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Eine Kreuzfahrt für Technikfans

OP-Serie 50 mit 50: Helmut Luzius Eine Kreuzfahrt für Technikfans

In der Ausbildung bei der Oberhessischen Presse lernte Helmut Luzius noch den Bleisatz, heute steuert er die digitale Zeitungsproduktion. Eine willkommene Abwechslung für den Technikfan.

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Helmut Luzius wurde in Roßdorf geboren und lebt heute mit seiner Familie in Rauischholzhausen. Im Mai hat der 50-Jährige eine Reise mit einem Containerschiff von Rotterdam ins englische Hull unternommen.

Quelle: Helmut Luzius

Rauischholzhausen. „Als ich da auf der Brücke rumstand und die Philippinos die Container verladen haben, habe ich mich schon gefragt, was ich da eigentlich mache“, erinnert sich Helmut Luzius. Die Container flogen einer nach dem anderen auf das Deck des Frachters und wurden dann von den Matrosen gesichert. Wer im Hafen oder auf dem Schiff die gesicherten Wege verlässt, läuft Gefahr, von einem der fliegenden Kolosse erschlagen zu werden.

Helmut Luzius, 50 Jahre

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Zu seinem 50. Geburtstag hatte der Holzhäuser von seiner Frau Petra und der Familie eine Containerschiffreise geschenkt bekommen. Für viele Menschen ist es wahrscheinlich schwer nachvollziehbar, warum jemand viel Geld ausgibt, um mit einem Containerschiff zu reisen. Luzius hat auch nichts gegen Passagierschiffe und Kreuzfahrten, aber die Schiffe, die nicht zum Spaß der Passagiere, sondern aus logistischen Gründen über die Meere fahren und der Einblick in die Welt der Seeleute hat ihn gereizt.

Durch die Nordsee bis ins englische Hull

Als das Schiff im Mai im Hafen von Rotterdam ablegt, sind alle Zweifel verflogen. In etwa 25 Metern Höhe gleitet Luzius direkt neben dem Captain wie auf einem Aussichtsturm durch den gigantischen Hafen - „das war absolut irre“, sagt der 50-Jährige. Es dauert fast eine Stunde, bis der russische Kapitän den Koloss aufs offene Meer in Richtung England gesteuert hat. Währenddessen steht Luzius an seiner Seite auf der Brücke und sieht zu, wie hinter den Containerstapeln am Ufer die Sonne untergeht.

Mit der romantischen Vorstellung vom weiten stillen Meer hat die Nordsee allerdings auch nach Sonnenuntergang nichts gemein. „Wir sind doch längst weg von der Küste“, denkt Luzius, als er rund um das Schiff immer noch Lichter sieht. Bald darauf stellt er fest, dass die Lichter in der Ferne nicht von der Küste, sondern von Schiffen stammen. Sie liegen in der Nordsee auf Reede, bevor sie in die Häfen fahren.

Während das Containerschiff in Richtung England fährt, probiert Luzius in der Kombüse Tintenfisch und legt sich dann schon früh in seiner Kajüte zur Ruhe. Noch bevor der Frachter das Flussdelta bei Hull gegen sechs Uhr morgens erreicht, steht Helmut Luzius schon wieder mit der Kamera auf der Brücke.

Einblick in den Maschinenraum des Frachters

Luzius ist zuallererst Flugzeugfan. Aber auch alles andere, das geölt werden muss, um rund zu laufen, interessiert ihn seit seiner Kindheit. Das Interesse für Technik hat Luzius auch auf die Idee gebracht, in der Druckerei der Oberhessischen Presse ein Praktikum und später die Ausbildung zum Foto- und Schriftsetzer zu machen. Seit dem Ende der 70er-Jahre hat sich in der Zeitungsproduktion allerdings einiges verändert: Heute arbeitet Luzius zwar immer noch an der Schnittstelle zwischen Redaktion und Druckerei, aber die Seiten erscheinen digital auf dem Bildschirm, bevor er sie bearbeitet und in die Druckerei weiterleitet.

Ein Highlight der Containerschifffahrt ist für den Technikfan, als einer der Offiziere ihn mit in den Maschinenraum nimmt. „Die Frachter tanken nicht einfach Diesel, sondern eine Art Schweröl“, erfährt Luzius. Der Treibstoff sei ein Abfallprodukt aus der Erdölraffinerie. Er werde an Bord erst in einer Zentrifuge von Schmutzpartikeln befreit und dann noch erhitzt, bevor er den Schiffsmotor antreiben könne. Ganz genau verstehen kann Luzius seinen Guide aber nicht, weil es im Maschinenraum sehr laut ist.

„Das ist doch nur ein bisschen Wind!“

In Hull bleibt das Schiff fast neun Stunden im Hafen stehen, wird zunächst ent- und dann wieder beladen. Luzius‘ Versuch, die britische Stadt zu erkunden, endet allerdings nach mehreren Kilometern Wanderung noch immer auf dem Hafengelände. Ohne Taxi oder Fahrrad wäre der Weg in die Stadt für einen kurzen Landgang zu weit gewesen.

Am Abend macht sich die Crew mit dem beladenen Schiff wieder auf die Rückfahrt. „Scheiß Wetter“, sagt Luzius zu einem Matrosen, der draußen zu tun hat. „Wieso? Ist doch nur ein bisschen Wind“, sagt der ungerührt von den meterhohen Wellen, die das Schiff in Wallung versetzt haben. Während die Ingenieure bei Kreuzfahrtschiffen versuchen, den Seegang durch Technik abzumildern, bekommt Luzius jetzt mit, was für Seemänner nur „ein bisschen Wind“ ist. Doch er gewöhnt sich an die Bewegung und schläft trotz der Wellen auch in der zweiten Nacht an Bord des Frachters gut in seiner Koje.

Nach drei Tagen zurück in Rotterdam verlässt Luzius die Welt der Seemänner wieder und macht noch ein paar Tage Urlaub mit seiner Frau am Strand. Dann geht es wieder zurück nach Rauischholzhausen, wo die beiden seit 1989 wohnen. Dass Luzius im sogenannten „geburtenstarken Jahrgang“ 1964 geboren wurde, merkt er vor allem an der Entwicklung in seiner Heimat. Die Schule in Rauischholzhausen ist inzwischen eine Zwergenschule und dass auf der Straße in Roßdorf abends mal 15 Kinder zusammen spielen, ist heute eine Seltenheit geworden. „Jetzt wohnen da vor allem ältere Leute“, sagt Helmut Luzius.

von Thomas Strothjohann

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