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Ein Familienstreit, zwei kontroverse Geschichten

Aus dem Amtgericht Ein Familienstreit, zwei kontroverse Geschichten

Familienzwist vor Gericht. Brutal soll ein junger Mann aus dem Südkreis die Freundin seines Bruders angegriffen, geschlagen und getreten haben. Die angebliche Attacke konnte ihm vor Gericht nicht nachgewiesen werden.

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Vor dem Marburger Amtsgericht wurde ein junger Mann wegen einer angeblichen Attacke auf die Freundin seines Bruders angeklagt und freigesprochen.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Zwei skurrile Geschichte über einen Familienstreit beschäftigten vergangene Woche das Amtsgericht. Der verwirrende Fall ließ Zweifel zurück, das Gericht sprach den vermeintlichen Angreifer frei.

Laut Anklage klingelte die Lebensgefährtin des Bruders Anfang April vergangenen Jahres bei dem 27 Jahre alten Beschuldigten „um ihn zur Rede zu stellen“. Bereits über die Sprechanlage soll der aufgebrachte Mann gedroht haben, der jungen Frau „die Fresse einzuschlagen“.

Nachdem er aus der Haustür trat, schlug er ihr angeblich erst gegen die Schulter, soll sie dann zu Boden gerissen ihr dann gegen das Bein getreten haben. „Er stand mit erhobener Faust vor mir, so kenne ich ihn nicht“, teilte die vermeintlich Geschädigte aufgebracht vor Gericht mit. Dem handfesten Familienstreit gingen scheinbar diverse Auseinandersetzungen um Geld, Drohungen gegen andere Familienmitglieder und Verdächtigungen voraus.

So soll der Beschuldigte das Kind der Geschädigten bedroht haben und sich mehrfach abfällig über die Familie geäußert haben. Sie versuchte ihn wiederum auf das Problem ansprechen, teilte die Zeugin mit.

Darstellungen driften weit auseinander

Nach einem Streit mit seinem Bruder stand die Freundin vor seiner Wohnung in der Gemeinde Weimar, bestätigte der Angeklagte. Von da an driften die Geschichten weit auseinander. Sie habe ihm wutentbrannt über die Sprechanlage mitgeteilt, dass sie scheinbar aus Rache seinen Roller umgestoßen habe, das Fahrzeug weiter beschädigen wolle, sollte er nicht umgehend Stellung beziehen, beschrieb der Angeklagte die Auseinandersetzung.

Es kam zu einem lautstarken Streit vor dem Haus, angeblich jedoch nicht zu Gewalt. Die junge Frau habe sich verrückt aufgeführt, fing an „herumzutanzen“, drohte ihm „ich bringe dich in den Knast“ und begann grundlos um Hilfe zu rufen. „Ich war total geschockt“, so der Beschuldigte. Kurz darauf fuhr er mit seiner Ehefrau zu der Mutter, bei ihrer Rückkehr habe die wütende Geschädigte immer noch schimpfend vor dem Haus gestanden. Seine Aussage bestätigte seine Ehefrau, die angab, die ganze Zeit dabei gewesen zu sein.

Dem widersprach die Lebensgefährtin des Bruders vehement. Die Frau sei erst nach dem Vorfall hinzugekommen. Direkt im Anschluss ging die Geschädigte zum Arzt, ließ sich zwei Hämatome attestieren. Auch vor Gericht verwies sie auf die Stellen auf die der Angeklagte angeblich eingeschlagen hatte, verwechselte dabei die linke mit der rechten Schulter. Auch andere vermeintliche Beweise trugen nur wenig zur Aufklärung bei. So erinnerte sich mancher Zeuge daran, dass es an diesem Tag regnete, die Wiese, auf die die Frau gestoßen wurde, entsprechend matschig war. Die helle Kleidung der Frau wies jedoch keine Dreckspuren auf. Andere Zeugen wiederum widersprachen ihrer polizeilichen Aussage.

Geschehnisse lassen sich nicht rekonstruieren

Auf die alarmierten Polizisten machte die Geschädigte vor Ort einen „aufgelösten, fast hysterischen Eindruck“, ihre Geschichte schien „übertrieben“, während der vermeintliche Täter auffällig überrascht auf die Vorwürfe reagierte. Im Großen und Ganzen ließ sich das genaue Tatgeschehen nicht rekonstruieren.

Die verschiedenen Berichte der Beteiligten seien „nicht miteinander in Einklang zu bringen, irgendwer hat also gelogen“, so das Fazit von Oberstaatsanwalt Holger Willanzheimer, der sich für einen Freispruch des Angeklagten aussprach. Dem stimmte Strafrichterin Melanie Becker zu: „Bei beiden Versionen verbleiben Unklarheiten.“

von Ina Tannert

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