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Im Frühsommer entsteht erstes Haus

Freilichtmuseum Zeiteninsel Im Frühsommer entsteht erstes Haus

Archäologie kann furchtbar zermürbend und gleichzeitig unfassbar spannend sein. Jeder kleine Fund ist ein Puzzleteil aus dem Leben hierzulande vor Tausenden von Jahren. Auf der Zeiteninsel soll es visuell dargestellt werden.

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Sie gestalteten das Kolloquium: Wulf Hein, (von links), Dr. Andreas Thiedmann, Michael Ruhl, Markus Loges, Torsten Jäger, Sabine Schade-Lindig und Ralf Urz.

Quelle: Götz Schaub

Niederweimar. Archäologie ist immer mit vielen Fragezeichen behaftet. Mit weit mehr Fragezeichen als Ausrufezeichen. Doch das macht auch den Reiz aus. Am Dienstag gaben verschiedene Experten während eines öffentlichen Kolloquiums im Ratssaal in Niederweimar einen Einblick in jene Zeit, die im Freilichtmuseum Zeiteninsel ab Frühsommer nächsten Jahres baulich in Szene gesetzt werden soll, die sogenannte Rössen-Kultur.

Die fällt in die Zeit zwischen 4800 und 4550 vor Christus. Ein echtes Unterfangen, denn die Spuren und Funde, die sich dieser Zeit zuordnen lassen, liegen nicht gerade auf dem Präsentierteller. Man muss sie gut und ausdauernd suchen und sicher auch dabei einen geschulten Blick und Glück haben. So legte Bezirksarchäologin und Prähistorikerin Dr. Sabine Schade-Lindig eindrucksvoll dar, wie schwierig es in der Vergangenheit war, Reste aus der Rössen-Kultur zu finden.

Dabei sind es noch nicht einmal unbedingt die langen Jahre, die nun dazwischen liegen, denn aus der Zeit davor, der sogenannten Bandkeramik, „findet man bei fast jeder Grabung etwas“, so Schade-Lindig. „Aber die Rössen-Kultur kriegen wir irgendwie nicht richtig zu packen.“

Warum? Weil diese Kultur „einfach ihre besonderen Kniffe hat“. Das liegt unter anderem daran, dass die Holzpfosten, die die Menschen damals für ihren Häuserbau verwendeten, im Durchmesser deutlich kleiner waren als etwa in der Zeit davor. Entsprechend schlechter sind die Restspuren davon auszumachen, selbst unter Zuhilfenahme der Geomagnetik. Die Restspuren von Häusern sind nämlich nur kleinflächige dunkle Einfärbungen des mittlerweile zersetzten Holzes in der Erde.

Herausforderung: nur vom Grundriss zum ganzen Haus

Nun, und das ist eigentlich schon alles, was den Archäologen zur Verfügung steht, wenn sie dazu übergehen wollen, ein neolithisches Haus in der dritten Dimension darzustellen, wie es auf der Zeiteninsel bei ­Argenstein geplant ist. Das was sie definitiv wissen, ist aber auch schon beeindruckend. Der Bau in Argenstein soll knapp 35 Meter lang sein. Ja, richtig gelesen: 35 Meter lang. Nicht 3,5 Meter, wirklich 35 Meter. Und das stellt dann noch nicht einmal das längste seiner Zeit dar. Die konnten gut und gerne über 60 Meter lang sein. Zimmermann Markus Loges, Wulf Hein von der Firma Arctech, die sich mit Museumsinstallationen und Modellbau beschäftigt, sowie Architekt Michael Ruhl haben das für die Zeiteninsel vorgesehene Haus nach dem bekannten Grundriss entworfen.

„Die Frage, wie man nur vom Grundriss zum ganzen Haus kommt, zeigt eigentlich schon auf, auf welchem dünnen Eis wir uns bewegen müssen“, sagt Markus Loges. Es könne also nur darum gehen, etwas zu gestalten, wie es damals durchaus ausgesehen haben könnte. Dazu bekommen die Experten aber noch von einer ganz anderen Seite Hilfe. Schließlich gibt es auch Werkzeuge, die sich dieser Zeit und gar noch älterer Zeit zuordnen lassen. Und Experimente mit diesem Werkzeug bei der Holzverarbeitung zeigen dann schon mal auf, was mit diesen Hilfsmitteln möglich war und was eben nicht. Ein bisschen muss auch der ganz normale Menschenverstand herangezogen werden. So kann es vorstellbar sein, dass ein Teil des Hauses zwar überdacht, aber zur Front offen war. Denn was sollte man in einem 50 Meter langen dunklen Haus wohl arbeiten können, stellt Hein die Frage. Da machte ein überdachter, aber heller ­Arbeitsplatz doch Sinn.

Apropos Helligkeit - die Museumsbesucher wollen sicher, wenn sie das Haus betreten, darin auch etwas sehen. „Deshalb werden wir auf der Längsseite vier Fenster einbauen“, verrät Hein, der schon bei vielen Freilichtmuseen bei der ­Rekonstruktion von Häusern mitgewirkt hat. Ob die Häuser damals wirklich Fenster hatten? Nun Gegenfrage: Warum nicht? Jedenfalls hatten die Hausbauer von damals sicher keine ­Genehmigungsbehörde und somit auch keine Auflagen zu ­beachten.

Hein stellt heraus, dass das Modell auf der Zeiteninsel auf jeden Fall über einen zweiten Fluchtweg verfügen muss, der als Gattertörchen im hinteren Teil des Hauses berücksichtigt werden soll. Aber auch hier kann nicht ausgeschlossen werden, dass die Häuser damals nicht auch von beiden Seiten zugänglich waren.

