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Ein junger Schäfer mit Meistertitel

Das wär mal eine(r) Ein junger Schäfer mit Meistertitel

Johannes Lies hat sich ­einen heute eher ungewöhnlichen Berufswunsch erfüllt: Er ist Schäfer geworden. Den Beruf hat er in einer Ausbildung gelernt. Nun macht er sich mit 200 eigenen Mutterschafen selbstständig.

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Stiefel, Hut und Stock und auf dem Rücken eine Matte: Johannes Lies ist ausgebildeter Schäfer mit Meistertitel. Er hat seine Liebe zu Tieren und der Natur zum Beruf gemacht.Fotos: Grähling

Oberweimar. In Oberweimar kennen viele Spaziergänger Johannes Lies. Der 27-Jährige ist nämlich den ganzen Tag mit seinen Schafen auf den Wiesen rund um den Weimarer Ortsteil unterwegs - neun Stunden jeden Tag, egal bei welchem Wetter. „Nach Möglichkeit halte ich meine Schafe nicht auf einer umzäunten Koppel“, erklärt Lies. „Ich ziehe mit der Herde von Wiese zu Wiese. Denn das Hüten macht für mich die Arbeit eines Schäfers aus.“

Eigentlich wollte Lies Abitur an der Elisabethschule machen und anschließend Agrarwirtschaft studieren. Ein Praktikum eröffnete ihm allerdings neue Perspektiven: „Mir hat die Arbeit auf dem Lehr- und Forschungshof der Marburger Universität so zugesagt, dass ich die Schule mit dem Fachabitur beendet und eine Ausbildung bei der Uni begonnen habe“, erzählt Lies. Er machte an der Uni eine Ausbildung zum Tierwirt in der Fachrichtung Schäferei, verkürzte seine Lehrzeit sogar auf zwei Jahre. „Ich bin übernommen worden und habe 2015 auch noch meinen Meisterabschluss gemacht.“ Derzeit kümmert Lies sich noch um die Tiere der Uni, geht nach Feierabend dort mit seinen eigenen Schafen auf die Weiden. Allerdings wagt er den Sprung in die Selbstständigkeit: „Zum Herbst habe ich gekündigt“, erklärt er. Dann will er ganz für seine 200 Mutterschafe da sein. Die Herde habe er neben seiner Arbeit an der Uni langsam aufgebaut.

„Mein Opa hatte früher auch Schafe“, erklärt der Oberweimarer. „Ich mag die Tiere gut leiden und ich mag das Hüten.“ Sein Job habe viele Vorteile: So könne er sich den Tag selbst einteilen, sei in der Natur unterwegs und arbeite eng mit seinen Hütehunden zusammen. „Ohne Hütehunde könnte ich meine Arbeit mit einer Herde in der Größe nicht machen“, erklärt Lies. Deshalb habe er immer zwei seiner insgesamt sechs Altdeutschen Hütehunde mit auf der Weide. Die machen ihre Arbeit auch sehr gewissenhaft: Während Lies dies sagt, patrouilliert einer der Hunde entlang der Straße, der zweite achtet darauf, dass sich kein Schaf dem angrenzenden Getreidefeld nähert. „Ich habe sie selbst ausgebildet“, erklärt Lies.

Im Prinzip hat der junge Schäfer von Frühjahr bis Herbst jeden Tag einen ähnlichen Tagesablauf: Morgens um zehn Uhr holt er seine Schafe aus dem Pferch, bringt sie dann auf verschiedene Wiesen. „Zwischendurch haben wir eine Stunde Mittagspause, dann ruhen auch die Schafe und verdauen“, erklärt er. In den Stunden davor und danach ist er jedoch regelmäßig in Bewegung: „Ich gehe die Weiden nach der Schmackhaftigkeit ab“, erklärt er. Vormittags, wenn die Tiere sehr hungrig sind, gehe er auf die Wiesen, die seine Schafe nicht so gerne abgrasen. „Abends gehen wir dann auf die frischen Wiesen, die ihnen besonders gut schmecken“, erklärt Lies. So bringt er seine Tiere satt und zufrieden in den Pferch. Schließlich sollen die Lämmer auch zunehmen, bevor sie im Herbst verkauft werden. „Ich nutze das zur Verfügung stehende Futter so optimal“, erklärt Lies. Das sei ein Vorteil gegenüber einer Koppelhaltung. Auch sei der Arbeitsaufwand geringer, weil er keine Zäune stellen müsse.

„Außerdem habe ich meine Herde immer im Blick, wenn ich den ganzen Tag bei ihr bin.“ Am Verhalten könne er dann etwa Krankheiten früher erkennen - er lerne aber auch, welche Wiesen seine Tiere besonders gerne abgrasen.

Eigene Wiesen hat Lies nicht viele. Seine Schafe dürfen aber das saftige Grün von den Wiesen eines anderen Landwirts aus dem Dorf fressen - und er beweidet die Flächen entlang der neuen Ortsumgehung.

Bis in den Winter hinein ist Lies möglichst lange draußen mit seinen Schafen. „Jeder Stalltag kostet mich Geld. Die Kälte macht den Schafen nichts aus und ich kann mich warm anziehen“, erklärt er. Lammzeit habe er dann im März. Für Lies beginnt der Tag in dieser Zeit immer sehr früh: Ich gehe um Mitternacht das letzte Mal in den Stall und bin dann ab circa fünf Uhr wieder dort“, erklärt er. Denn wenn seine Schafe lammen, ist er möglichst dabei. Nach der Lammzeit geht es dann raus mit den Tieren auf die Wiesen, wo die Schafhaltung Lies kein Geld mehr kostet. „Schäfer sind Idealisten“, erklärt er. „Denn den Stundenlohn darf man sich nicht ausrechnen.“ Überhaupt sei sein Beruf ohne die Ausgleichszahlungen der EU kaum möglich. „Mit der Wolle verdient man fast kein Geld, sondern nur über die Lammverkäufe und Geld für die Landschaftspflege.“

Damit sich die Arbeit lohnt, will Lies seine Herde weiter vergrößern. „Nächstes Jahr im Sommer bringe ich meine Herde dann ins Sauerland zu meiner Freundin“, erklärt er. Er habe sie auf der Meisterschule kennengelernt und sie habe keine eigene Herde, dafür stehen dem Schäferpaar dort 23 Hektar Land zur Verfügung. „Das ist dann unsere Weide und wir sind dort mit unserer Herde ganz auf uns gestellt.“ Zum Überwintern kommt Lies mit seiner Herde jedoch zurück zum Stall in Oberweimar. Die Spaziergänger dürften ihn dann also weiterhin im Frühjahr und späten Herbst auf den Wiesen rund um das Dorf antreffen.

von Patricia Grähling

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