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Fronhausen setzt sich für Flüchtlinge ein

Große Hilfsbereitschaft Fronhausen setzt sich für Flüchtlinge ein

Über steigende Flüchtlingszahlen im Landkreis, Integration und private Flüchtlingshilfe diskutierten in Fronhausen mehr als 100 Bürger mit Vertretern von Landkreis und sozialen Organisationen.

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Über die Lage der Flüchtlinge im Landkreis, bürgerliches Engagement, deutsche Asylpolitik und Integration diskutierten Mitglieder des Imbuto-Vereins und der Kreisverwaltung mit mehr als 100 Fronhäusern. Der Erste Kreisbeigeordneter Marian Zachow (von links), Hildegard Schürings von der Hilfsorganisation Imbuto, Marlies Knoops vom Diakonischen Werk Oberhessen und Sozialarbeiter Andreas Tauche gaben den Bürgern Informationen über die Situation.

Quelle: Ina Tannert

Fronhausen. Wie bundes- und landkreisweit werden auch in Fronhausen demnächst weitere Flüchtlinge erwartet. Was dies für die Region bedeutet und welche Unterstützung vor Ort benötigt wird - darum ging es während einer Podiumsdiskussion im Bürgerhaus, zu der federführend die internationale Hilfsorganisation Imbuto eingeladen hatte.

Deutschland stehe bei der Aufnahme von Flüchtlingen und Asylbewerbern von den Industrienationen auf Platz eins, im internationalen Vergleich an zehnter Stelle der Statistik, berichtete Hildegard Schürings von Imbuto. Asylanträge in Deutschland stiegen 2014 im Vergleich zum Vorjahr um mehr als 50 Prozent auf rund 180000 an.

Hessen nimmt sieben Prozent der Flüchtlinge auf

Nach der allgemeinen Verteilungsquote hat Hessen im Jahr 2015 rund sieben Prozent aller neuen Flüchtlinge auf dem Gebiet des Bundeslandes zu verteilen, ergänzte Marlies Knoops vom Diakonischen Werk Oberhessen und informierte die Zuhörer über das hessische Asylverfahren. In den ersten neun Monaten des vergangenen Jahres erreichten etwa 18000 Flüchtlinge die Erstaufnahmeeinrichtung in Gießen, rund 10000 verblieben in Hessen, fasste die Friedens- und Konfliktforscherin zusammen.

Im Landkreis Marburg-Biedenkopf werden zurzeit von der Kreisverwaltung wöchentlich 30 bis 40 Personen auf die Gemeinden verteilt, berichtete der Erste Kreisbeigeordnete Marian Zachow und stellte das Marburger Modell zur Flüchtlingspolitik vor. Der Kreis setzt dabei „auf Integration statt Isolation“, dezentrale, alltagsnahe Unterbringungsmöglichkeiten anstelle von großen Gemeinschaftsunterkünften sowie auf eine starke Kooperation zwischen Landkreis und Kommunen. Auf einen andernorts üblichen Zuweisungs-Zwang seitens der Verwaltung konnte bisher verzichtet werden.

Für den Erfolg des Konzepts wirbt der Kreis um eine Einbindung der Flüchtlinge in das Alltagsleben vor Ort und die Bereitstellung von Wohnraum vor allem in ländlichen Regionen. Gleichzeitig könne damit auch dem teilweise herrschenden Leerstand in den Dörfern eine sinnvolle Nutzung entgegengesetzt werden. „Es ist durchaus auch ein Geschäft“, sagte Zachow und rief zur Beteiligung auf. Städte und Gemeinden werden ebenfalls animiert, gezielt Besitzer von Häusern und Wohnungen anzusprechen, um im Idealfall an die Kommune oder den Landkreis zu vermieten. Auch die Gemeinde Fronhausen will in den kommenden Tagen Vermieter und Hauseigentümer kontaktieren, über das vorhandene Potential der Region sprechen und Aufklärung betreiben, kündigte Bürgermeister Reinhold Weber an.

Kreis sucht langfristige Vermietungspartner

Der Kreis verpflichtet sich zu einer „langfristigen Anmietung bis zu fünf Jahre“ und übernimmt die Kosten bei Nichtbelegung“, versprach Zachow. Vorausgesetzt werden eine entsprechende Ausstattung, allgemeine Wohnstandards oder vorherige Reparaturarbeiten seitens der Vermieter. „Es muss kein Luxus, aber ein Mindeststandard vorhanden sein“, so Zachow. Regelmäßig würden Mitarbeiter und Sozialarbeiter der Verwaltung die Unterbringung der Flüchtlinge kontrollieren und der Verwaltung sowie den Vermietern Bericht erstatten. Die Differenz zwischen der ortsüblichen Warmmiete und den Tagessätzen des Kreises sollte in Projekte für integrative Maßnahmen der Bewohner fließen.

„Unsere Verantwortung endet nicht mit der Unterbringung“, betonte der Kreisbeigeordnete und warb für eine weitergehende Beteiligung und ehrenamtliche Unterstützung aus der Bevölkerung.

Neben dringend benötigtem Wohnraum seien unter anderem Austauschprogramme wie Begegnungscafés, runde Tische, Begleitung bei Behördengängen, sprachliche Übersetzung und Deutschunterricht willkommen.

Rund 30 der anwesenden Fronhäuser erklärten sich bereit, ehrenamtlich bei der Integration und Unterstützung der Flüchtlinge mitzuhelfen. Während der Diskussion äußerte der Großteil der Anwesenden Interesse an einer gemeinschaftlichen Integrationsarbeit und hakte zur aktuellen Wohnsituation der Flüchtlinge in der Gemeinde nach.

Unter anderem wurde die Situation in einer umstrittenen Flüchtlingsunterkunft in Lohra thematisiert. Nach wiederholter Kritik über den mangelhaften Zustand des Wohnraumes und Versäumnisse des Vermieters habe sich die Situation leicht, jedoch nicht vollständig gebessert, „das Ende der Fahnenstange ist bald erreicht“, stellte Zachow klar. Einige kritische Diskussionsteilnehmer äußerten Bedenken über ein problemloses Zusammenleben zwischen Einwohnern und Flüchtlingen. Nur vereinzelt wurden rabiatere Einwände über das Verhalten der Bewohner in den Unterkünften laut, die sich „daneben benehmen, alles kaputt machen“, sagte ein aufgebrachter Teilnehmer.

Die guten Erfahrungen überwiegen bei Weitem

Konflikte kämen gelegentlich vor, seien erfahrungsgemäß jedoch äußert selten, wandte Andreas Tauche, Sozialarbeiter des Kreises ein.

Aufgrund der traumatischen Erlebnisse und psychischen Belastung der geflohenen Menschen gäbe es gelegentlich Probleme mit Alkoholmissbrauch, Lärm oder Zerstörung. Diese machten jedoch nicht einmal ein Prozent der Beobachtungen im gesamten Landkreis aus. „Wir achten sehr darauf, was wo in den Wohnbereichen passiert. Es geht hier um mehr als nur um ein Mietverhältnis“, betonte Tauche.

Die bisherigen Erfahrungen belegten eine große Offenheit und Friedfertigkeit der Geflüchteten sowie einen starken Wunsch nach Integration, eine Überwindung der Sprachbarrieren und gesellschaftlicher Teilhabe, so das Fazit der Referenten.

von Ina Tannert

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