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„Den Schrei der Mutter noch im Ohr“

Volkstrauertag „Den Schrei der Mutter noch im Ohr“

Heinrich Grebe und Heinrich Burk haben als Soldaten im Zweiten Weltkrieg gekämpft. Die beiden sprechen über Angst, Verlust und den Geruch des Krieges.

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Heinrich Burk (links) und Heinrich Grebe haben im Krieg Schreckliches erlebt. Gemeinsam schauen sie sich Bilder aus den alten Tagen an.

Quelle: Dominic Heitz

Oberwalgern. Die Begrüßung ist herzlich. Beide haben­ ihr ganzes Leben in Oberwalgern verbracht, kennen sich noch aus Kindheitstagen. Lang her ist das, Heinrich Burk ist 89, Heinrich Grebe sogar schon 94. Auch der Krieg liegt lange zurück, aber heute wollen die beiden sich an diese schrecklichen Tage erinnern.

OP: Träumen Sie noch vom Krieg?
Grebe: Ich träume manchmal noch von Russland und meiner Operation. Dann laufe ich und will weg. Aber ich kann nicht weg.

Heinrich Grebe hat in Russland seine rechte Hand verloren. Am 9. März 1943 schlug eine Granate neben ihm ein. Kurze­ Zeit später lag er auf einem einfachen Tisch im Feldlazarett. Wir müssen amputieren, hatte der Arzt gesagt. Ein Tuch wurde mit Äther getränkt und ihm aufs Gesicht gelegt. Dann entfernten sich die Stimmen um ihn herum. Später, zurück in Deutschland, sollte er den Hof seines Vaters übernehmen. Mit nur einer Hand ging das nicht. Deshalb wurde er Postbeamter.

OP: Können Sie sich noch an den Augenblick erinnern, als Sie ­erfahren haben, dass der Krieg vorbei ist?
Burk: Ich war in Tschechien. Da hieß es dann, dass Hitler tot sei. Aber jeder hat etwas anderes erzählt. Ich war ja praktisch noch ein Kind. Der Alte, an den ich mich immer ein bisschen gehalten habe, hat gesagt: „Feierabend. Der Krieg ist fertig, jetzt geht es heim.“
Grebe: Wir waren alle froh, als der Krieg vorbei war.

OP: Haben Sie Menschen getötet?
Grebe: Wir sind angegriffen worden und haben zurückgeschossen. Uns war das schon bewusst. Aber wenn ich nicht schieße, dann schießen die anderen. Da konnte man nicht drüber nachdenken. Man hat nur an das eigene Leben gedacht.
Burk: Ich kann das nicht sagen. Die Frontlinien waren ja auseinander. Und man hatte ja gar keine eigenen Gedanken zu haben. Die Herren haben das ja alles bestimmt. Der Feldwebel oder der Hauptmann, der hat andauernd geschrien – vor, zurück, in den Graben rein, aus dem Graben raus.
Grebe: Als Soldat hast du keine Zeit zu überlegen.

OP: Und haben Sie nach dem Krieg noch daran gedacht?
Grebe: Ich denke immer darüber nach. Und es bleibt das ­Gefühl, jemand anderem weh getan zu haben. Ich denke immer, wie unsinnig das ist, ­alles kaputt zu machen. Wir ­
haben in Russland mal einen unserer Offiziere zwei Kilometer ins Quartier geschleift, weil wir dachten, der sei tot. Wir wollten ihn am nächsten Tag begraben. Am nächsten Morgen haben 
wir gemerkt, dass er nur bewusstlos war. Später habe ich ihn in Frankfurt wiedergetroffen.
Burk: Krieg ist ein Verbrechen.

Aus den beiden Männer sprudelt es nur so heraus. Es ist wie bei einer Sektflasche, die lange lag, und aus der man nun den Korken rauszieht. Obwohl es schon so lange her ist, erinnern sie sich an so viele Details. An Gespräche und Menschen.

OP: Hatten Sie im Ausland auch Kontakt zur Zivilbevölkerung?
Burk: In Tschechien war das schlimm. Da konnte man sich nicht allein bewegen. Die haben uns mit Steinen beworfen, beschimpft und angespuckt. Wir hatten dort alles zertrümmert, waren schuld. Nach Kriegsende waren sie wieder frei, nachdem wir sie unterdrückt hatten.
Grebe: Wir hatten uns in Russland immer in einem Haus Essen warm gemacht. Da gab es eine russische Frau, die dort noch zwei Kühe hatte. Die kam von Zeit zu Zeit, um die Tiere zu füttern und zu melken. Die Frau hat uns immer ein bisschen Milch abgegeben. Sprechen konnten wir nicht mit ihr, aber wir waren froh, dass sie kam und ihre Milch mit uns teilte.

