Volltextsuche über das Angebot:

7 ° / 2 ° Regenschauer

Navigation:
Im Sinne der Schüler flexibel agieren

Diskussion um G8/G9 Im Sinne der Schüler flexibel agieren

G8 oder G 9. Das ist an der Gesamtschule Niederwalgern nicht die Frage. Die Schule hat ein Angebot entwickelt, das den unterschiedlichen Lerngeschwindigkeiten der Schüler Rechnung trägt.

Voriger Artikel
Von Samba bis Konzertmusik
Nächster Artikel
Zumba-Party bringt Halle zum Beben

Sabine Schäfer-Jarosz ist an der Gesamtschule Niederwalgern die stellvertretende Schulleiterin Fotos: Thorsten Richter

Quelle: Thorsten Richter

Niederwalgern. Die Gesamtschule Niederwalgern nimmt im Landkreis Marburg-Biedenkopf aufgrund ihres speziellen Angebots mit der flexiblen Unterstufe in der G8/G9-Diskussion eine Sonderstellung ein. Die stellvertretende Schulleiterin Sabine Schäfer-Jarosz nimmt Stellung.

OP: Frau Schäfer-Jarosz, Sie haben sich für die Beibehaltung der flexiblen Unterstufe entschieden. Das heißt, schnelle Lerner absolvieren die Klassen 5 bis 7 in zwei Jahren, andere eben ganz normal in drei Jahren. Wie sehen Ihre Erfahrungen damit aus?

Sabine Schäfer-Jarosz: Wir haben vor 3 Jahren mit der Entwicklung der Flexiblen Unterstufe begonnen, da damals die Gymnasien G8 anbieten mussten. Unser Modell möchte allen Schülerinnen und Schülern insofern gerecht werden, als die Kinder nach ihrem jeweiligen Lerntempo ihren Lernprozess gestalten können. Die Erfahrung zeigt, dass die Mehrheit der Schülerinnen und Schüler einen längeren Weg wählt. Dennoch ist es problematisch, wenn Unterricht sich nur an den Bedürfnissen der „Mehrheit“ der Schülerinnen und Schüler orientiert, da dadurch leistungsstarke Schülerinnen und Schüler nicht genügend gefordert werden, genauso wie Kinder mit besonderem Förderbedarf zu kurz kommen könnten.

Man sollte ebenso die leistungsstarken Schülerinnen und Schüler im Blick haben, da jede Gesellschaft Leistungsträger/innen braucht.

Allerdings ist an unserer Schule die G8/G9-Diskussion noch nicht beendet, zumal man sich flexible Strukturen auch im Rahmen von G9 vorstellen kann; denn es kommt darauf an, wie die gewonnene Zeit Schülerinnen und Schüler, die schneller lernen, nutzen können, etwa durch zusätzliche, vertiefende Angebote; Praktika; Auslandsaufenthalte…

Daher finde ich es persönlich schade, dass sich keines der Marburger Gymnasien für das Kombi-Modell im Schulversuch entschieden hat.

OP: Da eine Schülergruppe in den Hauptfächern aus bis zu zehn Fünftklässlern, zehn Sechst- und zehn Siebtklässlern bestehen kann, muss der Lehrer beziehungsweise die Lehrerin sehr flexibel agieren. Wenn alle Leistungsstufen, die den drei Zweigen Hauptschule, Realschule und Gymnasium entsprechen, unter den Schülern vertreten sind, heißt das, der Lehrer oder die Lehrerin muss in ihre Gruppe bis zu neun Unterrichtsentwürfe vorhalten. Ist dem so und ist das den Lehrern zuzumuten? Schäfer-Jarosz: Eine Klasse setzt sich aus je 8 Schülerinnen und Schülern aus dem Jahrgang 5, 6 und 7 zusammen. Unsere Kolleginnen und Kollegen bereiten ihre Unterrichtseinheiten und Materialien im Team vor, was nicht nur zur Entlastung der Lehrerinnen und Lehrer beiträgt, sondern auch zur Qualitätssteigerung, da die Einheiten auf den Erfahrungen und dem fachdidaktischen Wissen mehrerer Lehrkräfte beruhen.

OP: Wo sehen sie die Stärken der Flexiblen Unterstufe? Schäfer-Jarosz: Alle Schülerinnen und Schüler werden individuell gefördert und gefordert. So können Bildungswege lange offen gehalten werden. Zudem können die Schülerinnen und Schüler nach ihrem jeweiligen Lerntempo lernen.

