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Fröhliches Familienpferd Amadeus

Schlachfohlen-Rettung Fröhliches Familienpferd Amadeus

Wer plant, ein Pferd anzuschaffen, sollte überlegen, ob er nicht ein Schlachtfohlen freikaufen möchte. Im Herbst laufen die Auktionen: Anja und Vivien Fröhlich haben den Haflinger Amadeus gekauft und sind zufrieden.

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Zahnhygiene fürs Pferd: Haflinger Amadeus lässt sich nach getaner Erziehungsarbeit gerne eine Munddusche von Anja Fröhlich verpassen.

Quelle: Manfred Schubert

Amöneburg. Größer und kräftiger ist er geworden, der junge Haflinger mit der blonden Mähne und der unregelmäßigen weißen Zeichnung auf der Stirn. Selbstbewusster wirkt er, auch nicht mehr so ungestüm wie vor zwei Jahren, als die OP das erste Mal über ihn und das Schicksal vieler seiner Rassegenossen berichtete. Vieles hat er inzwischen dazugelernt, im nächsten Jahr soll es ans Anreiten gehen.

Der im Februar 2013 geborene Amadeus hat Glück gehabt. Die meisten Haflinger, aber auch Noriker, vollenden nicht einmal ihr erstes Lebensjahr, sondern landen im Schlachthaus. Nicht, weil sie krank sind, wie viele Menschen immer noch irrtümlich denken, sondern weil sie weit über den Bedarf hinaus gezüchtet werden. Nur wenige erfüllen die aktuell geltenden Schönheitskriterien eines Ideal-Haflingers und erzielen hohe Verkaufspreise oder werden für die weitere Zucht verwendet. Ungefähr 90 Prozent – jährlich mehr als 3000 Fohlen in Süddeutschland und Österreich – landen nach dem Sommer, in dem sie noch die Urlaubsgäste mit ihrem niedlichen Anblick erfreuen durften, in einer der vielen Versteigerungen.

Familie Fröhlich kauft Haflinger Amadeus frei

Von dort aus kommen die meisten – nämlich die, die nicht das Glück haben, „freigekauft“ zu werden – auf einen der vorwiegend nach Italien fahrenden Fohlentransporter. Entweder erst zum Maststall oder direkt zum Schlachthof. Nicht selten werden die Tiere unterwegs verletzt und die im Akkord durchgeführten Schlachtungen setzen ihrem Leben häufig ein qualvolles Ende.

Die Bauerbacherin Anja Fröhlich und ihre Tochter Vivien beschlossen, eines dieser Fohlen freizukaufen und brachten Amadeus auf einem Hof in Rauischholzhausen unter. Die Reaktionen vieler Bekannter zeigten, dass diese glaubten, sie würden ein Pferd zweifelhafter Herkunft und Gesundheit kaufen oder damit sogar die Züchtung von Schlachtfohlen unterstützen. Dabei haben die Tiere Papiere mit einem tollen Stammbaum, und sie wachsen in den ersten Lebensmonaten unter besten Umständen auf.

Erziehung nach der Methode des „Natural Horsemanship"

Persönliche Gespräche brachten einige zum Umdenken. Ein Zeitungsbericht könnte noch mehr erreichen, dachte sich Anja Fröhlich. Tatsächlich habe der Artikel in der OP vor zwei Jahren „hohe Wellen geschlagen“, einige Menschen hätten daraufhin ebenfalls ein Schlachtfohlen gekauft. Sogar ein Fernsehteam hat damals angefragt und wollte eine Dokumentation drehen, berichtete Fröhlich. Sie sei schon ein paar Mal gefragt worden, was aus Amadeus geworden sei und wie er sich entwickelt habe. „Und vielleicht schaffen wir es dieses Mal bis ins Fernsehen. Beim letzten Mal haben die gemerkt, in welches Haifischbecken sie sich begeben, wenn sie vor Ort bei den Schlachtfohlen drehen wollen, und leider gekniffen. Eigentlich wollten sie sich rechtlich absichern und wieder melden. Leider habe ich nichts mehr gehört“, erzählte Anja Fröhlich.

Sie erzieht ihn nach der Methode des „Natural Horsemanship", bei der man „natürlich“ mit Pferden umgeht und nonverbal kommuniziert, auf gegenseitiges Vertrauen und gegenseitigen Respekt setzt. „Soviel Druck wie nötig und so wenig Druck wie möglich soll dabei ausgeübt werden“, erklärt sie. Nun wird Amadeus langsam auf das Anreiten vorbereitet. Damit soll es erst im kommenden Jahr losgehen, damit ganz sicher die letzten Wachstumsfugen geschlossen sind.

Die Tierschutzorganisation „Animal Spirit“, über die Fröhlichs an ihr Fohlen gekommen waren, teilte diesen jetzt auf Anfrage mit, dass es leicht rückgängige Zahlen und auch einen besseren Umgang mit den Tieren auf den Versteigerungen gebe, da mittlerweile die verschiedensten Organisationen dort präsent seien. Zwar gebe es noch viel zu viele rüde Verladetechniken und Ähnliches, aber auch das werde langsam besser. Besonders erfreulich ist, dass sich immer mehr Bauern und Züchter direkt bei den Tierschützern melden, ob diese ihre Fohlen an einen guten Platz vermitteln können, auch dort findet ein Umdenken statt.

  • Wer sich mit Anja Fröhlich persönlich über ihre Erfahrungen unterhalten oder weitere Tipps bekommen möchte, kann sie unter faszination.fell@email.de oder telefonisch unter 0157/81790666 kontaktieren.
 
Hintergrund
500 Euro hat Amadeus, inklusive der Grenzformalitäten, gekostet. Die Tierschützer bezahlen immer nur soviel, wie auch der Metzger bezahlt hätte. Weitere Informationen, auch zu Fohlen, die vermittelt werden sollen, gibt es auf der Internetseite von „Animal Spirit“:  www.animal-spirit.at. Die Tiere werden nur gegen einen Überlassungsvertrag (Verpflichtung zu artgerechter Haltung, keine Weiterzucht und Schlachtung) abgegeben. Man kann auch spenden mit dem Ziel, den Freikauf von Fohlen zu unterstützen.
 
Die Fröhlichs, Vivien mit Emil (von links), Leander, Anja und Leonie, freuen sich über die gute Entwicklung ihres Haflingers. Foto: Schubert

von Manfred Schubert

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