OP: Wie riecht der Krieg?
Burk: Nach Stahl.
Grebe: Es roch verbrannt, wenn man beschossen wurde. Es zischte so über einen hinweg. Und es gab immer Pulvergeruch.

OP: Hatten Sie Angst?
Grebe: Selbstverständlich hatte ich Angst.
Burk: Ich habe mal vor einer Scheune gelegen, als wir von ­Artillerie angegriffen wurden. Da sind die Offiziere vom Dach runtergeflogen, da kam alles runter. Man denkt immer, jeder Schuss kann dich selbst treffen.
Grebe: Die Angst vergeht dann, wenn es ums Überleben geht. Wenn du laufen musst, dann läufst du und riechst nicht oder sonst was.

OP: Wie sind Sie mit Ihrer Angst fertig geworden?
Burk: Die Kameradschaft hat die Angst etwas besänftigt. Wir haben dann über andere ­Sachen gesprochen, über Post von zu Hause zum Beispiel.

OP: Hatten Sie vor dem Krieg ­eine andere Vorstellung davon als nachher?
Grebe: Der Krieg verändert ­einen immer. Wenn du siehst, wie die Toten da liegen, dann kommen dir Gedanken.
Burk: Ich war noch so jung. Wir mussten jeden Sonntag zu einer Übung mit Holzgewehren. Das war alles durchorganisiert.
Grebe: Ich bin mit 18 Soldat geworden. Da hat man doch nicht an Krieg gedacht. Als ich eingezogen wurde, war ich nur wütend, dass ich von zu Hause weg musste. Danach musste ich immer an den Krieg denken, wenn ich eine Arbeit machen wollte­ und es wegen meiner Verletzung nicht konnte. Ich sehe, wie andere das alles machen können. Ich habe meinen Führerschein gemacht, habe ihn aber noch nicht einmal gebraucht. Wenn ich heute einen Panzer sehe, wird mir schlecht.

Für Heinrich Burk war der Krieg im Mai 1945 vorüber, als er in Plauen gefangen genommen wurde. Nachdem Heinrich Grebe seine Hand verloren hatte, kam er zur Erntezeit 1943 zurück nach Oberwalgern. Später­ wurde er nochmal von einem Arzt untersucht. Er sei immer­ noch ein guter Soldat, sagte man ihm und zog ihn wieder ein. Der erneute Fronteinsatz blieb ihm erspart: Grebe bildete Rekruten aus.

OP: Als Sie zurückgekommen sind, hatte sich da viel verändert?
Burk: Hier standen nur ein paar kaputte Autos, sonst nichts. Aber mein Vater war im Krieg vermisst. Dann war meine Mutter allein mit vier Kindern. Da war weder genug zu essen da noch sonst was.

OP: Wenn heute ein Enkel zu ­Ihnen kommen und sagen würde: Opa, ich ziehe in den Krieg! Was würden Sie sagen?
Grebe: Ich würde jedem vom Krieg abraten. Abraten davon, einem anderen weh zu tun, der mir nichts getan hat.
Burk: Die Menschen sollen etwas Produktives leisten, das der Allgemeinheit etwas bringt.

Heinrich Grebe erinnert sich noch an seinen besten Freund. Auch der kämpfte in Russland, ganz in der Nähe von Grebes Kompanie. Der Freund starb bei einem Artillerieangriff. Grebe war selbst an dem Ort, wo die Einheit des Freundes ums Leben kam, sah die Leichen der Getöteten. Noch schlimmer aber sei der Moment gewesen, als er zurück in Oberwalgern die Mutter seines Freundes wiedertraf. Als die ihn sah, habe sie geschrien vor Schmerz, weil der Verlust sie so traf. „Diesen Schrei“, sagt Heinrich Grebe, „habe ich heute noch ihm Ohr.“ Während er das sagt, weint er.

von Dominic Heitz

Prag, 1943: Heinrich Grebe (Mitte) erholt sich im Lazarett von seiner schweren Verwundung. Obwohl er nur noch eine Hand hatte, wurde er später wieder eingezogen. Privatfoto
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