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„In Pakistan wäre ich wohl schon tot“

Flüchtling Kashan Sahar „In Pakistan wäre ich wohl schon tot“

Kashan Sahar gab sein erfolgreiches Leben als Marketingleiter bei Coca-Cola auf und tauschte es gegen eine ungewisse Zukunft in Europa ein. Doch nur so, sagt er, konnte er sein Leben retten.

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Kashan Sahar geriet als Schiit in Pakistan immer wieder in Lebensgefahr. In Ebsdorf hat er keine Angst mehr und hofft auf eine Zukunft in Deutschland.

Quelle: Patricia Kutsch

Ebsdorf. Als Kashan Sahar vor mehr als einem Jahr nach Ebsdorf kam, sprach er nur Urdu und Englisch. Dennoch suchte der Pakistani von Beginn an den Kontakt zu den Ebsdorfern, ging in die Dorfkneipe und auf den Fußballplatz, half unaufgefordert bei Arbeitseinsätzen am Dorfgemeinschaftshaus. Deutsch lernte er im Gespräch und mit Hilfe von Videos auf Youtube, einen Sprachkurs bekam er nach neun Monaten. So lange wollte er aber nicht warten, denn der 31-Jährige möchte sich ein neues Leben aufbauen, Freunde finden und wieder arbeiten.

Kashan Sahar lebt die Integration. Viele Ebsdorfer kamen inzwischen in den Genuss seines selbstgekochten pakistanischen Hähnchen-Curry, und wenn er sich einige Tage nicht auf dem Bauernhof in der Nachbarschaft blicken lässt, um frische Milch zu kaufen, wird er vermisst. Sahar ist froh, dass er ein sicheres Zuhause gefunden hat. Dennoch ist er ruhelos. Er will unbedingt ein eigenes Leben leben, ohne auf Geld vom Staat angewiesen zu sein. Das frustriert ihn manchmal - aber er gibt nicht auf.

Sicherheit hat gefehlt

Seinen starken Willen und seinen Drang, zu leben, hat Sahar in den vergangenen Jahren immer wieder gezeigt. Er lebte in Faisalabad als Kind eines Regierungsbeamten, hatte, ebenso wie seine Schwester und sein Bruder, studiert. Er arbeitete als Händler für Zwirn und Garn und als Marketingleiter bei Coca-Cola, war erfolgreich, hatte Geld, einen Führerschein. Was er nicht hatte war Sicherheit: „Man weiß in Faisalabad nie, ob man in der nächsten Sekunde noch lebt“, erklärt Sahar. Den 8. März 2011 etwa überlebte er nur mit großem Glück: Eine Autobombe detonierte an einer Tankstelle, direkt neben Kashans Büro. Er verließ es wenige Minuten zuvor, weil ein Freund ihn drängte, eine andere Aufgabe schnell zu erledigen. Sein Freund ist tot.

Sahar überlebte mehrere Mordanschläge, die ihm galten. Grund dafür war seine Religion: Sahar ist friedvoller Schiit, gehört einer Minderheit an. Er engagierte sich in seiner Glaubensgemeinschaft. Dafür sollte er sterben. Mehrere Narben an Händen und Körper erinnern ihn noch immer daran. Als eine Kugel, die ihm galt, einen Freund verletzte, entschied sich Sahar für die Flucht. Er kam in Kontakt zu einem Schlepper, der ihn über den Landweg nach Deutschland brachte. 28 Tage orientierungslos, war der Pakistani in einem Frachtcontainer mit einigen anderen eingesperrt, lebte im Dunklen. „Ich wusste nicht, ob ich lebend ankomme. Aber in Pakistan wäre ich wohl schon tot.“

Sahar erinnert sich, wie beruhigend Fahrgeräusche und Wind waren - und immer wenn der Container stillstand und Stimmen erklangen, hatte er Todesangst. Sahar betont, dass er nicht aus finanziellen Gründen nach Deutschland kam. Er konnte sich seine Flucht nur leisten, weil er Geld hatte. „Niemand nimmt dieses Risiko für dich auf sich, ohne Geld dafür zu nehmen.“

„Ich will nicht frei haben, ich arbeite gerne“

Der Schlepper brachte Sahar bis an den Hauptbahnhof in Frankfurt, gab ihm 20 Euro und sagte ihm, er solle ein Ticket nach Gießen kaufen und in das Auffanglager für Asylbewerber gehen. Dort kam er für 22 Tage unter - und fand sofort Arbeit: Für 18 Euro in der Woche arbeitete er in der Wäscherei. „Niemand sonst wollte diese Arbeit haben“, wundert er sich noch heute. „Ich will nicht frei haben. Ich arbeite gerne und ich brauchte Geld.“ Seither lebt Kashan Sahar in Ebsdorf - noch immer im Asylbewerberheim. Denn eine kleine, bezahlbare Wohnung ist schwer zu finden. Mittlerweile hat er einen Minijob in der Gastronomie. Der Landkreis bezahlt seine Unterkunft und würde auch die Kosten für eine eigene Wohnung übernehmen.

Aber Sahar will unbedingt in Ebsdorf bleiben - denn dort haben die Menschen ihn aufgenommen und ihn in sein neues Leben begleitet. „Ich habe hier viele Freunde“, sagt er und lächelt erstmals strahlend.

"Ich kämpfe dafür, wieder jemand zu sein"

Die Wohnung ist Sahar nicht das Wichtigste: Vor allem will er einen festen Job finden - und den Führerschein machen. Auf eine Ausbildungsstelle kann er jedoch erst hoffen, wenn er seine Duldung in der Hand hält. Aufgrund der vielen Anträge kann dies dauern. Bis dahin bekommt er seine Aufenthaltserlaubnis nur um jeweils sechs Monate verlängert. „Ich verliere so viel Zeit“, bedauert Sahar. „Wenn ich die Duldung erst mit 40 bekomme, dann ist mein halbes Leben weg.“

Eigentlich hatte Sahar von einer Ausbildung im Kfz-Bereich geträumt. „Aber ich bringe zu Ende, was ich anfange.“ Damit meint er seinen Minijob: Monatelang ist er mit dem Fahrrad von Betrieb zu Betrieb gefahren, hat nach Arbeit gefragt und schließlich als Küchenhilfe seine Chance bekommen. „Es macht mir Spaß. Deswegen möchte ich Koch werden.“ Was er in Pakistan gelernt habe - dafür finde er hier keine Anstellung. „Ich möchte einfach arbeiten - egal wo. Also lerne ich etwas Neues.“ Sahar ist dabei eins wichtig: „Ich hatte in Pakistan einen Status. Hier bin ich nichts. Aber ich kämpfe dafür, wieder jemand zu sein.“

Kashan Sahar hat viel aufgegeben, um zu leben. Vor allem eins: seine Familie. „Ich träume davon, sie wiederzusehen. Aber das wird wohl nur ein Traum bleiben.“ Sein einziger Trost ist, dass seine Geschwister in Faisalabad sind und für seine Eltern sorgen, während er versucht, ein Leben aufzubauen in einem Land, in dem die Menschen ihn für das, was er ist, am Leben lassen.

von Patricia Kutsch

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