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Einmal Kehna, immer Kehna

Dorfjubiläum Einmal Kehna, immer Kehna

Als das „Zentrum der Weltabgeschiedenheit“ soll ein Besucher Kehna einmal bezeichnet haben. Abgeschieden mag es sein, aber auch sehr lebendig - und durch seine Kaffeerösterei verbunden mit der großen weiten Welt.

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Mit Professor Siegfried Becker, Institut für Europäische Ethnologie und Kulturwissenschaft an der Uni Marburg, schauten sich rund 80 Spaziergänger auf den Kehnaer Höfen um.

Quelle: Carina Becker

Kehna. Kaffeebohnen aus Guatemala, Indonesien, Honduras und vielen weiteren Ländern der Erde gehen in Kehna durch die Hände von Mitarbeitern der Kehnaer Gemeinschaft. Von behinderten Menschen werden die Bohnen per Hand verlesen und weiterverarbeitet. Und so verlässt täglich röstfrischer Kaffee ein kleines Dorf mit noch nicht einmal 100 Einwohnern im Marburger Land. Über ihren Online-Shop beliefert die Gemeinschaft in Kehna ihre Kunden deutschlandweit.

Die Kaffeerösterei „DeKene“ existiert im Kehnaer Dorfjubiläumsjahr seit 15 Jahren - sie ist nur einer der Arbeitszweige der Kehnaer Gemeinschaft, die das kleine Fachwerkdorf seit den 90er Jahren mit neuem Leben und Arbeitsplätzen erfüllt. Gut ein Drittel der aktuell 81 Dorfbewohner sind Mitglieder der Gemeinschaft und fest eingebunden ins dörfliche Geschehen.

So bekommt man in Kehna als Außenstehender dann auch das Gefühl, man sei mitten in einer Großfamilie gelandet. Wer dort ist, gehört dazu. Mit einem Dorfspaziergang läuten die Bewohner ihr Jubiläumsjahr und das bevorstehende Fest ein - Auftakt ist im Gemeinschaftssaal auf Hermes Hof, dem ältesten Gebäude im Dorf und zugleich der Sitz der Weberei und mehrerer Wohnungen der Kehnaer Gemeinschaft. Das Haus ist voll, rund 80 Menschen sind gekommen, Bewohner, Ehemalige und Gäste.

In dem Dörfchen, das zur Gemeinde Weimar gehört, gibt es aktuell 15 Höfe - ein 16. entsteht gerade, es ist der erste Neubau seit 70 Jahren. Von fast allen Höfen ist beim Jubiläumsauftakt jemand dabei. Gebannt schauen alle auf die Karten, die sie auf ihren Sitzplätzen gefunden haben - eine Ortsskizze von 1720 mit damals zehn Höfen. Ortsvorsteher Günter Schömann fragt die Hausnamen der ältesten Höfe ab: Knachts, Kouze, Jonges, Oarms, Kaspersch, Hermes, Pales, Jus, Namanns und Lachte. Dabei zeigt sich schnell, die Kehnaer kennen sich aus im eigenen Ort, auch, wenn sich in der Struktur des Dorfes im Laufe der Jahrhunderte manches verändert hat, vor allem zur Zeit Nazi-Deutschlands, als eine neue Straße nach Lohra entstand, eine neue Brücke gebaut wurde und Höfe von der einen Seite des Walgerbachs auf die andere wechselten, spätestens, als sie größere Scheunen brauchten. So ordnete das Dorf sich neu.

Landluft und Kaffeeduft

Mehr über die Geschichte ihres Dorfs erfahren die Kehnaer in einer Filmpräsentation zum Jubiläum, die der Festausschuss um Günter Schömann mit Unterstützung des Gemeindearchivs Weimar vorbereitet hat. Der Film kommt ohne Ton aus, viele alte Fotos aus drei Jahrhunderten sind zu sehen, Bauernfamilien in ihrer Festtagskleidung, mit ihren Vierspännern, vor ihren Häusern oder Ställen, Ausschnitte von Urkunden und Steuerbucheinträgen - dazu schriftliche Erläuterungen. So beispielsweise zum Jahr 1746. 77 Menschen wohnen zu dieser Zeit in Kehna auf zehn „steuerbaren Häusern“, wie es in einem Schriftsatz heißt, es gibt einen Flickschneider im Dorf, alle anderen leben vom Ackerbau und der Viehzucht. Die Menschen in Kehna leb ten schon vor der ersten urkundlichen Erwähnung des Ortes von der Landwirtschaft. Mehr als 1000 Jahre lang haben die Erträge von Feldern und Wäldern die Bewohner ernährt, bis die Landwirtschaft Mitte des 20. Jahrhunderts zum Erliegen kam. Mit der Kehnaer Gemeinschaft und ihren ersten ältesten Arbeitszweigen Schreinerei, Hauswirtschaft und Landschaftspflege kamen ab 1996 erstmals wieder Arbeitsplätze in das abgelegene Dörfchen, das Anfang der 90er durch Landflucht und drei gleichzeitig leerstehende Höfe fast auszusterben drohte. „Für uns ist es ganz toll, dass die Gemeinschaft hierher gekommen ist“, sagt Ortsvorsteher Schömann dazu. Nach der Filmvorführung auf Hermes Hof geht der Dorfspaziergang los - unterwegs gibt es viel zu sehen und zu erzählen.

