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Im Nachhinein schlauer - und dankbar

Bilanz Helmut Nau Im Nachhinein schlauer - und dankbar

Der Kindergarten Beltershausen ist heute eine Vorzeigeeinrichtung der Großgemeinde Ebsdorfergrund. Seine Entstehung kostete hingegen eine Männerfreundschaft.

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Beltershausen war in den 70er und 80er Jahren Seriensieger auf Bezirksebene des Wettbewerbs „Unser Dorf soll schöner werden“. Bürgerhaus (von links), Sportplatz und Kindergarten gehören zu den Aushängeschildern des Ortes.

Quelle: Thorsten Richter

Beltershausen. Ob etwas gut war im Sinne von gelungen, oder ob es eine falsche Entscheidung war, weiß man nicht immer sofort. Da sich Dinge entwickeln, können als gut angesehene Entscheidungen sich zehn Jahre später als falsch entpuppen, als falsch eingestufte Entscheidungen später als „Glücksgriff“ bezeichnet werden. Dass es in Beltershausen einen Kindergarten gibt, wertet Bürgermeister Andreas Schulz als „Glücksgriff“ und es gibt in Beltershausen wohl niemanden, der anderer Meinung ist. Wie der als selbstverständlich vorhandene Kindergarten überhaupt in Beltershausen gebaut werden konnte, wird von der Zeit immer mehr in den Hintergrund bis zum Vergessen gedrängt. Dabei ist gerade diese Geschichte es wert, nicht vergessen zu werden, um sich immer wieder bewusst zu machen, dass es manchmal darauf ankommt, mutig vorwegzugehen und auch mal eine Entscheidung gegen massive Gegenwehr „von oben“ zu treffen.

Als jüngst Helmut Nau seinen 80. Geburtstag mit einem Empfang im Beltershäuser Bürgerhaus feierte, erhielt er für sein politisches Wirken im Nachhinein viel Applaus. Damals, 1974 als die Gebietsreform umgesetzt wurde, war es anders. Die Schulbehörde und der damalige Landrat Dr. Burkhard Vilmar waren überein gekommen, dass für die damaligen Gemeinden Beltershausen, Moischt, Schröck und Wittelsberg eine Gesamtgrundschule in Wittelsberg eingerichtet und die Grundschule in Beltershausen aufgelöst wird. In Wittelsberg wollte dann Vilmar auch einen Kindergarten angesiedelt sehen. Und keinen in Beltershausen. Das war mit Nau nicht zu machen. Obgleich er mit Vilmar befreundet war, steuerte er gegen.

„Durch meine übergeordnete politische Tätigkeit erfuhr ich von der Vorbereitung eines Landesgesetzes, dass die Schulvermögen, sowohl das Gebäude als auch die dazugehörenden Grundstücke in die Trägerschaft der neuen Landkreise übergehen sollten“, beschreibt Nau die damalige Situation.

Die Beltershäuser Gemeindevertretung fasste einen kühnen Entschluss - „eine Minute vor zwölf“ und veräußerte die Schule. „Der Reinerlös wurde der Rücklage zwecks Errichtung eines Kindergartes zugeführt“, so Nau. Vilmar wollte indessen von einem Kindergarten in Beltershausen nichts wissen und weil die Meinungen so unversöhnlich aufeinanderprallten, konnten die beiden Männer ihr gutes persönliches, auch freundschaftliches Verhältnis nicht mehr pflegen. Vilmar warf ein, dass das zuständige Landesjugendamt einen eingruppigen Kindergarten in Beltershausen niemals erlauben werde. Aber auch darauf hatte Nau eine Antwort. „Wegen der vorhandenen Bauland-Knappheit kam mir der Gedanke, ein größeres Baugebiet zu planen.“ Und ja, die Grundstücke wurden gebraucht und Beltershausen wuchs an, sodass Nau in Kassel den Nachweis führen konnte, dass Beltershausen einen zweigruppigen Kindergarten benötigt. Das Landesjugendamt gab grünes Licht, von dem Vilmar nichts ahnte, weil er bei diesen Gesprächen nicht dabei gewesen war.

Und so erlosch schließlich das letze Fünkchen Freundschaft. Vielleicht hat sich Vilmar nicht getraut, Beltershausen zu puschen, kam er doch selbst aus dem Ort. Bürgermeister Andreas Schulz kann Nau für seinen Einsatz nur danken, obwohl auch er in seiner Anfangszeit als Bürgermeister Nau in der Gemeindevertretung nicht gerade zum Freund hatte. „Da ging es ganz schön zur Sache“ erinnert sich Schulz. Jetzt in der Nachbetrachtung, kann er Nau nicht dankbar genug sein, für dessen Engagement. Auch der Sportplatz wäre heute nicht der, den alle in Beltershausen kennen, wenn Nau nicht den Verkaufsverhandlungen mit einem Einheimischen Stand gehalten hätte. Und er wurde belohnt. Das Kreiskulturamt des Landkreises Marburg plante einen neuen Sportplatz auf einem Gemeindegrundstück, was allerdings enorme Erdarbeiten voraussetzte. Sportplatz wie auch das 1969 gebaute Bürgerhaus, das erst jüngst modernisiert wurde, haben das Dorf Beltershausen positiv geprägt wie die zahlreichen Erfolge in den 70er und 80er Jahren im Wettbewerb „Unser Dorf soll schöner werden“.

Schön, wenn man mit 80 Jahren sagen kann: „Es hat sich alles gelohnt.“ Nau wohnt heute mit seiner Frau in Ratingen in Nordrhein-Westfalen, doch beteuert er: „Ich bin und bleibe immer Beltershäuser.“

von Götz Schaub

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