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Großneffe treibt Verwandte in den Ruin

Veruntreuung Großneffe treibt Verwandte in den Ruin

Ein junger Firmengründer aus dem Südkreis nutzte seine Vollmacht über das Konto der Großtante aus. Der Untreue fiel die gesamte Altersvorsorge der Seniorin in Höhe von 120000 Euro zum Opfer.

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Immer wieder buchte ein junger Mann Geld vom Konto seiner Großtante ab – bis das Vermögen weg war.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Weil er die Bankvollmacht über die Konten seiner 86-jährigen Großtante schwer missbrauchte und das gesamte Vermögen in die eigene Tasche steckte, musste sich der Großneffe nun vor dem Marburger Amtsgericht verantworten.

Ende 2010 erteilte die Seniorin dem 27-Jährigen, der damals im Südkreis wohnte, die volle Verfügungsgewalt über ihr Vermögen, um ihr bei finanziellen Angelegenheiten zu helfen. Im Laufe des Jahres 2011 buchte der Mann regelmäßig kleine und größere drei- bis vierstellige Beträge ab und überwies sie auf eigene Konten.

Die Überweisungen kamen regelmäßig, alle paar Wochen. Das Geld gab er umgehend wieder aus, um seine Firma zu finanzieren. Nach nur neun Monaten war das gesamte Geld in Höhe von 120000 Euro aufgebraucht. Der Angeklagte hatte die Befugnis „gewerbsmäßig missbraucht, um sich eine stete Einnahmequelle zu schaffen“, so die Anklage.

Das Vermögen hatte sich die Großtante gemeinsam mit ihrem verstorbenen Mann angespart und als Altersvorsorge zurückgelegt, um „später niemandem auf der Tasche liegen zu müssen“, berichtete der Anwalt der Geschädigten, der als Zeuge aussagte. Die 86-Jährige selber konnte aus gesundheitlichen Gründen nicht selber vor Gericht erscheinen.

Die erkrankte Frau vertraute ihrem Verwandten, prüfte die Kontoabwicklungen nicht nach. Die Veruntreuung fiel erst auf, nachdem die Zahlungen für ihre Unterkunft mangels Guthaben eingestellt wurden und der Gerichtsvollzieher mit der überraschten Seniorin Kontakt aufnahm. Seitdem befindet sie sich selber in schweren Geldnöten, muss nun von Sozialhilfe leben.

Der Angeklagte gab seine Taten vor Gericht zu. Das veruntreute Geld hatte er in seine Computerfirma gesteckt, die er einige Jahre zuvor gegründet hatte. Er wollte damit offene Rechnungen und Forderungen decken, „um kurzfristig weitermachen zu können“, betonte er vor Gericht. Das Geld wollte er sich nur leihen, es später wieder zurückzahlen.

Das Unternehmen brach jedoch zusammen. Nachdem einige seiner Kunden nicht zahlten und sich die offenen Außenstände häuften, griff er immer wieder auf das Konto seiner Großtante zurück, bis nichts mehr übrig blieb. „Es war wie ein Teufelskreis - das Konto der rettende Strohhalm“, versuchte er vor Gericht zu erklären. Er habe immer geglaubt, dass er doch noch Erfolg haben und alles zurückzahlen könnte. Es sei nie seine Absicht gewesen, das Konto zu plündern. Aber auch das veruntreute Geld konnte die Firma nicht retten. Trotz steter Abbuchungen wurde er schließlich zahlungsunfähig. Das Unternehmen musste er aufgeben, befindet sich nun im Insolvenzverfahren. Der junge Mann stand zudem nicht zum ersten Mal vor Gericht, ist bereits mehrfach wegen Veruntreuung und Betrug vorbestraft.

„Ich habe alles falsch gemacht, es tut mir so unendlich leid“, sagte er mehrfach vor Gericht. Bis seine Tat bekannt wurde, hatte der Angeklagte zu seiner Verwandten immer ein sehr gutes Verhältnis. Er hatte die Großtante lange Zeit betreut und gepflegt, besuchte sie regelmäßig. Sie habe ihn immer unterstützt, auch bei seiner Firmengründung finanziell ausgeholfen, erzählte der Angeklagte.

Das Vertrauen der Großtante ist zerstört, der Schock sitzt tief. Die Seniorin brach den Kontakt zu ihrem Großneffen ab und schaltete einen Anwalt ein. Zurückzahlen konnte der Angeklagte bisher nur 2000 Euro. Ein Teil seines Einkommens wird durch seine eigene Insolvenz gepfändet. Mit dem Rechtsbetreuer seiner Verwandten hat er sich außergerichtlich mittlerweile auf einen geringeren Schuldbetrag von 50000 Euro geeinigt.

Zwei Tage vor der Verhandlung unterzeichnete er ein notarielles Schuldbekenntnis und zahlt nun monatlich 150 Euro aus seinem „pfändfreien Einkommen“, also ohne Gläubigerbenachteiligung, an seine Großtante zurück. Solange er die Raten zahlt, verzichtet die Gegenpartei auf eine Zwangsvollstreckung.

Während der Verhandlung sprachen Anklage und Verteidigung offen über mögliche Wiedergutmachungsleistungen des 27-Jährigen. Beide Seiten schlugen schließlich die Beauftragung eines privaten Pflegedienstes vor, der die Seniorin zusätzlich betreuen solle. „Das ist ein schwerer Fall, der Angeklagte hat den Lebensabend der Geschädigten finanziell ruiniert“, sagte Staatsanwalt Sebastian Brieden im Plädoyer.

Das Schöffengericht verurteilte den Mann wegen Untreue in 49 Fällen zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren, die zur Bewährung ausgesetzt wurde. Die Bewährungszeit beträgt vier Jahre. Zudem hat er 100 gemeinnützige Arbeitsstunden sowie Schadenswiedergutmachung zu leisten. Als weitere Auflage muss er zudem monatlich weitere 100 Euro aus seinem pfändfreien Einkommen an einen Betreuungsdienst zugunsten der Geschädigten zahlen. „Das ist eine schlimme Tragödie, aber der Angeklagte zeigt Reue und bemüht sich“, sagte Richterin Nadine Bernshausen und ermahnte den Mann, die Bewährungsauflagen korrekt einzuhalten.

von Ina Tannert

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