Früher galt: Erst die Kühe, dann die Menschen

Die 81-jährige Änni Mann, die älteste Dorfbewohnerin, ist auch mit dabei, ausgerüstet mit Rollator, um auch die längeren Wege gut schaffen zu können, und mit dem Fotoaparat, um alles zu dokumentieren. Die frühere Friebertshäuserin kam 1961 durch ihre Heirat auf Pales Hof, den sie inzwischen allein bewohnt. Auf den Dorfspaziergang ist sie gespannt, „mal schauen, wo es jetzt hingeht“. Zuerst zur Kirche, dann weiter über die Höfe. Auch Karin Berge spaziert mit. Die 56-Jährige lebt seit vielen Jahren in Sinkershausen, geboren wurde sie als Karin Nickel in Kehna, auf dem Hof Namanns. Die Familie Nickel ist dort immer noch zu Hause. Ihr Opa Wilhelm Nickel sei von 1957 bis 1966 der erste Bürgermeister des damals noch selbstständigen Kehna gewesen, „der erste Bürgermeister, der von einem der einfachen Höfe kam“, berichtet sie stolz.

Die Heimatverbundenheit ist Karin Berge wichtig. Deshalb wurde ihr Sohn vor 31 Jahren auch in der Kehnaer Fachwerkkirche getauft. Und wenn Pfarrer Dirk Wilbert alle sechs Wochen in dem kleinen Kirchenbau einen Gottesdienst hält, ist die ehemalige Kehnaerin gern zu Gast.

Wohlergehen der Tiere stand im Vordergrund

Auf dem ältesten Hof im Dorf, dem Hof Hermes, erzählt Kulturwissenschaftler Professor Siegfried Becker den Spaziergängern über die früheren Lebensgewohnheiten. Das Wohlergehen der Tiere stand für die Menschen im Vordergrund. „Irscht die Kuih, da ui“, zitiert er einen Ausspruch aus dieser Zeit, der so viel bedeutet wie: Erst werden die Kühe versorgt, dann kommen wir an die Reihe. Auf Hermes Hof zeugt der fünf Jahre vor dem neuen Wohnhaus errichtete und reich verzierte Pferdestall aus dem Jahr 1672 von dieser Einstellung. „Der Pferdestall war ein repräsentatives Gebäude - viele Höfe hier fuhren Vierspänner und waren stolz darauf“, erklärt Becker.

Stolz sind die Kehnaer auch heutzutage. Nicht mehr auf die Vierspänner, sondern darauf, dass sie als Gemeinschaft die Weiterentwicklung vom früheren Bauerndorf zu einem modernen Wohn- und Arbeitsort geschafft haben - mit Landluft, Kaffeeduft und Handelsbeziehungen in alle Welt.

Das Festprogramm: Am letzten Mai-Wochenende ist es so weit: Kehna feiert sein 875-jähriges Bestehen. Am Samstag, 30. Mai, und Sonntag, 31. Mai, findet ein buntes Dorffest statt. Mit dabei ist die integrative Band „Station 17“, eine Musikband bestehend aus behinderten und nicht-behinderten Musikern aus Hamburg, die am Samstagabend im Festzelt spielen wird. Das Programm am Sonntag beginnt um 10 Uhr. Mit ihrem Pfarrer Dirk Wilbert begehen die Kehnaer den Festgottesdienst. Ab 11 Uhr findet ein Festakt mit musikalischen Beiträgen und Grußworten statt. Ein buntes Programm auf sieben Höfen schließt sich bis 18 Uhr an. Am Nachmittag können sich vor allem die kleinen Besucher auf ein Zaubertheater sowie den Auftritt von Feuerspucker „Wulle“, alias Wilfried Nickel aus dem Festausschuss, freuen.

von Carina Becker

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