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„Ich will mein Kind doch großwerden sehen“

Wenkbach „Ich will mein Kind doch großwerden sehen“

Elke Gimbel denkt positiv. Und vielleicht hat ihr das auch das Leben gerettet. Denn wer über zwei Jahre durch ein tiefes Tal geht, um eine tückische Krankheit wie Blutkrebs zu besiegen, lernt auch, sein Leben neu zu bewerten.

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Elke Gimbel hat ihre Leukämieerkrankung überwunden. Gemeinsam mit ihrem Mann Bernd schaut sie hoffnungsvoll nach vorn. Ermöglicht hat ihr das eine Knochenmarkspende.Foto: Michael Agricola

Wenkbach. Im Juli 2010 erhielt Elke Gimbel die niederschmetternde Diagnose. Vor einem Jahr wurde ihr das lebensrettende Knochenmark eingesetzt. Jetzt kämpft sie sich Stück für Stück in ihr Leben zurück. Und hat gelernt, dabei Geduld zu haben und sich Ziele zu setzen - auch wenn es anfangs ganz kleine waren. „Jeder Tag, der rum war, war ein Erfolg für mich; ein Kampf gegen die Uhr, den ich geschafft hatte“, sagt die Wenkbacherin. Immer den einen Gedanken im Kopf: „Ich will mein Kind doch großwerden sehen.“

Die 47-Jährige hat die wichtigste Hürde dafür genommen. Heute wird sie deshalb mit ihrer Familie und Freunden feiern, weil ihr das Leben genau vor einem Jahr eine zweite Chance gegeben hat - in Form der Knochenmarkspende einer unbekannten Frau aus Hameln.

Bis vor zwei Jahren war Elke Gimbel eine sehr aktive Frau, in Wenkbacher Vereinen und der Frauengruppe, die im Dorf als „Gruppe Gimbel“ bekannt ist, dazu voll gefordert im Beruf, als Ehefrau und Mutter. Schritt für Schritt nähert sie sich dem alten Stand wieder an. Sie treibt schon wieder leicht Sport, hat keine Angst mehr, unter Leute zu gehen. Ihr Immunsystem ist soweit wiederhergestellt, dass nicht jeder Keim gleich zur tödlichen Gefahr wird. Auch den Wiedereinstieg in den Beruf hat sie fest im Blick. Geht alles glatt, soll das im nächsten Sommer sein. Im Frühjahr wird ihre Tochter konfirmiert. Dinge, auf die sie sich freut. Wünsche, deren Erfüllung vor einem Jahr an seidenen Fäden hingen.

Krankheit ohne Vorwarnung

Die tückische Krankheit kam ohne Vorzeichen, aus heiterem Himmel, in das Leben der Gimbels. An einem Sonntag im Juli 2010 bekam die 47-Jährige Fieber, eine Zahnfleischentzündung machte ihr zu schaffen. Sie ging zum Zahnarzt, wurde zu weiteren Untersuchungen überwiesen, schon am Dienstag stand die unerwartete Diag­nose fest: akute Leukämie, eine grundsätzlich gut heilbare Form von Blutkrebs.

Doch dies war nur der Anfang: Am nächsten Tag kam sie in die Klinik, ihr Zustand verschlechterte sich rapide, sie fiel ins Koma, eine doppelte Lungenentzündung hatte dem geschwächten Körper zugesetzt. Es folgten bange Wochen, Chemotherapie und Reha. Dort erholte sich die sportliche Frau, tankte Kraft, es ging aufwärts. Der Krebs schien besiegt. Im April der erneute Rückschlag: der Krebs war zurückgekommen. Eine Behandlung mit Arsen blieb ohne Erfolg. Und Elke Gimbel griff zum Strohhalm: der Suche nach einem geeigneten Knochenmarkspender. „Ich wollte nicht länger auf dem Pulverfass sitzen, in der Angst, dass der Krebs jederzeit wieder ausbrechen kann.“ Sie stimmte auch zu, dass Familie, Freunde, Arbeitskollegen mit den Profis von der Deutschen Knochenmarkspenderdatei (DKMS) im vergangenen Oktober eine Typisierungsaktion starteten.

„Lange mit mir gerungen“

„Es war nicht leicht für mich, dass mein Gesicht plötzlich an jedem Laternenpfahl hing“, sagt die 47-jährige aus dem Weimarer Ortsteil heute. Sie habe lange mit sich gerungen, ob sie ihre Krankheit so öffentlich machen sollte. Heute ist sie froh, dass sie Ja gesagt hat. Nicht zuletzt auch, weil sich mit der Typisierungsaktion in Weimar auch die Chancen anderer Leukämiekranker erhöht haben. 436 Menschen aus dem Kreis machten mit, an Spenden kamen nochmal mehr als 23 000 Euro für die Arbeit der DKMS zusammen.

Elke Gimbels eigene „Lebensspenderin“ kam letztlich nicht aus den Reihen der Freiwilligen der Typisierungsaktion in Niederweimar. Doch das ist zweitrangig. Elke Gimbel betont: „Wenn nur einer durch die Aktion in Niederweimar gerettet worden ist oder noch gerettet werden kann, hat sich das doch schon gelohnt.“ Elke Gimbel ist für vieles dankbar, manchmal nur für Kleinigkeiten, die ihr geholfen haben. Und sie ist vielen dankbar - natürlich der ihr noch nicht persönlich bekannten Stammzellspenderin - und stolz auf alle, die mitgemacht haben: „Der Erfolg dieses Tages, und wie das ganze Dorf hinter uns gestanden hat, dass Menschen, die mir völlig unbekannt waren, Geld gespendet haben: Das hat mir viel Kraft gegeben.“

Ihr persönliches Umfeld sei allerdings ihre größte Stütze gewesen, sagt Elke Gimbel. Eltern, Familie, Freunde, Arbeitskollegen, aber auch die Arbeitgeber des Ehepaares, die Firmen Seidel und SB Union, hielten ihr, vor allem aber während der langen Krankenhausaufenthalte ihrem Mann Bernd und der Tochter den Rücken frei.

Nun, wo sie selbst wieder „am Leben teilnehmen kann“, will sie auch anderen Mut machen. „Ich habe durch die Krankheit so viele tolle Menschen kennengelernt.“ Nicht nur die, die für sie und ihre Familie da waren, sondern auch viele Kranke. Einige von ihnen haben nicht geschafft, was Elke Gimbel heute feiert. Denen, die das noch vor sich haben, rät sie, sich zu öffnen und Hilfe anzunehmen und darüber zu reden: „Man baut innerlich einen solchen Druck auf, deshalb darf man sich nicht verschließen, nicht alles in sich hineinfressen.“ Und Geduld haben: „Zum ersten Mal wieder selbst einkaufen gehen, nach zwei Jahren, das war eine tolle Erfahrung“, sagt die 47-Jährige. So unbeschwert wie früher werde man nie mehr sein, sind sich Elke und Bernd Gimbel sicher. Dafür gehe man nach einer solchen Erfahrung mit manchen Dingen heute auch lockerer um. „Wir planen nicht mehr so langfristig, aber wir haben wieder Pläne.“

von Michael Agricola

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