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Fleiß bringt Segen

Schule früher Fleiß bringt Segen

Vergilbte Zeugnishefte, lederne Ranzen, hölzerne Griffelkästen: Die Sammlung historischer Schulutensilien in der Alten Schule ist noch klein, lässt die Herzen nostalgieverliebter Menschen aber schon höherschlagen.

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Pauline (6 Jahre, von rechts), Felix (8 Jahre), Jonas (7 Jahre) und Bastian (3 Jahre) sitzen in der Alten Schule Niederwalgern auf historischen Schulbänken.

Quelle: Nadine Weigel

Niederwalgern. „Lernen ist dof“, kritzelt der sieben Jahre alte Henk mit weißer Kreide an die Tafel, ein schweres Modell aus Urgroßmutters Zeiten. Sie steht vor historischen Schulbänken mit schweren hölzernen Tischen. Alles massiv gebaute
Möbelstücke aus Holz und Metallverbindungen, dafür gemacht, die Jahrzehnte zu überdauern. Daneben ein nicht minder haltbarer hölzerner Ständer mit einer Deutschlandkarte aus dem Jahr 1937.

An den Tischen sitzen die Kinder Pauline, Felix und Jonas. Vor ihnen liegen lederne Schulranzen, wie ihre Urgroßeltern sie getragen haben mögen. Eine kleine Schiefertafel und ein hölzernes und bunt bemaltes Griffelkästchen mit schon leicht verblasstem Dekor darauf erinnern an Zeiten, zu denen Kinder die Schulzeit frei von Smartphone, Computer und Co. erlebten.

„So wurde damals gelernt, mit bescheidenen Mitteln“, sagt Ortsvorsteher Heinz Heuser während der kleinen Ausstellungseröffnung in der Alten Schule in Niederwalgern. Dort bauen die örtlichen Landtechnikfreunde derzeit eine neue Sammlung auf: Schule, wie sie einmal war, ist dabei das Thema. Und gesucht wird alles, was in der Zeit vor 1950 zur Ausstattung eines Klassenraums oder eines Schülers gehörte.

„Es ist gut, dass es heute nicht mehr so ist – es war mitunter ziemlich aufreibend für die Kinder“, sagt Heuser, der zu Demonstrationszwecken einen alten Rohrstock in den Händen hält. „Den hatte der Lehrer nicht nur zum Abstützen“, erzählt er und erinnert sich an die eine oder andere Gelegenheit, bei der er als Schüler selbst Schläge bekam. „Und daheim gab‘s dann zur Strafe nochmal eine oben drauf“, sagt Heuser und lacht, „so war das früher“.

So viel zum schaurigeren Teil der Erinnerungen, die die alten Schulutensilien bei den Leuten aus Niederwalgern wecken. Rund 30 Männer, Frauen und Kinder sind zur Präsentation der ersten Sammlungsstücke gekommen, einige von ihnen bringen selbst noch etwas mit. So auch der 81 Jahre alte Wilhelm Zimmermann, der für die wachsende Ausstellung einen kleinen Stiftekasten aus Spanholz zur Verfügung stellt. Das gute Stück stammt wohl aus den 1940er-Jahren, schätzt Zimmermann. „Fleiss bringt Segen“, steht auf dem Holzdeckel, der bis auf eine kleine Delle noch gut erhalten ist.

Alten Kartenständer vorm Sperrmüll bewahrt

Die meisten Stücke, die die Niederwalgerner bislang zusammengetragen haben, stammen aus dem Fundus des Heimatvereins Weidenhausen. „Unsere Freunde stellen diese Dinge freundlicherweise für uns zur Verfügung“, freut sich Heinz Heuser. „Es ist gar nicht so leicht, an solche Sachen heranzukommen.“ Da helfen die Weidenhäuser aus, wo sie es können. „Unsere Kooperation läuft sehr gut“, sagt Heuser.

Der alte Kartenständer stammt aus dem Nachbarort Wenkbach – die Landtechnikfreunde konnte ihn gerade noch vorm Sperrmüll retten. Rund 100 Jahre alt soll er sein. Nun hoffen die Landtechnikfreunde darauf, dass auch andere daheim noch Schätze aus früheren Schulzeiten aufgehoben haben, die sie für die Schau bereitstellen.

Doch wozu all dies? „Wir wollen die Geschichte festhalten. Die Alte Schule gehört in Niederwalgern einfach dazu – sie hat schon vielen Zwecken gedient. Und die Ausstellung der Schulutensilien soll zu einer festen Einrichtung werden“, erklärt Heuser. Er erinnert an die Dorferneuerung und an die vielen Stunden ehrenamtlichen Einsatzes.

Engagement zugunsten des kleinen Fachwerkhauses an der Wehrmauer der Niederwalgerner Kirche, das heutzu­tage als Alte Schule nicht nur dem Heimatverein Quartier bietet, sondern auch eine Wohnung beherbergt. „Das Gebäude trägt sich somit selbst“, freut sich Heuser. Lernort für Generationen von Schülern, Diakonissen-Wohnung, Schulungsraum für die landwirtschaftliche Ausbildung, Lehrerwohnung: Das kleine Fachwerkhäuschen erfüllte schon manchen Zweck. Kein Wunder, dass die Niederwalgerner so daran hängen.  

„In Zweierreihen antreten und einmal durchs Dorf“

Ausstellungen, Vereinstreffen, Lesungen, Familienfeiern – die Alte Schule mit ihrem früheren Klassenzimmer wird in Niederwalgern auch heutzutage für viele Zwecke genutzt. Die Ausstellungsstücke könnten prima integriert werden, sagt Heuser. Die Schulutensilien von anno dazumal könnten auch in künftige Schauen eingebunden werden, stünden dabei immer für die Geschichte und den ursprünglichen Zweck des alten Fachwerkhäuschens, das im Jahre 1782 als Schule errichtet wurde. Dass es ab 1965 für Niederwalgern eine eigene Mittelpunktschule geben würde, die den Schulstandort beträchtlich größer werden ließ, daran dachte damals noch niemand.

Einige von den Niederwalgernern, die zur Ausstellungseröffnung gekommen sind, können sich noch an Schule an drei verschiedenen Orten im Dorf erinnern. So habe ein Raum in der Alten Schule einige Zeit noch als Notbehelf gedient, als es schon die neue Schule gab. „Dann hieß es: In Zweierreihen antreten und einmal durchs Dorf vom Bürgerhaus bis runter zur Alten Schule“, blickt Heuser zurück.

 
Wilhelm Zimmermann hält einen hölzernen Griffelkasten aus den 1940er Jahren. Fotos: Nadine Weigel
 
Mitmachen
Bücher, Federhalter, Tintenfässchen, Botanisiertrommeln, Abakusse, alte Hefte, Zeugnisse und und und. Wenn auch keine Elektronik, so gab es in Klassenzimmern der Zeit vor 1950 doch schon allerhand. Für all dies interessieren sich die Landtechnikfreunde Niederwalgern. Wer solche Utensilien zur Verfügung stellen will für die Ausstellung in der Alten Schule, kann sich bei Ortsvorsteher Heinz Heuser, Telefon 06426/1278 melden. Das nächste Mal zu sehen sein wird die Schau am Sonntag, 5. Juni, anlässlich einer Kulturwanderung. Weitere Infos dazu bei Heinz Heuser.

von Carina Becker

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