Volltextsuche über das Angebot:

3 ° / 0 ° wolkig

Navigation:
„Ich sehe Kritik als Steilvorlage“

Interview: Andreas Schulz „Ich sehe Kritik als Steilvorlage“

Es ist seine vierte Amtszeit. Seit 20 Jahren ist Andreas Schulz Bürgermeister von Ebsdorfergrund - und das feiert die Gemeinde heute. Die OP befragte den 51-Jährigen zu seinen Erfolgen und seinem Führungsstil.

Voriger Artikel
Grüne Inseln, dickere Rohre und Breitband
Nächster Artikel
Wo kein Stein auf dem anderen bleibt

Hat alle seine vollgeschriebenen Kalender aus 20 Jahren Dienstzeit als Bürgermeister noch: Andreas Schulz. Foto: Nadine Weigel

Quelle: Nadine Weigel

Dreihausen. OP: Herr Schulz, Sie sind seit 20 Jahren Bürgermeister. Sie machen nicht den Eindruck, als sei die Arbeit für Sie inzwischen langweilig geworden. Gibt’s ein Rezept gegen Amtsmüdigkeit?

Andreas Schulz: Ja, das gibt es. Erfolgreich sein! Erfolg macht Spaß und motiviert.

OP: In den vergangenen 20 Jahren haben Sie den Ebsdorfer Grund zur „Sonnenscheingemeinde“ gemacht. Wie haben Sie das hinbekommen und wie gehen Sie mit den Neidern um, die Ihren Erfolg kritisch beäugen?

Schulz: Mit der Unterstützung vieler Mitstreiter und Menschen, die an mich geglaubt haben, trotz anfänglicher Schwierigkeiten. Sie haben recht, ich habe Neider, denen sage ich, findet doch eine andere Art der Anerkennung.

OP: Irgendein Geheimnis müssen Sie wohl haben, wie sonst haben Sie es geschafft, die Finanzen Ihrer Kommune dermaßen auf Vordermann zu bringen, dass Sie dem Land jetzt Geld leihen können, während andere Gemeinden ringsum mit ganz ähnlichen Voraussetzungen aus den roten Zahlen einfach nicht mehr herauskommen. Wir machen es jetzt ganz konkret: Geben Sie bitte drei sichere Tipps für die erfolgreiche Haushaltsführung, von denen Ihre Kollegen profitieren können!

Schulz: Meine Tipps sind diese: Die Kommune führen, als sei sie das eigene Unternehmen, für das man haftet. Die Kernaufgaben der kommunalen Daseinsvorsorge wie Müll, Abwasser, Wasser, Energie selber machen, statt sie an Dritte, die daran verdienen wollen, abzugeben. Auf Veränderungen schnell reagieren, Unangenehmes offen ansprechen, handeln.

„Ich bin unangenehm, wenn etwas schiefläuft“

OP: Im Grund scheinen diese Dinge ja gut zu funktionieren. Ihre Gemeinde kann sich sehen lassen: Finanzen, soziales Leben, Infrastruktur - Ebsdorfergrund schneidet gut ab. Das geht nur mit einer leistungsstarken Gemeindeverwaltung - der Chef ist ja angeblich immer nur so gut wie sein Team. Wie sind Sie so als Vorgesetzter, was sagen Ihre Mitarbeiter wohl über Sie, wenn Sie den Raum verlassen haben?

Schulz: Ich bin entscheidungsfreudig, gehe voran, bin bereit, neue Wege zu gehen, auch wenn sie anfänglich diskutiert werden. Ich bin fröhlich, wenn alles läuft und unangehm, wenn  was schiefläuft. Dann helfe ich aber auch mit, das Problem zu lösen. Was meine Mitarbeiter sagen, wenn ich den Raum verlassen habe, hängt  davon ab, was vorher im Raum passiert ist. Eines ist aber sicher, es wird umgesetzt, was besprochen wurde.

OP: Sie sind ein ehrgeiziger und erfolgsorientierter Mensch - ein bisschen Rückendeckung aus den eigenen Reihen hat Ihnen nie gereicht. Unter anderem deshalb haben Sie sich ja auch gar nicht erst auf das Landratskandidaten-Karussell Ihrer Partei eingelassen. Wären Sie mit dem Anspruch, immer Mister 100 Prozent sein zu müssen, in der CDU vielleicht besser aufgehoben?

