichen Flächen führt. 80 von 248 Bäumen wurden nun in zwei Blöcken bearbeitet, im Herbst 2012 und im Frühjahr 2013. Es wartet also noch sehr viel Arbeit auf ihn. Die Arbeit von Karler wird nicht nur von Schulz gerne gesehen. Auch Dr. Norbert Clement vom Landkreis Marburg-Biedenkopf, der zudem Kreisobstbauberater ist, und Dietmar Schumann, Landschaftspfleger beim Amt für Bodenmanagement, beobachten ebenfalls mit großem Interesse die Arbeit des Fachmanns. Denn die Obstbäume rund um Beltershausen haben eine sehr lange Tradition. Die erste Flurbereinigung in Beltershausen fand 1872 statt und schon damals wurden Obstbäume in Feld und Flur gepflanzt. Damals viel mehr als heute stellten die Obstbäume auch eine wichtige Versorgungsquelle für die Landbevölkerung dar. Die Äpfel wurden eingelagert oder eingekocht und ergänzten das Mittagstischangebot in der kalten Jahreszeit. Auch bei einer zweiten Flurbereinigung 1920 spielten Obstbäume eine wichtige Rolle. Dieser Tradition folgend wurde auch bei der Flurbereinigung von 1981 bis 2000 auf den Obstbaumbestand rund um Beltershausen geachtet. Der ortsansässige Verschönerungsverein hatte sich über mehrere Jahrzehnte um deren Pflege gekümmert. „Man kann sagen, die Obstbäume lagen den Beltershäusern immer sehr am Herzen“, sagt Schulz.

Die Obstbaumtradition in Beltershausen lässt vermuten, dass unter dem Bestand noch einige Raritäten sind“, sagt Dr. Clement. Für die Bäume soll schließlich auch ein Kataster angelegt werden. Ein solches gab es schon einmal, in früheren Jahren, doch ist dieses verloren gegangen, so dass man ganz ohne alte Aufzeichnungen die Sortenbestimmung vornehmen muss. „Spannend wird es allemal“, so Clement.

Dieter Karler freut sich über jeden Baum, den er retten kann. Dabei gestaltet sich seine Arbeit sehr unterschiedlich. „Ich sage es mal ganz vereinfacht. Die Arbeit gestaltet sich an jedem Baum sehr individuell. Sie ist abhängig von den zugefügten Schäden und natürlich vom Alter des Baumes. Ein junger Baum muss anders behandelt werden als ein älterer.“

Wenn Karler mit einem Baum fertig ist, mag der Laie geschockt sein, denn der „Korrekturschnitt“ sorgt erst einmal für ein „übles Aussehen“, wie Karler gerne zugibt. Er weiß, dass das nötig ist, will man später wieder seine Freude an dem Baum haben. Und er weiß auch, dass ein einzelner Korrekturschnitt nicht ausreicht. Deshalb liegt noch sehr viel Arbeit vor ihm. „Wenn ich jeden Baum nur einmal bearbeiten würde, wäre die gesamte Arbeit umsonst.“

Aber auch der „Baum-Doktor“ ist bei besonders schweren Fällen mit seiner Kunst am Ende. Und so stehen zwischen den bereits bearbeiteten Bäumen auch mal Baumruinen, tote, gut zwei Meter hohe Stümpfe. „Die bleiben stehen“, sagt Dr. Clement. Denn sie bilden auch wieder ein Ökosystem. Die Insekten, die sich unter der toten Rinde einfinden bilden wiederum die Erstnahrung von den Brutvögeln in den umliegenden Apfelbäumen. Und Löcher im Baumstamm bieten sich auch als Nistplatz an. Was Karler ganz besonders freut ist: „dass die Menschen, die hier vorbeikommen alle freundlich sind, und es gut finden, dass ich die Bäume rette. Es gab ausnahmslos nur positive Reaktionen.“

von Götz Schaub

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