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Einst ausgeschlossen, jetzt unvergessen

Sinti Einst ausgeschlossen, jetzt unvergessen

In einer bewegenden Zeremonie gedachten in Dreihausen etwa 70 Menschen der Deportation von 18 Sinti aus Dreihausen unter dem Terror-Regime der Nationalsozialisten vor 70 Jahren.

Dreihausen. Die Geschichte der heimischen Sinti steht schon lange auf dem Geschichtsplan der Gesamtschule Ebsdorfer Grund. Und jedes Jahr erwachsen daraus interessante, eindrucksvolle und bewegende Projekte. So wurde beispielsweise im Juni 2008 ein Mahnmal vor dem Friedhof von Dreihausen aufgestellt: 18 Basalt-Stelen stehen nicht nur für die 18 Deportierten, sondern demonstrieren durch die Wahl des Materials auch die Verbundenheit mit der Region. Realisiert wurde das Projekt auf Betreiben der Schüler.

Auch in diesem Schuljahr hat sich die zehnte Klasse unter Anleitung von Lehrer Mirko Meyerding mit der Geschichte der Deportation befasst. An drei Stationen zeichneten die Schüler den Weg der Deportation nach.

Los ging es am alten Bahnhof, das heute Clubhaus eines Motorrad-Clubs ist. Hier spielten die Schüler das Lied „Theo und Anna“ des Marburger ­Singer-Songwriters Robert Oberbeck. Er wurde laut eigenen Angaben „durch Zufall mit der Geschichte der Kinder konfrontiert. Tief bewegt von der schon fast vergessenen Vergangenheit schrieb ich diesen Song“.

Die Schüler trugen die Geschichte der Deportation in Auszügen vor: Am 23. März 1943 wurden die Sinti deportiert. „Es geschah am helllichten Tag. Die 18 Sinti aus Dreihausen wurden in einen Viehwaggon verladen. Augenzeugen berichteten: Heute werden die Zigeuner abgeholt.“ Weitere Augenzeugenberichte künden davon, dass die Sinti „in Russland neu angesiedelt werden sollen“, oder davon, wie einer der Sinti, der im Ersten Weltkrieg für Deutschland gekämpft hatte, seine Auszeichnung einem SS-Mann vor die Füße warf. Eine viertägige Reise der Sinti aus dem Landkreis, dicht zusammengepfercht in Viehwaggons, bis nach Auschwitz zeichneten die Schüler nach. Nächste Station auf der Route der Erinnerung war die Grundschule in Dreihausen. Dort warfen die Schüler ein Licht auch auf die Kinder, die unter den Dreihäuser Sinti waren. Sie durften nicht mit den anderen Kindern schwimmen, weshalb sie in einem Steinbruchloch badeten. „Nach und nach wurden sie vom Leben ausgeschlossen“, berichtet eine Schülerin. Sie durften nicht mehr zur Schule gehen - weil sie eine Bedrohung für die anderen Schüler darstellten, hieß es.

Dritte und letzte Station war am Freitagabend das Mahnmal am Friedhof, wo die Schulband musikalisch auf die Reden einstimmte. Bürgermeister Andreas Schulz (SPD) sagte, dass der Zeitgeist damals unfrei und von Diktatur geprägt war: „Heute, mehr als 70 Jahre danach, leben wir in einer Gesellschaft, in der wir unsere Meinung sagen dürfen und in der wir Zivilcourage beweisen können.“ Dennoch geschehe es auch heute, dass man schweige und zuschaue, wenn Minderheiten verfolgt würden oder Rechtsradikale ­mordeten. „Wir sollten die Möglichkeit unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung nutzen, damit die Freiheit, die wir genießen, auch erhalten bleibt.“ Diese müsse man sich jeden Tag aufs Neue verdienen. „Andere Menschen haben das teuer bezahlt - mit ihrer Gesundheit oder mit ihrem Leben.“

Pfarrerin Angelika Kaese sagte: „Das Grauen ist auch nicht weg nach 70 Jahren - das bleibt. Deshalb will ich auch immer wieder meinen Teil dazu beitragen, dass erinnert wird.“ Weder sie noch die Schüler seien für das verantwortlich, was damals geschehen sei. „Aber ich bin verantwortlich für die Gegenwart. Und da gilt es zu informieren und zu diskutieren und aufzuklären.“

Rinaldo Strauß vom Landesverband Hessen der Sinti und Roma verdeutlichte, mit dem Projekt hätten die Schüler „die Spuren der Sinti nicht nur aufgespürt, sondern auch gesichert.“ Eigentlich sei es immer noch unvorstellbar, „dass die Tatsache dieses Völkermords nicht wahrgenommen, ja sogar geleugnet wurde“. Immer noch würden laut Studien mehr als 40 Prozent der Menschen in der Bundesrepublik Sinti und Roma ablehnen. „Damit ist ganz deutlich, dass Antiziganismus keine Erscheinung des Rechtsextremismus, sondern Teil der Gesellschaft ist“, sagte Rinaldo Strauß. Aufklärungsarbeit sei ein Mittel dagegen.

Die Schüler zeichneten im Anschluss die Biografien der deportierten Sinti nach: Stück für Stück füllen sich die Stelen mit gelben Rosen, teilweise auch mit Bildern der Deportierten, während die biografischen Daten und einige bekannte Details aus dem Leben der zum großen Teil Ermordeten vorgelesen wurden.

von Andreas Schmidt

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