Hinzu kommt, dass das soziale Miteinander besonders gefördert wird.OP: Gibt es auch Nachteile beziehungsweise Schüler, die mit dieser Form des Lernens nicht zurecht kommen, wenn ja, wie wird diesen Schülern geholfen? Schäfer-Jarosz: Manche Eltern haben Sorge, dass ihre Kinder den vermeintlichen Erwartungen an Selbstständigkeit und Eigenverantwortung nicht gerecht werden, besonders dann, wenn sie den Eindruck haben, dass diese Kompetenzen in der jeweiligen Grundschule noch nicht ausreichend entwickelt worden sind. Durch Lernbegleitung versuchen wir, diese Kompetenzen aufzubauen und zu schulen.

OP: Zuletzt ging die Zahl der Neuanmeldungen an Ihrer Schule stark zurück, während andere Gesamtschulen in der Umgebung zulegten. Hat das was mit der Unterrichtsart an Ihrer Schule zu tun?

Schäfer-Jarosz: Die Ursachen für Schwankungen in der Anmeldezahl sind schwer nachzuvollziehen. Wir sind aber dabei, intern und extern die Gründe zu ermitteln und daran zu arbeiten.OP: Kommen auch Schüler aus anderen Teilen des Landkreises zu Ihnen, um gezielt die flexible Unterstufe durchlaufen zu können? Schäfer-Jarosz: Wir haben seit Beginn der Flexiblen Unterstufe zunehmend Schülerinnen und Schüler aufgenommen, die nicht aus unserem Einzugsbereich stammen, insbesondere aus der Stadt Marburg und aus Salzböden. Die Eltern haben sich gezielt für unsere Schule entschieden, weil wir Lernformen und Methoden weiterführen, die sie in den Grundschulen geschätzt haben.OP: Angesichts der Landtagswahl im September kann es gut sein, dass es eine neue Regierung geben wird, die wiederum eigene Akzente bei der Schulpolitik setzen möchte. Haben Sie Angst, jetzt in ein System zu investieren, das im Herbst wieder in Frage gestellt werden könnte? Schäfer-Jarosz: Ein demokratisch herbeigeführter möglicher Wechsel in einer Regierung verbreitet bei uns keine Angst; denn unser Hauptanliegen ist die Förderung aller Schülerinnen und Schüler.

OP: Halten Sie es für gut, wenn es generell keine Sitzenbleiber mehr gibt, wie aktuell von der neuen rot-grünen Regierung in Niedersachsen gefordert? Schäfer-Jarosz: Mir erscheint das Thema Sitzenbleiben in der aktuellen Diskussion oft sehr vereinfacht dargestellt und manchmal polemisch zu sein. Es geht doch um junge Menschen, die in einem Bereich oder in mehreren Fächern den Anforderungen nicht genügen. Dann gilt es für jede Schule, sollte sich Versagen abzeichnen, Gründe dafür zu ermitteln und geeignete Gegenmaßnahmen zu ergreifen, damit die vorhandenen Lücken noch im Laufe des Schuljahres verringert werden können, sodass Mitarbeit möglich ist und Schule Spaß macht. Auch das Mittel einer Nachprüfung fehlt aus meiner Sicht in der gegenwärtigen Diskussion.

Das sagt der Schulelternbeirat

OP: Sind Sie mit der Entscheidung der Schule, eine flexible Unterstufe mit altersgemischten Gruppen anzubieten, zufrieden?
Monika Kruse: Wenn Sie sich die Diskussion um G8/G9 genauer anschauen, so werden Sie recht schnell erkennen, dass hier eher um die Diskussion eines formalen Ablaufes mit seinen Folgen und Auswirkungen geht. Dabei wird teilweise sogar fachlich wenig fundiert diskutiert, sondern auch emotional gestritten. Die Schüler selbst, die Unterrichtsqualität und auch fachliche Aspekte sowie neueste Forschungsergebnisse finden in diesem Zusammenhang erstaunlich wenig Erwähnung und werden folglich kaum diskutiert.
Die Schulgemeinde der Gesamtschule Niederwalgern hat daher nicht die (populäre) Diskussion um G8/G9 aufgegriffen, sondern hat begonnen nach Wegen und Organisationsformen zu suchen, die gemäß dem Leitbild der Schule allen Schülerinnen und Schülern gerecht werden. Ein erster Schritt war die Entscheidung für die Flexible Unterstufe mit Schulzweig- und altersübergreifendem Unterricht und die wissentschaftlich durch das Sigmund-Freud-Institut begleiteten Lernbegleitgespräche [Vergleich auch:  http://www.sfi-frankfurt.de/fileadmin/redakteure/pdf/Publikationen2013/Begegnung_auf_Augenhoehe_-_Schulbegleitgespraeche_zu_dritt.pdf.]

Sicher ist es für uns als Eltern nicht immer leicht, den für uns oft als neu und unbekannt anmutenden Unterricht unserer Kinder zu verstehen und selbst im Grunde wieder zu Lernenden werden, wie wir unsere Kinder in ihrem Heranwachsen und Lernen begleiten können.
OP: Welche Resultate erhoffen Sie sich für die Kinder?

