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Ein Platz erinnert an einen jüdischen Mitbürger

20 Jahre Arbeitskreis Landsynagoge Roth Ein Platz erinnert an einen jüdischen Mitbürger

Herzlich und emotional ging es zu am Freitag in der Landsynagoge Roth, und das in vielerlei Hinsicht. Mit einem Festakt und zahlreichen Gästen aus dem In- und Ausland feierte der Arbeitskreis sein 20-jähriges Bestehen.

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Gemeinsam und tief bewegt weihten die Vorsitzende Dr. Annegret Wenz-Haubfleisch (links) und Herbert Roths Tochter Deborah Roth-Howe den Gedenkplatz ein.

Quelle: Ina Tannert

Roth. Nicht nur eine mahnende Rückbesinnung und das Erinnern an die Opfer der NS-Zeit standen im Vordergrund der Jubiläumsfeier – auch herzliche Freundschaften im Ausland wurden gepflegt und erneuert und gemeinsam ein ganz besonderer Gedenkort eingeweiht.

Zahlreiche Gratulanten begrüßte die Vorsitzende Dr. Annegret Wenz-Haubfleisch. Sie erinnerte an die 15 ehemaligen jüdischen Bewohner von Roth und zahlreiche weitere Menschen aus der Umgebung, die der Verfolgung und Vertreibung der Nationalsozialisten zum Opfer fielen. Einigen ehemaligen Bewohnern gelang die Flucht, sie emigrierten in die USA. Zu mehreren Betroffenen und deren Nachkommen hält der Arbeitskreis bis heute Kontakt und konnte diese zum Jubiläum in Roth begrüßen.

Ein weiterer Ehrengast stand dabei ganz besonders im Mittelpunkt des Festakts: der im vergangenen Jahr verstorbene Herbert Roth. Dieser, 1923 in Roth geboren und aufgewachsen, floh im Jahr 1938 mit seiner Familie nach Chicago und entkam so der Verfolgung durch das NS-Regime. Weitere Angehörige wurden verschleppt und kamen im Lager Theresienstadt und in Auschwitz ums Leben. In den USA baute sich Roth mit seiner Familie ein neues Leben auf, ersparte seinen Kindern damit ein ungewisses Schicksal im Deutschen Reich. Trotzdem zog es den gebürtigen Rother später zurück in seine Heimat. Mehrfach besuchte er seinen Geburtsort, begegnete der gemeinsamen Vergangenheit mit großer Offenheit, unterstützte die Bemühungen des Arbeitskreises und half bei der Restaurierung der alten Synagoge: Sein Einsatz habe die Initiative „tief bereichert“ – Roth war „Initiator, Freund und immer ein Brückenbauer“, erinnerte Wenz-Haubfleisch.

Platz bewahrt Andenken an Herbert Roth

Zu Ehren des bekannten jüdischen Bewohners wurde der Bereich vor der Synagoge offiziell zum Herbert-Roth-Platz ernannt. „Ein wundervoller Platz, um sein Andenken zu bewahren und seine Botschaft zu erhalten: niemals gegenüber Hass und Diskriminierung gleichgültig zu sein“, so die Vorsitzende. Zu Ehren des Verstorbenen besuchte auch seine Tochter Deborah Roth-Howe aus Chicago die Feier und erneuerte gleichzeitig eine spürbar herzliche Freundschaft zwischen ihrer Familie und den Mitgliedern des Arbeitskreises. Sichtlich bewegt enthüllten diese gemeinsam das Ehrenschild, bei der Zeremonie floss die ein oder andere Freudenträne.

„Was ihr für meinen Vater getan habt, ist außerordentlich. Er war tief ergriffen von eurer Arbeit, sein Werk mit den Menschen aus Roth ist eines seiner stärksten Vermächtnisse“, bedankte sich seine Tochter herzlich und gerührt bei den Anwesenden. Wie ihre eigene Tochter und weitere Nachkommen der Überlebenden des Holocausts hält sie regen Kontakt zu dem Verein, widmete sich mit den Mitgliedern der Aufarbeitung der gemeinsamen Vergangenheit. Dies sei ein herausragendes Beispiel, „wie Kinder von Tätern, Mitläufern und Opfern zusammenarbeiten und gemeinsam tiefe Wunden heilen können“, betonte Roth-Howe.

Zachow: "Baudenkmal mit Ausrufezeichen"

An den Feierlichkeiten teil nahmen ebenfalls zahlreiche Gratulanten von Gemeinde, Kreis, den schulischen Partnern und Unterstützern. Dank der steten Bemühungen und Anstrengungen der Initiative entwickelte sich die ehemalige Synagoge „zu einer Begegnungs- und Mahnstätte, deren Bekanntheit weit über die Kreisgrenzen hinausgeht“, lobte Reinhard Karber vom Gemeindevorstand. Durch die „wirklich engagierte und versöhnliche Arbeit“ der Mitglieder konnte „ein Baudenkmal mit Ausrufezeichen, das zum Nachdenken anregt“, erhalten bleiben, betonte auch der Erste Kreisbeigeordnete Marian Zachow. Der Festakt am Freitag stand ganz im Zeichen der Erinnerung an die Familie Roth, das folgende Wochenende feierte der Arbeitskreis gemeinsam mit zahlreichen Gästen, jiddischer Musik und Darbietungen der Jüdischen Gemeinde Marburg und gab einen Rückblick auf die vergangenen Jahrzehnte.

Der Arbeitskreis wurde am 27. Januar 1996, dem Gedenktag an die Befreiung von Auschwitz, gegründet. Bereits Jahre zuvor setzte sich eine Initiativgruppe für den Erhalt der ehemaligen Synagoge von Roth sowie den jüdischen Friedhof ein und knüpfte Kontakte zu Überlebenden in den USA. Heute ist die ehemalige Synagoge geschichtsträchtiger Kulturort, Gedenkstätte und außerschulischer Lernort für Schulen der Region in einem.

von Ina Tannert

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