Schulz: Nein, ich bin da gut aufgehoben, wo meine Leistungen und Fähigkeiten gefragt sind. Im Ebsdorfer Grund bringen das sogar alle Parteien zum Ausdruck. Hätte der SPD-Unterbezirksvorstand mich als Landratskandidat gewollt, hätte es dafür nur eines klaren Votums des Kreisvorstandes bedurft. Ich wäre sicher ein aussichtsreicher Bewerber um den Landratsposten in der Direktwahl durch die Bevölkerung für die Partei, der ich seit 32 Jahren angehöre, gewesen. Allerdings weiß man von mir, ich hätte mir nicht die Order für den Tag im Parteibüro abgeholt. Der Kreis und das Landratsamt brauchen einen Fachmann und keinen Parteisoldaten. Denn, nur eine Partei oder Fraktion wird die finanziellen und sonstigen Probleme unseres Kreises nicht lösen.

„Kreistag muss aufhören, kleiner Landtag zu spielen“

OP: Jetzt muss ein anderer den Schuldenberg von Marburg-Biedenkopf weiter abtragen, wenn Landrat Robert Fischbach 2014 geht - Sie sind ja aus eigener Entscheidung raus aus der Sache. Geben Sie dem künftigen Landrat doch drei Ratschläge, die für die Zukunft des Landkreises hilfreich sein könnten?

Schulz: Der Kreistag muss aufhören, kleiner Landtag oder Bundestag zu spielen. Es gibt auf kommunaler Ebene keine Regierung und Opposition, der Landrat muss es schaffen, dass alle Kreistagsabgeordneten an einem Ende des Seiles ziehen. Und: Wir brauchen einen Kreis, der sich um die wenigen wichtigen Dinge, wie etwa die Schulen kümmert und nicht all das erledigt, weswegen es vor 40 Jahren eine Gebietsreform und damit größere Kommunen gab. Der Landrat muss begründet mehr Nein als Ja sagen, das kommt den meisten zugute.

Ebsdorfergrund 2020:„Energieautark und gesund“

OP: Ein paar graue Haare haben Sie bekommen in den letzten Jahren. Und der Schnurrbart ist weg. So weit zu den äußerlichen Veränderungen. Was hat sich innerlich bei Ihnen getan in den vergangenen 20 Jahren? Wo hat Ihr Amt Sie reifen lassen, wie haben Sie sich in der eigenen Wahrnehmung verändert?

Schulz: Heute sehe ich Kritik als Steilvorlage, die Dinge noch besser zu machen und nehme nicht mehr alles so persönlich. Als junger Mensch glaubt man, Ideologien verändern die Welt, heute weiß ich, Arbeit, Leistung, Fleiß, Ausdauer und Persönlichkeit gehören auch dazu.

OP: Ein Blick voraus. So sieht die Gemeinde Ebsdorfergrund 2020 aus?

Schulz: Hoffentlich genauso schön, energieautark und finanziell gesund.

Zur Person: Andreas Schulz ist 51 Jahre alt und stammt aus Maintal-Dörnigheim. Der Diplomverwaltungswirt ist verheiratet und lebt mit Ehefrau Andrea sowie seinen Söhnen Sandro und Maurizio in Dreihausen. 1992, 1998, 2004 und 2010: Die Menschen in der Gemeinde Ebsdorfergrund haben Schulz schon viermal als Bürgermeister gewählt. Im mittelhessischen Raum ist er bekannt als der Kämmerer mit der finanziell erfolgreichsten ländlichen Gemeinde – Schuldenhaushalte hier und dort, nicht so im Ebsdorfer Grund. Die Gemeinde verfügt über Reserven und investiert in ihre Infrastruktur. Das Privatleben der Schulzes ist sehr von der Arbeit des Familienvaters bestimmt. „Wir gestalten unser Familienleben sehr offen“, verrät Ehefrau Andrea, die als Grundschullehrerin im Vogelsbergkreis arbeitet. Wie lange ihr Mann morgens im Badezimmer braucht, bis die voluminöse Schulz-Frisur richtig sitzt, weiß sie deshalb auch gar nicht – Andrea verlässt das Haus, bevor Andreas aufsteht. Aber sie weiß, dass der Föhn beim Styling zum Einsatz kommt. Ob der Ehemann schnarcht? Das will Andrea Schulz lieber nicht verraten. Ihr Mann schon: „Sicher mach ich Schlafgeräusche“, ruft er frank und frei dazwischen – typisch Schulz. Seinen Schnurrbart hat Schulz 2006 nach langen Jahren aufgegeben – „zum Glück“, sagt er rückblickend und lacht.

von Carina Becker 

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Südkreis

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr