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"Gedemütigt, verlacht, verprügelt"

Gedenkan an Reichspogromnacht "Gedemütigt, verlacht, verprügelt"

Erika Gerhardt vom Arbeitskreis Menschenrechte und Menschen­würde aus Lohra erzählte zum Gedenken an die Reichspogromnacht in der Synagogengemeinde in Roth vom Schicksal der Familie Nathan.

Roth. „Die hübsche Braut blickt nicht sehr zuversichtlich in die Kamera, ihr Bräutigam wirkt fest entschlossen, aber nicht glücklich.“ Ein Foto, an die Wand der Synagoge geworfen, zeigt Blanka und Theo David Nathan aus Lohra im Jahr 1937. Zu dieser Zeit hatte die jüdische Familie längst mit Repressalien zu kämpfen. Einst waren sie integriert, nun wurden sie aus den Vereinen ausgeschlossen, die Kinder durften nicht mehr mit nichtjüdischen Freunden spielen.  „Aufgestachelt durch die Nazi-­Propaganda wurden sie gedemütigt, verlacht, manchmal auch verprügelt, gejagt.“ Während andere Geschwister des Bräutigams in die USA, nach Argentinien oder in die Schweiz flüchteten, ging das Brautpaar nach Palästina. Arthur Nathan hingegen blieb mit seiner Familie. „Lange, zu lange, konnte er sich nicht vorstellen, dass in Lohra kein Platz mehr für ihn sei.“ Mit Frau und beiden Kindern wurde er deportiert und ermordet.

Max Nathan lernte seine spätere Frau in Magdeburg kennen. „Als Ruth erfuhr, dass alle jüdischen Männer verhaftet werden sollten, handelte sie sofort“, erzählt Erika Gerhardt. „Sie kaufte eine Fahrkarte nach Hamburg für ihn und er konnte so Magdeburg verlassen.“ Weil er dort nicht registriert war, entging er der Verhaftung. Die beiden wollten in die USA ausreisen. Doch wegen der Flüchtlingsobergrenze von 25 000 Menschen pro Jahr hätten sie zwei Jahre warten müssen. Sie bekamen bald ihr erstes Kind, dann ein zweites. Das dritte wurde in Theresienstadt geboren und wurde nur zwei Jahre alt.

Pogrom begann in Roth bereits am 8. November

Am 6. Oktober 1944 wurden Mutter und Kinder in Auschwitz ermordet, der Vater schon im September. Die Nathans waren nur eine der jüdischen Familien aus der Synagogengemeinde, deren Mitglieder ermordet wurden. Allen 42 Toten aus Roth, Fronhausen, Oberwalgern und Lohra gedachten die Anwesenden der Gedenkfeier: Schüler der Gesamtschule Niederwalgern verlasen ihre Namen, ihr Alter und zündeten für sie Kerzen an. In Roth begann der Pogrom schon am 8. November, deswegen findet das Gedenken jedes Jahr einen Tag früher als an anderen Orten statt.

„Die Synagoge hat nur überlebt, weil man Angst vor einem Übergreifen der Flammen auf die Nachbargebäude hatte“, erklärte Landrätin Kirsten Fründt, die eine kurze Ansprache hielt. Die Synagoge sei ein wichtiges Zeugnis jüdischer Kultur. „Den Menschen, die einst friedlich mit anderen Bürgern zusammen lebten, die gedemütigt und ermordet wurden, zu gedenken, ist das Mindeste, was wir tun können.“

Amnon Orbach, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde in Marburg, und Thorsten Schmermund verlasen die Lobpreisung Kaddisch auf Deutsch und Aramäisch sowie das Gebet „El male rachamim“. „Wir alle beten für die Erhebung ihrer Seelen“, las Schmermund vor.

Die nächste Gedenkveranstaltung des Arbeitskreises Landsynagoge Roth findet am 8. Dezember statt. Um 17 Uhr soll am Bahnhof in Fronhausen an die vor 75 Jahren Deportierten erinnert werden.

von Freya Altmüller

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Pogromnacht
Bei der Besinnungsstunde zum Gedenken an die Reichspogromnacht harrten trotz anhaltenden Regens zahlreiche Menschen am Garten des Gedenkens aus. Foto: Michael Hoffsteter.

Bereits traditionsgemäß fand die Besinnungsstunde an die Reichspogromnacht vom 9. November 1938 am Mittwochabend wieder am Garten des Gedenkens in der Universitätsstraße statt.

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