Wichtiges Detail: die Pfosten, die ursächlich für die Grundrisse sind, bilden nicht die ­eigentliche Hauswand. Diese befand sich wohl rund 20 Zentimeter von den Pfosten nach ­innen versetzt.

Und wie soll es nun innen aussehen? Architekt Michael Ruhl gibt zu, dass auch da ein bisschen improvisiert werden muss, wobei aber Unterteilungen der Gesamtfläche als gesichert gelten. Die nach den Holzpfosten im Grundriss zu urteilende­ wahrscheinlichste Dachkonstruktion mit einem Gefälle von 45 Grad lässt es jedenfalls zu, dass es auf der Breite von rund acht Metern durchaus auch eine zweite Ebene gegeben haben könnte.

Makroreste zeigen, was damals in den Magen kam

Wer weiß denn auch schon, wie viele Menschen in so einer­ Behausung lebten. 5, 10, 20, oder gar 30? Jedenfalls war es zu den Nachbarn immer ein gutes Stück. Bisherige Funde nähren ausschließlich die Interpretation, dass Häuser in Ansiedlungen gute hundert Meter von einander getrennt errichtet wurden. Das sorgte dann auch während der Präsentation beim Kolloquium für eine Frage aus der Zuhörerschaft. Was war denn mit dem Sicherheitsgefühl? Warum haben die sich nicht zusammengerottet und einen Wall oder eine Mauer errichtet? ­Eine gute Frage, auf die es keine ­eindeutige Antwort gibt, außer, dass keine Reste von möglichen Verteidigungsanlagen in der Nähe der Häusergrundrissen gefunden wurden.

Ob daher wohl der Begriff der guten alten (friedlichen) Zeit stammt? Na ja, zu gemütlich wurde es denen bestimmt nicht. Denn, um überleben zu können, bedurfte es ordentlicher und sicher auch schweißtreibender Arbeit, allein zur Gewinnung ausreichender Nahrung.

Dr. Ralf Urz, Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Philipps-Universität Marburg unter anderem für Geographie und Geoarchäologie, lieferte ein paar Ideen, wie schwer es damals ­gewesen sein muss, Nahrung vorzuhalten. Den Griff in den Kühlschrank gab es nicht, und wenn das Korn auf den Feldern gedeihte, brachte es nicht den Ertrag, den wir heute als Standard voraussetzen.

Er stützt sich da auf sogenannte botanische Makroreste, die zum einen verkohlt, zum anderen auch unverkohlt aus der Rösser-Kultur noch im Erdreich erhalten geblieben sind. Neben den älteren Getreidearten, Emmer und Einkorn, erlebten die Menschen von damals schon so etwas wie eine kleine kulinarische Revolution durch die Nutzung von Gerste und Nacktweizen. Wertvolle Eiweißlieferanten waren zudem Erbsen und Linsen, die möglicherweise dicht an den Behausungen angebaut wurden. Ach, was soll man sagen, so schlecht war es nun auch nicht um sie bestellt, jedenfalls in den Sommermonaten. Da gab es unter anderem Himbeeren, Erdbeeren, Hasel und Holunder. Neben den Nutz- gab es auch allerhand Heilpflanzen.

„Letztendlich muss uns bewusst sein, dass nur ein Bruchteil der Pflanzenwelt erhalten ist“, meint Urz. Er überraschte­ aber noch mit der Mitteilung, dass die Deutsche Forschungsgemeinschaft 185000 Euro zu einer auf zwei Jahre angelegten archäobotanischen Erforschung der Siedlungsplätze in Weimar bewilligt hat. Los geht es damit im nächsten Jahr. Torsten Jäger, Vorstandsmitglied des Fördervereins Zeiteninsel, der 2012 das Übersichts-Modell der fertigen Zeiteninsel entworfen hatte, beschäftigte sich mit der Frage, welche Einrichtungsgegenstände die Menschen ­damals wohl besaßen. Natürlich ­Keramik, ­also Schüsseln, Gefäße­ und Krüge sowie Steinwerkzeug, auch ein Knochenmeißel gehörte ganz sicher zur Welt der Rössen-Kultur.

So, und jetzt noch ein paar Daten aus der Gegenwart: Eigentlich, so Dr. Andreas Thiedmann vom Vorstand der Zeiteninsel-Genossenschaft, wollte man mit der Herrichtung des Parkplatzes und der Zuwegung etwas weiter sein, aber dazu müssten noch ein paar technische Details geklärt werden. Stichwort: Hochwasserschutz. Doch glaubt er, dass sich diesbezüglich bald was tut. Im Frühsommer 2017 soll definitiv auf der Zeiteninsel mit dem Bau des Langhauses aus der Rössen-Kultur begonnen werden.

HINTERGRUND:

Die Rössen-Kultur: Im ­Freilichtmuseum Zeiteninsel ­sollen fünf Zeitepochen dargestellt werden, die im Zusammenhang mit archäologischen Funden stehen, die im Vorfeld des Kiesabbaus in der Gemeinde Weimar gemacht wurden. Unter anderem handelt es sich um Funde aus der Rössen-Kultur, die die Zeit zwischen 4800 und 4550 vor Christus markiert. Sie fällt damit in die Jungsteinzeit, fachlich ausgedrückt in das ­Mittel-Neolithikum. Namensgeber ist das 1882 freigelegte Gräberfeld von Rössen, im Saalekreis in Sachsen-Anhalt. Während seither mehr Funde gemacht wurden, die sich dieser Zeit zuordnen lassen, blieb das Gräberfeld das einzige seiner Art. In Hessen wurden in den letzten zehn Jahren vermehrt Relikte aus der Rössen-Kultur gefunden. So etwa bei Bad Homburg, Friedberg, Gambach und im nordhessischen Gudensberg.

von Götz Schaub

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