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Erinnerungen sind in Stein gemeißelt

Sandsteinbruchunternehmen Erinnerungen sind in Stein gemeißelt

Entlang der Lahn gab es eine Reihe florierender Sandsteinbrüche, die heute kaum jemand mehr kennt. Die Wolfshäuser Familie Gombert betrieb jahrzehntelang ein florierendes Unternehmen.

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Heinrich Gombert vor seinem Wohnhaus in Wolfshausen, das der Großvater 1899 komplett aus Sandstein errichtete. Auch große Teile der übrigen Gebäude bestehen aus dem seinerzeit beliebten Baumaterial.Foto: Hartmut Berge

Quelle: Hartmut Berge

Wolfshausen. Im Winter warm, im Sommer kühl, zu allen Zeiten trocken, das sind die wesentlichen und entscheidenden Eigenschaften von Sandstein. Einen Eindruck davon bekommt man in Hessen beim Besuch der zahlreichen bedeutungsvollen Sandsteinbauten in Darmstadt, Wiesbaden, Frankfurt, Kassel, Gießen und Marburg. Berühmtes Beispiel ist die Elisabethkirche in Marburg, sie besteht einheitlich aus rotem Buntsandstein. Noch deutlicher werden die besagten Eigenschaften, wenn man Elisabeth und Heinrich Gombert in Wolfshausen besucht.

Das Wohnhaus und große Teile des Anwesens wurden 1899 von Heinrich Gomberts Großvater Johannes aus Sandstein erbaut. „Wir haben hier immer angenehme Temperaturen und sparen viel Heizkosten“, berichtet der 82-Jährige und seine Frau pflichtet ihm bei. Dass ihr komplettes Wohnhaus in rotem Sandstein errichtet wurde, hat einen Grund: Der Großvater betrieb einen Sandsteinbruch, den der Vater später weiterführte.

Um die Jahrhundertwende 1900 waren die Sandsteinbrüche in Wolfshausen weithin bekannt. Auf einem der wenigen Bilddokumente - es stammt aus dem Jahr 1903 - sind Dutzende von Steinmetze vor den Werksgebäuden im Bruch zu sehen. „Sie kamen aus Nachbardörfern, andere von weit her“, berichtet Gombert. Neben den ausgebildeten Steinmetzen, die für die Feinarbeit zuständig waren, gab es zahlreiche Hilfsarbeiter und Steinhauer, Letztere brachen unter der Anleitung eines Meisters Steine aus der Wand. Die Wand im zunächst gepachteten und später im eigenen Steinbruch, sei gut 15 Meter hoch gewesen, berichtet Heinrich Gombert. „Um an das Material zu gelangen, das von oben nach unten abgebaut wurde, musste zunächst Abraum und Erde abgetragen werden“, berichtet der Wolfshäuser. Alles ging in beschwerlicher Handarbeit vonstatten, sagt er. In einer Feldschmiede im Steinbruch kümmerte sich ein Schmied darum, dass die eingesetzten Werkzeuge wieder angespitzt und geschärft wurden.

Auch auf dem Gombertschen Anwesen gab es eine Schmiede, die gleichzeitig als Dorfschmiede diente. In alle Himmelsrichtungen wurde der Wolfshäuser Sandstein geliefert, jahrzehntelang mit Pferdefuhrwerken. Entfernungen bis nach Frankenberg waren da keine Ausnahme. Später bediente man sich auch der Eisenbahn. „Die Steine für die Werratalbrücke bei Heddemünden wurden allesamt im Steinbruch unserer Familie gehauen, nummeriert mit Pferdefuhrwerken zum Bahnhof nach Niederwalgern gebracht und dort mit Güterzügen an die Baustelle transportiert“, berichtet Heinrich Gombert.

Mit Sondergenehmigung zur Führerscheinprüfung

Als der erste Lastwagen mit Holzvergaserantrieb angeschafft war, hatten die Pferdegespanne ausgedient. In mehreren Ställen auf dem Gombertschen Anwesen standen bis dahin die zahlreichen Kaltblüter. Eine weitere Erleichterung brachte der erste im Steinbruch eingesetzte Hub­lader. Zu dieser Zeit, im Alter von 17 Jahren wurde Heinrich Gombert verstärkt im Unternehmen eingesetzt. „Mithilfe einer Sondergenehmigung machte ich damals den Lkw-Führerschein“, erzählt er. Fortan fuhr er mit einem Lastwagen das Material zu den Baustellen, „Unmengen von Bruchsteinen und gehauenen Steinen“, berichtet er. Nicht selten sei es ihm passiert, dass er die Steine selbst per Hand abgeladen hatte, weil die Bauarbeiter bereits Feierabend hatten. „Der Lastwagen hatte keine Kippvorrichtung“, erklärt er.

Ein wenig stolz ist der Senior, wenn er heute etwa durch Marburg und Stadtallendorf fährt und dort Haussockel und Mauerwerk sieht, das mit Steinen aus dem Bruch seiner Familie gebaut wurde. In den Hochzeiten des Betriebes hatte der Vater in der Pfalz einen weiteren Steinbruch mit bis zu 180 Beschäftigten. Mitte der 1960er-Jahre stellte die Familienbetrieb den Abbau von Sandstein ein, Beton löste ihn als Baustoff ab, zudem war die Handarbeit unbezahlbar. Welchen Wert sie mittlerweile hat, erlebten die Gomberts, als sie vor ein paar Jahren einen Sandstein am Wohnhaus auswechseln ließen.

„600 Euro habe das gekostet“, erzählt der Senior. Weil er einen Lastwagen mit Hänger gekauft hatte, fuhr er bis 1973 für ein Baugeschäft, im Winter für die Behringwerke. Dann arbeitete Heinrich Gombert für das Unternehmen Ezelmüller, später Diehl, er fuhr Bus bis 2011, da war er längst Rentner. Auch heute noch kann der rüstige Wolfshäuser nicht ruhen, ist ständig am werkeln, macht im Wald Holz oder widmet sich der Pflege und Unterhaltung des herrlichen Anwesens.

von Hartmut Berge

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