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Ein heller Stern mit vielen Namen

Gedenkfeier zur Pogromnacht Ein heller Stern mit vielen Namen

Synagogen wurden zerstört, Menschen misshandelt und umgebracht. In den Pogromnächten vor 74 Jahren geschahen schreckliche Dinge - auch in Roth, Lohra und Fronhausen. Die Opfer sind nicht vergessen.

Roth. Sie stellen sich gemeinsam gegen das Vergessen. Rund 70 Menschen finden sich am Donnerstagabend in der sanft beleuchteten Landsynagoge Roth ein und gedenken der Menschen aus Roth, Lohra und Fronhausen, die vor 74 Jahren zu Opfern und Mordopfern von Hitlers Terrorregime wurden.

Dr. Annegret Wenz-Haubfleisch, Vorsitzende des Arbeitskreises Landsynagoge Roth, gestaltet die Feier gemeinsam mit Schülern der Gesamtschule Niederwalgern, die aus alten Briefen und Akten vortragen. Mit dabei ist auch Amnon Orbach, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Marburg, der später das Kaddisch der Trauernden singen wird.

Getrauert wird an diesem Abend um die 13 Männer aus den drei Dörfern, die am 10. November 1938 als so genannte Aktionsjuden abgestempelt, ihrem Zuhause und ihren Familien entrissen, festgenommen und nach Buchenwald gebracht wurden, wo man sie erbarmungslos quälte und erniedrigte. Manche von ihnen starben dort, andere kehrten sehr verändert zurück. So berichtete Trude Löwenstein aus Fronhausen über ihren erst 16 Jahre alten Bruder Karl, der aufgrund seiner Jugend aus Buchenwald zurückgeschickt wurde, er sei danach „nicht mehr dieselbe Person“ gewesen. Unter den jüngsten, die ihren Familien entrissen und nach Buchenwald gebracht wurden, war auch der 16-jährige Heinz Bergenstein aus Roth, der 1941 nach Riga deportiert und 1944 in Stutthof ermordet wurde (Foto Kennkarte: Förderverein Landsynagoge).

Die Synagoge in Roth wurde am 8. November 1938 innen völlig verwüstet. Abgebrannt wurde sie nicht - das unterließ man wegen der Gefahr für die angrenzenden Bauernhöfe. Gottesdienste waren danach nicht mehr möglich. Und im Januar 1939 wurde die Synagoge mit der Mikwe an zwei Anwohner verkauft.

Gemeinsam mit den Schülern erinnerte Wenz-Haubfleisch daran, dass die meisten der nach Buchenwald verschleppten jüdischen Bürger aus den drei Dörfern in den Jahren 1941 / 42 mit ihren Familien nach Riga oder Theresienstadt deportiert wurden. Keiner von ihnen überlebte. Zu den Verschleppten aus Roth gehörten am 8. Dezember 1941 die Familie Höchster mit den Eltern Hermann und Bertha, 60 und 52 Jahre alt, Sohn Helmut, 13 Jahre alt und Tochter Ilse, die erst am 1. März 1943 von Berlin nach Auschwitz deportiert wurde im Alter von 21 Jahren. Nach Riga deportiert wurden auch die Familien Bergenstein aus Roth mit den Eltern Josef und Klara, 46 und 40 Jahre alt und den Kindern Heinz, 19 Jahre, und Kurt, 13 Jahre, die Familie Nathan mit Mutter Pauline, 57 Jahre alt, Tochter Cilly, 21 Jahre, und Schwägerin Gertrude, 44 Jahre. Am 6. September 1942 brachte man die Familie Stern aus Roth mit Mutter Bertha, 72 Jahre alt, den Söhnen Louis, 47 Jahre, und Hugo, 45 Jahre, nach Theresienstadt. Der Vater, Herz Stern, war bereits am 18. August mit 76 Jahren aus einem Altersheim im Frankfurt dorthin deportiert worden.

Aus Fronhausen deportierte man am 8. Dezember 1941 nach Riga: Johanna Bachenheimer, 46 Jahre alt, Regina Löwenstein, 63 Jahre, mit Sohn Hermann, 25 Jahre, Julius Löwenstein, 62 Jahre, Sybilla Neuhaus, 43 Jahre, und Johanna Löwenstein, 45 Jahre, mit ihren Kindern Karl, 19 Jahre, Jenni, 18 Jahre, Trude, 17 Jahre, und Friedrich, 16 Jahre. Mit auf dem Transport war auch Alfred Löwenstein aus Oberwalgern, 45 Jahre alt.

Aus Lohra verschleppte man die Familie Nathan mit Mutter Berta im Alter von fast 80 Jahren 1941 nach Riga, die Tochter Blümchen Paula im Alter von 46 Jahren nach Theresienstadt im Jahr 1942. Aus der Familie Nathan I wurden 1942 nach Theresienstadt deportiert: Vater Hermann im Alter von 66 Jahren und Mutter Berta, ebenfalls 66 Jahre.

In Erinnerung an die Opfer und ihr Leid erstrahlt der Stern auf dem Boden der Landsynagoge am Donnerstagabend im Licht von vielen Kerzen. Die Namen der Juden aus Roth, Fronhausen und Lohra sind eingraviert, auf dass sie nicht vergessen werden - und auf dass die Schreckensherrschaft, unter der Deutschland einst stand, nicht vergessen wird.

Menschenkette umgibt jüdischen Friedhof

Wenz-Haubfleisch lenkt die Erinnerung der Menschen in der Synagoge an diesem Abend auch auf die jüngere Vergangenheit.

Es geht um die Ereignisse aus dem Januar dieses Jahres, um die Schändung von Grabmalen auf dem jüdischen Friedhof in Roth und um das Signal, das kurz darauf mehrere hundert Menschen gemeinsam gesetzt haben: „Wir hatten eine Mahnwache mit überwältigender Beteiligung - wir waren so viele, dass wir, einander die Hand reichend, den Friedhof mit einer Menschenkette schützend umspannen konnten.“ Ein hoffnungsvolles Zeichen, das stärker wirkt, als das Hakenkreuz, das zuvor mit roter Farbe auf das Holocaust-Mahnmal geschmiert worden war.

n Weitere Gedenkfeiern in diesen Tagen im Landkreis: An diesem Sonntag, 11. November, weihen die Stadt Marburg und die Jüdische Gemeinde Marburg den „Garten des Gedenkens“ in der Universitätsstraße ein. Beginn ist um 16 Uhr. In Wetter wird an diesem Samstag, 10. November, der Verwüstung der Synagoge im Jahr 1938 gedacht. Beginn ist um 18.30 Uhr in der ehemaligen Synagoge. Das Duo „Café Sehnsucht“ gibt ein Konzert unter dem Titel „Geliebt - Gelacht - Gelitten“ mit Liedern, die der Feder von Künstlern entstammen, die in der Zeit der Nazidiktatur Verfolgung oder gar den Tod erleiden mussten. Der Eintritt ist frei.

von Carina Becker

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