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Eine Liebe - geboren in Afghanistan

Valentinstag Eine Liebe - geboren in Afghanistan

Ein Kommandeur und eine Ethnologin, ein Bundeswehreinsatz und eine Liebeserklärung. Wie sich aus diesen Zutaten eine echte Valentinstags-Geschichte entspinnt, erzählen wir heute.

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Dietger Lather mit seiner Frau Marion im heimischen Wohnzimmer. Literatur ist bei dem Ehepaar immer ein Thema. Diskutiert wird dann auch über das Werk von Homer.

Quelle: Nadine Weigel

Niederweimar. Stellen Sie sich eine entlegene Polizeiwache in Afghanistan vor. Sie sind in einem kleinen Raum, in dem fünf einheimische Polizisten tief und fest schlafen. Draußen ist es dunkel, und unter Ihrem Kopfkissen liegt eine Pistole. Eine romantische Vorstellung? Dieses Szenario vor Augen, da würde sich wohl bei den Wenigsten ein Gefühl von Schmetterlingen im Bauch einstellen. Für Marion Näser-Lather war es in diesem Moment anders. „Selten habe ich mich in meinem Leben so sicher gefühlt“, sagt sie über diese Nacht im Jahr 2008.

An Liebe hatte die Ethnologin im Vorfeld ihrer Reise nicht gedacht. Ihre Forschung führte sie in das ferne Land am Hindukusch. Der Mann, der in dieser Nacht im gleichen Raum liegt, der Grund, weshalb sie sich so sicher fühlt, ist ihr Vorgesetzter. Oberst Dietger Lather.

Bereits anderthalb Jahre vor der Begegnung in Afghanistan hatten sich die Lebenswege der beiden gekreuzt. In Mayen (Landkreis Mayen-Koblenz), wo Dietger Lather von 2004 bis 2009 als Bundeswehr-Kommandeur stationiert war, führte Marion Näser Interviews zum Thema Vereinbarkeit von Familie und Dienst im Alltagsleben von Berufssoldaten. Sie arbeitete gerade an ihrer Doktorarbeit. Diese erste Begegnung im Jahr 2006 hinterließ jedoch keinen bleibenden Eindruck – weder auf der einen noch auf der anderen Seite. In Afghanistan sollte sich das ändern.

Liebe auf den zweiten Blick

Die zweite Begegnung war zunächst wieder von Arbeit geprägt. 14 bis 16 Stunden am Tag, wie Dietger Lather sagt. In Kabul war er 2008 Kommandeur eines gemischten Einsatzverbands. Seine Aufgabe vor Ort bestand unter anderem darin, die Bevölkerung über die Arbeit der internationalen Schutztruppe ISAF zu informieren. Ein Mittel zur Aufklärung und Information ist bis heute die  „Stimme der Freiheit“ – eine Zeitung mit einer damaligen Auflage von 240 000 Exemplaren.

Die Fragen, die sich nicht nur Lather während seines Einsatzes stellte, waren: Wie nimmt die Bevölkerung die Informationspolitik der Schutztruppe wahr? Welche Themen sind wichtig, und was kann man tun, um noch besser mit den Afghanen in Kontakt zu treten? Eine sogenannte Wirkungsanalyse sollte Aufschluss über diese und andere Fragen bringen. Das nötige Wissen für diese Aufgabe brachte Marion Näser mit, die sich ohnehin mit dem Gedanken getragen hatte, die Forschung für ihre Doktorarbeit in einem authentischen Umfeld fortzuführen.  

In Afghanistan traf sich Dietger Lather häufig mit öffentlichen Würdenträgern. Er suchte den Kontakt zu den Afghanen, um seine interkulturelle Arbeit weiter voran zu treiben. Mit Marion Näser ging er dann an den Abenden die Protokolle vom Tage durch. Nach und nach mischten sich auch private Themen in die dienstlichen Unterhaltungen.

Viele Gemeinsamkeiten entdeckt

Die beiden bemerkten viele Gemeinsamkeiten. Zum Beispiel ihre schulische Laufbahn. Beide besuchten das Philippinum in Marburg. In der Folge sprachen sie viel über römische Dichter und griechische Mythen. „An einem Abend hast du mir deine Lieblingsmusik vorgespielt“, sagt Marion Näser-Lather und blickt ihrem Ehemann dabei tief in die Augen. „Es war einfach schön, mit jemandem über andere, persönliche Dinge zu reden“, sagt Dietger Lather über die Zeit in Afghanistan.

Eine weitere Episode ist beiden in Erinnerung geblieben. Bei einem gemeinsamen Termin in der Provinz Bamiyan besuchten sie eine kleine Siedlung, um mit der Dorfältesten zu sprechen. Etwas Besonderes, da diese Position in der Regel Männern zufällt. Die Zusammenkunft fand unter freiem Himmel auf einem Feld statt und blieb den beiden im Gedächtnis. Diese fremde Welt, die Zeit in Afghanistan sind bis heute ein prägender Teil ihrer Beziehung.

Auf der Rückfahrt nach Kabul kam es zu einer Reifenpanne und der ungewollten Übernachtung auf der Polizeistation. In den folgenden Tagen bemerkte Dietger Lather eine Veränderung im Verhalten der jungen Ethnologin. „Sie benahm sich seltsam“, sagt er und lächelt. „Ich hatte mich da schon verliebt“, sagt sie und lächelt zurück.

"Nach zwei Tagen wusste ich, dass wir zusammenbleiben werden"

Wie geht man mit einer solchen Situation um? Mitten in einem Lager voller Soldaten. In einer Welt, die aus vier mal zwei Meter langen Containern besteht. Natürlich militärisch pragmatisch: Zuerst wird sich einander „erklärt“, wie Dietger Lather sagt, und dann wird die ganze Truppe informiert. „Es wäre sowieso nicht zu verheimlichen gewesen“, sagt er. Für ihn ist alles ganz selbstverständlich: „Nach zwei Tagen wusste ich, dass wir zusammenbleiben werden.“

Nach Rückkehr und Hochzeit leben beide heute in Niederweimar. Marion Näser-Lather führt gerade ihr Habilitationsprojekt am Institut für Europäische Ethnologie an der Philipps-Universität Marburg durch. Dietger Lather ist seit 31. Juli pensioniert und schreibt nun an einem Buch über seine Erfahrungen im Auslandseinsatz und die Auswirkung von Einsätzen nicht nur auf die Familie. „Alles hat sich wunderbar gefügt“, sagt er. Überrascht hat ihn höchstens, dass er nach 23 Umzügen nun ausgerechnet wieder in seinem Elternhaus wohnt. Wie sieht die Zukunft aus? „Ich halte mich da zurück, sie macht jetzt Karriere.“ Er schließt einen weiteren Umzug nicht aus. Hauptsache, sie bleiben zusammen.

von Dennis Siepmann

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