Kruse: Die Kinder können in dem individualisierten Unterricht der Flexiblen Unterstufe mit deutlich weniger Konkurrenzdruck lernen. Der Unterricht ermöglicht es, auf ihre individuellen Fähigkeiten und Fertigkeiten gut einzugehen. Im früheren System der A-, B- und C-Kurse in den Fächern Englisch und Mathematik war es kaum möglich, aus dem B- in den A-Kurs zu wechseln, ein Wechsel aus dem C- in den A-Kurs war noch weniger zu realisieren. Im neuen System, in dem die SchülerInnen in einem Ein- bis Drei-Sternchenbereich arbeiten, wobei ein Sternchen für den früheren C-Kurs, drei Sternchen für den früheren A-Kurs stehen, ist ein Wechsel der Lernkompetenz und ein Aufstieg innerhalb der Sternchenbereiche jederzeit möglich. Sogar ein Aufstieg vom Ein- zum Drei-Sternchenbereich kann erfolgen. Lernstarke Schüler können so ebenso gefördert werden wie Schüler mit besonderem Lernbedarf. Auch nicht vergessen werden darf, dass die Kinder sich gegenseitig beim Lernen unterstützen und natürlich zu jeder Zeit die Hilfe eines Lehrers zur Verfügung steht.
Die landesweit an allen Schulen durchgeführten Lernstandserhebungen, zu denen sich auch die GSN im Rahmen der Qualitätssicherung verpflichtet hat belegen, dass die SchülerInnen die unterschiedlichen Anforderungen sehr gut bewältigen und teilweise sogar über den Erwartungen liegen. Darüber hinaus aber haben unsere Kinder die Möglichkeit, in einem geschützten Rahmen ihre sozialen Fähigkeiten zu üben und bekommen dann die Zeit zum Lernen, wenn sie sie benötigen und können schneller bei den Lerninhalten voranschreiten, wenn sie in der Lage dazu sind. Ein weiterer positiver Effekt dieses Unterrichtskonzeptes ist, dass die Anzahl nötiger Sanktionen durch die Schulleitung auf nahezu null gesunken ist. Diese Lernorganisation entspricht viel mehr den natürlichen Bedürfnissen eines jeden von uns und verhilft eher zu Erfolgserlebnissen als ein Unterricht, der Ungleiches gleichzumachen versucht.
OP: Stimmt es Sie nicht nachdenklich, dass die Neuanmeldungen an der Schule im Vergleich zu umliegenden Gesamtschulen merklich zurückgehen? Sehen Sie da einen Zusammenhang zur besonderen Ausrichtung Ihrer Schule?

Kruse: Bevor auch wir als Vertreter der Eltern uns für die Änderung der Organisation des Unterrichts ausgesprochen haben, haben wir uns informiert. Alle Schulen, die sich für ähnliche Veränderungen entschieden hatten, mussten in den nächsten Jahren zunächst sinkende Anmeldezahlen akzeptieren. Veränderungen rufen immer Ängste hervor, und es war uns als Eltern, aber auch der Schulgemeinde bewusst, dass es nicht gelingen würde, alle sofort mitzunehmen. Insofern haben wir diese Entwicklung erwartet und, um ihre Frage zu beantworten, natürlich steht diese Entwicklung in Zusammenhang mit der Entwicklung der Schule. Hinzu kommt, dass wir in Zeiten zurückgehender Schülerzahlen leben und die Gymnasien in Marburg nun auch für „Kreiskinder“ freie Plätze haben. Die hohe Anzahl an Gymnasien in Marburg, die „Gerüchteküche“, aber auch die Ängste der Eltern vor dem Unbekannten machen es der Schulgemeinde schwer zu vermitteln, dass die Gesamtschule ein funktionierendes, gutes, auf die individuellen Bedürfnisse der Kinder und der Region abgestimmtes Angebot hat. Es wird sicher noch eine gewisse Zeit dauern, bis es „rund“ läuft. Auf den Schulelternbeiratssitzungen stehen wir mit der Schulleitung in einem guten und konstruktiven Austausch zur Flexiblen Unterstufe. So ist ein Ergebnis der letzten Sitzung, dass Eltern Hospitationstermine angeboten werden. Eine weitere Überlegung ist, auf der Homepage der GSN „FAQ´s“ zur Flexiblen Unterstufe zu hinterlegen. Wir werden als Eltern ernst genommen.
Die Publizistin Wilma Thomalla hat gesagt: „Es sind nicht die äußeren Umstände, die das Leben verändern, sondern die inneren Veränderungen, die sich im Leben äußern.“
In diesem Sinne werden sich die Veränderungen, die die Schulgemeinde der GSN auf den Weg gebracht hat, auf die eine oder andere Weise auswirken. Wir hoffen und glauben zum Positiven für unsere Kinder.     

von Götz Schaub

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr